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AUSLÖSCHUNG

Manchmal will man einfach nur weg. Und ganz auf sich alleine gestellt die Natur erleben. Eine Stadtpflanze auf Wandertour im Südschwarzwald.

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I.

„Allein?“, sagte der Mann. „Wieso?“

Der Mann ist mein Mann und er wäre auch ohne Trauschein zu jeder Tages- und Nachtstunde bereit, mit mir auf Wanderschaft zu gehen. Einfaches Wandern unterhalb der Grenze, die es durch körperliche und technische Herausforderung zum Sport erhebt, ist ja eher etwas fürs Gemeinschaftserlebnis. Man trifft sich, marschiert los, atmet frische Luft und beplaudert dies und das und die großen und die kleine Probleme des Lebens und der Welt. Am Ende des Tages ist der Kopf klar, die Stimmung heiter, der Körper müde und der zivilisationsgeschädigte Mensch hat das Gefühl auf seinen Ursprung, auf sein natürliches Sein, gestoßen zu sein. Vielleicht hat er aber auch nur einen Muskelkater.

„Allein?“, sagte die Dame vom Tourismusbüro Hinterzarten im Südschwarzwald am Telefon und sie hatte sich gerade noch soweit im Griff, dass ihr das Wieso nicht rausrutschte. Trotzdem schwang es verräterisch in ihrer Stimme mit. Ich wollte nicht nur alleine wandern, ich wollte auch noch alleine übernachten und zwar zweimal, jeweils in einer anderen Hütte.

Was ich auch noch glaubte, aus ihrer Stimme heraus zu hören: „Wollen Sie hier bei uns jetzt einen auf Jakobsweg machen?“ Nein, wollte ich nicht. Ich wollte weder mich noch den Sinn des Lebens finden, vor allem weil ich, ganz pragmatisch, nicht daran glaube, dass man auf einer dreitägigen Wanderung vom Blitz der Erkenntnis gestreift wird. Außerdem finde ich selten etwas. Schwammerln so gut wie nie und Heidelbeeren nur, wenn sie den Waldboden wie ein Teppich überziehen, über den man drüberstolpern muss.

Ich wollte ehrlicherweise nur einmal raus. Die Natur riechen, den Körper bewegen und die Festplatte im Kopf entleeren. Das Ordnungssystem in meinem Gehirn habe ich noch nie durchschaut. Keine Ahnung, wie die einzelnen Ordner dort archiviert werden. Keine Ahnung, wann und wieso ein gar arg verstaubtes Bild plötzlich aus der Erinnerung wieder auftaucht. Schon als Kind wünschte ich mir eine übersichtliche Bibliothek in meinem Kopf, aus der, wie in der Stadtbücherei, das gewünschte Werk zum Beispiel im Gang 3, Abteilung F, sofort parat liegt. Aber damals habe ich mir auch vorgestellt, dass jedes Haar unter der Kopfhaut auf einer kleinen Rolle aufgewickelt ist und mein Vater eine Glatze hat, weil seine Rollen abgespult sind.

 

II.

Meine absolut ungeordnete Festplatte jedenfalls war heuer nach den grauen Wintertagen übervoll. Mehr als sonst, war mir diesmal die Stadt zu eng geworden, haben sich Nebel und trockene Raumluft in meinen Gehirngängen festgesetzt, wie altes Fett im Filter einer Dunstabzugshaube. Ich fühlte mich vollgelabbert und leergeredet, ich wollte Stille um mich oder zumindest nur Geräusche, an denen kein Mensch Schuld war.

Handyläuten zum Beispiel. Seit zwei Stunden marschiere ich jetzt schon auf Forstwegen von Hinterzarten Richtung Baldenweger Hütte und hänge dabei ungestört meinen Gedanken nach. Ich habe nämlich das Handy abgedreht und bis zur Raimartihütte kein einziges Mal daran gedacht. Jetzt stehe ich am Ufer des kleinen Feldsees, der von ein paar Hektar Bannwald umgeben ist. Ein bißchen Mickey Maus im Vergleich zum großen, zum hundertjährigen Bannwald im Nordschwarzwald bei der Hornisgrinde, wo sich sogar der Borkenkäfer ohne menschlichen Eingriff austoben durfte, bis es ihm zu blöd wurde und er von alleine wieder verschwand. Warum ich ausgerechnet jetzt ans Handy denke? Weil ich den Feldsee fotografieren wollte. Und zwar gemäß der Diktion der Neuzeit, in der ja nur real ist, was man auch bildlich festgehalten hat.

Komische Welt, denke ich, in der man die Bilder nicht mehr im Kopf abspeichert, in dem man sich ruhig auf eine Bank setzt, um sich diesen Moment nur einfach einzuprägen. Mit allen Sinnen. Man riecht ihn nämlich schon, den Frühling. Der Waldboden ist noch nass und schwer vom dahingeschmolzenen Schnee, doch er hat sein modriges Odeur verloren. Man sieht ihn auch schon, den Frühling. Die Buchen stehen zwar noch nackt herum, doch so wie sie ihre kahlen Äste verheißungsvoll in den babyblauen Himmel strecken, wird ihnen bald der Saft einschießen. Man hört ihn am Gezwitscher der Vögel, man spürt ihn an den Sonnenstrahlen, die einem bereits um ein paar Grad wärmer die Wangen kitzeln. Ok, das mit dem Schmecken würde jetzt nur klappen, würde ich in ein Bockerl beißen, denn vor Mitte April braucht man hier auf nichts genießbares hoffen.

Ich habe nicht fotografiert. Ich habe das Bild vom Feldsee auf den ungeordneten Haufen in meinem Hirn geworfen und insgeheim gehofft, dass dabei andere, weniger schöne Bilder aus dem Gedächtnis verschwinden. Man wird sich ja noch was wünschen dürfen.

Markierungen zum Beispiel. Folgen Sie dem Feldbergsteig, hat es geheißen. Doch dieser müßte jetzt irgendwo links vom Güterweg in den Wald abzweigen. Hier ist ein Wegerl, aber kein Wegweiser. Ratlos marschiere ich ein Stück weiter und setze auf die Gründlichkeit der Deutschen. Wo ein richtiger Weg, da ein Schild und so ist es nach der nächsten Biegung dann auch. Entlang des Sägenbaches führt der Steig ziemlich in der Direttissema bergauf und ich hätte in den letzten Wochen weniger oft mit dem Aufzug fahren sollen. Immerhin finde ich nach kurzer Zeit meinen Rhythmus, außer meinem Geschnaufe höre ich aber nichts mehr.

In Deutschland ist übrigens auch das Wetter pünktlich. Für 16 Uhr hatte der örtliche Wetterdienst Regen angesagt, Punkt 16 Uhr beginnt es zu tröpfeln. Da bin ich aber bereits in Sichtweite der Baldenweger Hütte. Leider ausgebucht, sagt die Wirtin, also ziehe ich nach einem Stamperl vom legendären Nussschnaps ums Eck im Naturfreundehaus ein, wo ich das einzige Einzelzimmer ergattere.

Um 21.30 Uhr liege ich im Bett. Wegen dir werfe ich den Herd nicht an, hatte der Hüttenwirt gesagt und dabei nicht unfreundlich aber unerbittlich dreingeschaut. Außer mir ist das Haus ausschließlich von Selbstversorgern bevölkert, drum gab es für mich nur kalte Platte aber immerhin warmen Tee in der leeren Gaststube, weil die Selbstversorger in einem Extrazimmer futterten. Ich bin hundsmüde und ja, ich bin jetzt einsam. Da hilft auch das Handy nichts. Der Empfang ist zu schwach zum Telefonieren und fürs Internet. Grad einmal Nachschauen kann man, welche Anrufe und Smsen man versäumt hat. Nichts, was nicht warten kann, denke ich, bevor die Festplatte in meinem Kopf in den Ruhezustand runter fährt.

 

III.

Bei Inversion siehst du die Zugspitze, den Montblanc und die Vogesen, hatte der Hüttenwirt gesagt. Momentan sehe ich gerade noch bis zum nächsten Maulwurfhügel, während ich den Steilhang hinterm Naturfreundehaus zum Baldenweger Buck hinauf stapfe. Psychologisch einwandfrei, wenn das steilste Stück der Tagesetappe gleich zu Beginn in Angriff genommen wird. Mein Körper pfeift aber drauf, ich komme nicht und nicht in den Tritt.

Vielleicht weil ich vor lauter Nebel mein unmittelbares Ziel, den Feldberg (1.493 Meter und der höchste Berg Baden-Württembergs) nicht anvisieren kann. Es ist saukalt, der Nebel lässt keine Distanzen mehr erkennen und ich fühle mich klein und schutzlos der Natur ausgeliefert, obwohl nur ein paar Kilometer weiter die Zivilisation stattfindet. Gespenstisch erscheint der Funkturm wie ein Scherenschnitt auf dem Gipfel. Daneben ist schemenhaft die Wetterstation zu erkennen, wo bis letzten Februar ein Mann, einen der einsamsten Jobs Deutschlands erledigte. Jetzt läuft da alles automatisch. Ich bin verärgert, weil sich der Höhepunkt meiner Tour gar so keusch in Wolken hüllt und mir das Erfolgserlebnis „Panoramablick“ verweigert. Nicht einmal ein Blick auf den Titisee war mir vergönnt.

Ti-ti-see, Ti-ti-see, skandiert es aus einem Ordner in meinem Hirn. Thomas Bernhard, sein letzter Roman „Auslöschung“, der Weinflaschenkaspelfabrikant aus Freiburg, die Titiseetante – und während ich bernhardesk missmutig auf dem Bergkamm Richtung Hüttenwasen trabe, wird es heller. Die weiße Wolkenwand bekommt einen zarten blauen Schimmer, dann reißt sie auf, wird von Sonnenstrahlen in Schwaden zerteilt, die langsam in die Ferne davon wabbern. Jetzt liegt mir die Landschaft wie ein imposantes Gemälde von William Turner zu Füssen, in meinem Rücken ragt klar der Funkturm in den blauen Himmel und sagt Ätsch. Ich sage auch Ätsch, denn dieser magische Moment wird für immer in meinem Hirn archiviert bleiben (zur Sicherheit habe ich ihn auch fotografiert). Und der Feldberg bekommt einen Minuspunkt.

Der Rest der Wanderung verläuft heiter und beschwingt im Sonnenschein. Leichten Schrittes folge ich der gelben Raute durch den Nadelwald, wo man im späten Frühling die Auerhähne beim Balzen hören kann. Wildschwein kommt mir keines in die Quere, obwohl es neben der eigenen Phantasie vermutlich die einzige Gefahr in der Gegend ist. Stocksteif stehen bleiben, hat man mir als Ratschlag mit auf den Weg gegeben, oder auf einen Baum klettern. Hmmm.

Ätsch sage ich noch einmal Richtung Feldberg als ich vom Toten Mann (1.321 m) einen wunderbaren Fernblick zum Nordschwarzwald und über die Rheinebene bis zu den Vogesen habe. Bei den Stollenbacher-Skiliften hat man die Stangen bereits abmontiert und über die Piste komme ich zu meinem zweiten Übernachtungsziel, einer Jurte bei der Erlenbacherhütte.

Noch nicht aufgebaut, sagt der Hüttenwirt und in mir bricht eine Welt zusammen. Bei uns bleibt keiner über, sagt er dann und ich darf im privaten Gästezimmer der Familie übernachten. Auch warmes Essen gibt es heute. Immerhin ist der kulinarische Ruf der Hütte so gut, dass man sich aus der ganzen Gegend gerne hier trifft. Und mit dem Auto anreist, was mir ein müdes Lächeln kostet.

 

IV.

Bei strahlendem Sonnenschein bin ich von der Erlenbacherhütte weg sofort im richtigen Rhythmus. Über Stock und Stein, Wiese und Wald geht es über das Zastler Loch, die Zastlerhütte bis zum Rinken und zurück nach Hinterzarten. Vorbei an mächtigen Bergahornbäumen, bemoosten Felsen und zartgrünen Berggräsern, die den Frühling so wie wir herbeisehen. Genug, denke ich, als ich nach drei Stunden den Parkplatz beim Rinken erreiche, ich rufe mir jetzt ein Taxi. Natürlich habe ich vergessen, das Handy aufzuladen. Aber für diesen einen Anruf, wird der Saft gerade noch reichen.

 

V.

„Und?“ sagt der Mann. „Festplatte neu aufgesetzt“, sage ich. „Das nächste Mal gehen wir wieder zu zweit.“

Bergglück

Servus Magazin -  April 2016