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Bürstegg

Servus Magazin -  Mai 2018
VOM WAHREN LUXUS

Drunten im Nobelort Lech frönt man dem mondänen Lebensstil. Das wirklich Schöne im Leben haben mir Franziska und Norbert hoch droben auf der Alpe Bürstegg gezeigt. 

Wir machen jetzt ein kleines Experiment. Sie schließen die Augen, ich sage: Lech am Arlberg, und Sie lassen Ihren Assoziationen freien Lauf. Und? Wie lange hat es gedauert bis Ihnen die Phantasie Bilder von einem alpinen Schlaraffenland zuspielte? Mit gekrönten und betuchten Häuptern die in flauschige Decken gekuschelt im Sonnenschein Champagner nippen, mit weiß gedeckten Tischen die sich unter dem besten Essen der Welt biegen. Alles glitzert, alles funkelt und wenn man mit dem Finger schnippt, kommt ein dienstbarer Geist angewuselt, der einem jeden Wunsch von den Augen abliest. Jaja, das nötige Kleingeld müsste man haben, um sich einmal den großen Luxus im kleinen Nobelort zu gönnen.

Genau dort habe ich Franziska und Norbert getroffen. Also nicht drunten, wo mondänes Treiben die Natur zur Kulisse degradiert, sondern hoch droben auf über 1.700 Metern Höhe, wo allein die Natur den Takt vorgibt. Wo der Wind über die saftigen Gräser der Bergwiesen fegt und im Schatten der felsigen Gipfel Geschichten von früher erzählt, als die uralte Walsersiedlung Bürstegg noch prall und voller Leben war.

Still ist es heute hier und verlassen, wo einst die Höfe standen wiegen sich nur mehr die Hollerbüsche sanft in der lauen Frühlingsluft. Still war es auch als ich das letzte Walserhaus betrat, das hier seit 500 Jahren den Stürmen der Zeit trotzte. Lediglich ein zartes schrubbschrubb war aus der Stube zu hören. Heut’ strahlt’s von alleine, sagte Franziska, die gerade den Boden wischte und dabei selber so strahlte, als wäre das das reinste Vergnügen. Ist es auch, erklärte sie, weil der Mond heute übergehend ist und in der Waage steht und wer dann nicht schrubbt hat’s morgen doppelt schwer. Sie sagte das im breiten Walserisch und wem so wie mir schon Gsibergerisch exotisch in den Ohren klingt, der sollte bitte nicht ohne Übersetzer hier anklopfen.

Seit 26 Jahren machen sich Franziska und ihr Mann Norbert im Mai mit etwa 70 Rindern unten im Tal auf und beleben die verlassene Alpe Bürstegg. Alles was sie brauchen machen sie selber oder bringen sie mit, sogar die Bienenstöcke, damit es ein bisschen Honig aufs selbstgebackene Brot gibt.

Jaja, karg ist das Leben hier, sagte Franziska, kein Strom, kein Telefon, kein gar nichts. Aber wenn sie in der Stille vor dem Sonnenaufgang über die Wiesen streift, nur leise ein paar Glöckchen bimmeln und der Morgentau auf den Alpenblumen glitzert, dann ist sie der glücklichste Mensch auf der Welt. Dann kann komme, was wolle, mir geht’s gut, sagte Franziska und eine warme Dankbarkeit zeichnete ihre kantigen Züge ganz weich.

Und jeden Abend gibt’s Fernsehen, mischte sich jetzt Norbert ein, den Franziska für den Übersetzer übersetzen musste. Fernsehen? Ohne Strom? Na sicher, sechs Programme, sagte Norbert und lachte dabei so schallend, dass die Katze aus dem Zimmer stob. Dann zeigte er auf die sechs Fenster in der Stube und als hätte er einen Knopf gedrückt, leuchtete jetzt im Alpenglühen durch jede Scheibe ein anderer imposanter Gipfel herein. Rot stachen sie in den sattblauen Himmel, spielten alle Stückeln und man wünschte sich, das Spektakel würde niemals vorüber gehen. Ein Luxus, den man unten im Nobelort glatt übersieht.