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HINTER DEN BERGEN ...

… am Ende des Lechtales steht eine alte Schule. Im einzigen Klassenzimmer lernen die Kinder zwischen 6 und 14 Jahren das ABC und das Einmaleins und dazu noch was fürs Leben.

© Foto Marco Rossi

Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als hätten wir jetzt das Jahr 1848 und gleich werden die Kinder der Bauern aus den beiden Weilern Gehren und Lechleiten ins kleine Schulhaus strömen. Sie werden an den Holzpulten Platz nehmen und mit roten Wangen eifrig ihre Taschen auspacken. Bis der Herr Lehrer kommt. Dann werden sie aufspringen, gemeinsam das Vater-Unser murmeln und wenn der Herr Lehrer nach dem Amen laut Setzen! sagt, werden sie auf ihre wackeligen Holzstühle plumpsen, um in eine andere Welt, in die Welt des Wissens, einzutauchen.

Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben, genau so steht das alte Holzschindelhaus am Rande von Lechleiten und führt den Besucher nostalgisch-romantisch in die Irre. Sie ist natürlich nicht stehen geblieben, die Zeit, hier im westlichsten Zipfel von Tirol, selbst wenn sich das Morgen-Ritual seit 166 Jahren täglich um 8 Uhr unverändert abspielt. Ansonsten lebt man bodenständig im hier und jetzt, also im Jahr 2014. Draußen an der Schindelwand ist ein Basketballkorb montiert, drinnen lächeln Bundespräsident Heinz Fischer und Landeshauptmann Günther Platter milde ins Klassenzimmer, in dem fünf Kinder Österreichs kleinste Gesamtschule praktizieren. Auf 1.500 Metern Höhe und umgeben von den eindrucksvollen Gipfeln der Mittagspitze (2.370 Meter) und der Höllenspitze (2.362 Meter) auf der einen, der Vorarlberger Seite, und dem mächtigen Biberkopf (2.599 Meter) auf der anderen, der Tiroler Seite.

Noch in den Zeiten als das Schulhaus gerade erbaut wurde, monierten die Gehrener und die Lechleitner gerne, wie unsinnig es sei, dass sie politisch zu Tirol gehörten und 16 Stunden bis zum Landesgericht Reutte zu gehen hätten. Viel näher und nur einen Steinwurf entfernt seien die Nachbarn im vorarlbergerischen Warth, mit denen sie eine jahrhundertealte Geschichte und die gemeinsamen Walliser Wurzeln verbindet.

Minimum drei Schüler

Heute ist man hier froh zu Tirol zu gehören, sonst wäre die Schule längst geschlossen. So wie in Warth, wo man 2011 die vom Land Vorarlberg vorgeschriebene Mindestzahl von zehn Schülern nicht mehr erreichte und die Kinder jetzt täglich ins 40 Kilometer entfernte Bezau schicken muss. In Tirol aber werden Kleinstschulen mit bis zu drei Schülern aufrechterhalten. Womit Lechleiten als Standort auch in den nächsten Jahren gesichert ist, wie sich Robert Heiß bereits anhand des umliegenden Nachwuchses ausgerechnet hat. Der gebürtige Zirler ist Direktor, Lehrer und Schulwart in einer Person und das seit 1985, als der Schulbetrieb hier wieder aufgenommen wurde. Von 1969 an war die Schule nämlich wegen Lehrermangels geschlossen. Als ihn der Schulinspektor seinerzeit gefragt habe, ob er nach Lechleiten gehen wolle, habe er „ja“ gesagt, erzählt Robert Heiß, aber nur für ein Jahr.

Es ist jetzt 9.40 Uhr und große Pause. Die haben sie alle gebraucht, der Lehrer und seine Schüler. Robert Heiß holt auf der kleinen Holzbank vorm Haus tief frische Luft, so als ob der Kopfschmerz dadurch besser würde. Der Fön, sagt er, der mache einem selbst hier heroben in den Bergen zu schaffen. Laura, 13, Sara, 12, Larissa, 11, Magdalena, 10, und Johannes, 7, hat eher das lange Stillsitzen zu schaffen gemacht. Jetzt muss die Energie raus, jetzt wird über die Wiese gejagt und mit dem Ball herum getobt, bis er im Bach landet. Und bis der Herr Lehrer wieder zum Unterricht ruft.

Geografie und Deutsch stehen heute noch auf dem Stundenplan, nachdem man in der früh mit Mathe und Deutsch den Tag begonnen hatte. Diese beiden Fächer haben sich seit Einführung der Bildungsstandards 2009 sehr verändert, sagt Robert Heiß. Der Schwerpunkt liegt jetzt bei vernetztem Denken, damit die Schüler auch fürs Leben was lernen. Die Schüler von Robert Heiß haben dazu den Vorteil, dass sie individuell betreut und zu mehr Eigenständigkeit erzogen werden. Zwangsläufig, weil ja von der 1. Volks bis zur 4. Haupt alles in einem Raum und gleichzeitig abgewickelt wird.

Conchita Wurst und Handy

Während also in Mathe die ältere Laura mit der jüngeren Sara an der Tafel eine Funktionsgleichung löst, hilft die kleine Magdalena dem noch kleineren Johannes bei einer Zahlenreihe. Und der Herr Lehrer kümmert sich derweilen um Larissa, die herauszufinden versucht, was übrig bleibt, wenn Michi und Hannes soundsosoviele Äpfel haben, davon soundsosoviele abgeben und soundsosoviele von wem anderen bekommen undsoweiterundsofort.

Die größere Herausforderung ist für Robert Heiß aber der Deutschunterricht. „Sprechen, Hören, Miteinanderreden“ sollen die Volksschüler und „aktives Zuhören, Referieren, Diskutieren“ die Hauptschüler lernen. „Versuchen Sie einmal“, sagt Robert Heiß, „bei introvertierten Bergkindern eine Sprache zu entwickeln.“

Um das zu üben, wird jede Woche ein aktuelles Thema besprochen. Letztens war es Conchita Wurst, die auch wegen ihres perfekten Englisch von den Schülern bewundert wird. Diesmal ist es „Handy im Unterricht, ja oder nein?“.

 

Die vier Mädels haben alle ein Smartphone, nur Johannes bekommt erst eines mit neun, dem anscheinend inoffiziellen Handyeintrittsalter der Gegend. Natürlich surfen sie alle im Internet und natürlich kennen sie sich mit dem Computer in der Klasse bestens aus. Besser vermutlich als Robert Heiß, dem man das Kastl irgendwann einmal hergestellt hat. Internet, sagt er, das kennen die hier eh alle von daheim.

 

Wichtiger sei, dass die Kinder bei ihm kulturell und sozial etwas lernen. Deshalb wird einerseits gemeinsam musiziert, andererseits schickt er die Kinder immer wieder mit anderen Schulen auf Schullandwochen, damit sie auch in größeren Gruppen bestehen können.

Klein-Sibirien am Arlberg

Jaja, ein Jahr wollte er nur hier bleiben, sagt Robert Heiß und schaut durchs Fenster auf die sonnenbeschienene Bergkulisse, während seine Schüler still an einer Grammatik-Aufgabe kiefeln. Also nicht ganz still, weil Johannes ganz dringend mit Magdalena tuscheln muss. „Im Volksmund auch Klein-Sibirien genannt“, sagt Robert Heiß mit leicht erhobener Stimme durchs Getuschel, „weil wir hier acht Monate Winter und es vier Monate lang kalt haben.“

Trotzdem ist er da geblieben. Selbst als 1999 das Schulhaus bis zum Dach eingeschneit war und er aus seiner Kammer im 1. Stock über dem Klassenzimmer eine Woche lang nicht mehr rauskonnte. Das einzige Mal übrigens, dass der Unterricht ausfiel. Ansonsten war immer Schule, auch für die Kinder aus dem 2 Kilometer entfernten Gehren, die theoretisch zu Fuß herüber gehen könnten. Mitten im Schulweg liegt aber ein roter Lawinenstreifen, deshalb wurde ein „Schulbus“ für sie organisiert.

Ein VW Sharan, chauffiert von der Tante der beiden Geschwister Laura und Johannes. Deren Vater war übrigens unter den ersten Schülern, die 1985 die wiedereröffnete Schule besuchten. Neben einem Gästehaus verdient er sein Geld als Baggerfahrer. Baggerfahrer! ist denn auch der Berufswunsch von Johannes, der darüber keine Sekunde nachzudenken braucht. Mehr etwas Kreatives schwebt hingegen Laura vor, die ab Herbst in Bezau eine einjährige Berufsorientierungsschule mit Schwerpunkt Handwerken besuchen wird. Übernachten wird sie dann unter der Woche in einer Pension, das tägliche Pendeln wäre zu zeitraubend.

Vom Stall ins Schulzimmer

Ein paar Häuser weiter wohnen die Schwestern Sara und Magdalena. Während sich die Zwölfjährige Sara noch nicht ganz im Klaren über ihre Zukunft ist, will die Kleine einmal Köchin werden. Ganz bestimmt und hundert pro! „Wird sie nicht“, sagt Robert Heiß hinter vorgehaltener Hand. „Sie ist unsere Gescheiteste!“ Bis heuer hielten die Eltern auf dem Hof noch Kühe, die wurden aber wegen zuviel Arbeit aufgegeben. Jetzt gibt es Hühner, die die beiden Schwestern vor der Schule füttern und auf die Wiese raus lassen.

Den kürzesten Schulweg hat Larissa, die von ihrem Kinderzimmer beinahe ins Klassenzimmer schauen kann. Sie hilft neben der Schule schon fleißig am elterlichen Bauernhof mit. Jeden abend geht’s ans Stall ausmisten plus Kühe, Rinder, Hasen und Katzen füttern, im Sommer macht sie beim Heuen mit.

 

„Wahrscheinlich wird sie auch Bäuerin“, mutmaßt Robert Heiß, der natürlich in diesem kleinen dörflichen Umfeld den Lebensweg seiner Schüler nach ihrem Abgang leicht weiter verfolgen kann. Viele gehen danach in die fünfjährige Tourismusschule nach Bezau und schlagen sich dort zumeist ausgezeichnet. „Ein Drittel aller meiner Hauptschüler“, sagt Robert Heiß voller Stolz, „hat sogar die Matura geschafft.“

Jaja, knapp dreißig Jahre sind aus dem einen geworden, sagt Robert Heiß und schaut dabei selbst ganz überrascht. 54 ist er jetzt und es werden wohl noch ein paar Jahre mehr werden hier in Lechleiten. Fast scheint’s als wäre er immer schon da gewesen. So wie das alte Schulhaus.

Bergschule

Servus Magazin Juli 2014