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"ICH WOLLTE NIE NACH HOLLYWOOD"

Fanny Ardant ist eine der ganz Großen des europäischen Kinos. Red Bulletin traf die Französin zu einem sehr persönlichen Gespräch über Freiheit, Helden und das

Wort „Nein“.

Salzburger Festspiele 2010. Während Gerard Depardieu im Hangar-7 einen Interview-Marathon hinlegt, hat sich seine Freundin und oftmalige Filmpartnerin längst ins versteckte Hotel zurückgezogen. Sitzt mit einem Glas Rotwein auf der Terrasse, hört klassische Musik und träumt in die Berge. Tags zuvor gab Fanny Ardant eine viel bejubelte Vorstellung als Jeanne D’Arc mit Bertrand de Billy und dem RSO-Orchester in der Felsenreitschule. Entspannt sitzt sie da, keine Spur von Anstrengung, obwohl der Auftritt als einzige Sprechstimme inmitten zahlreicher Instrumente ein Kraftakt war.

 

 

Sie haben einmal gesagt, Sie können nur Rollen annehmen, wenn sie eine Figur verstehen. Verstehen Sie Jeanne D’Arc?

So wie sie in diesem Stück von Paul Claudel beschrieben wird, fühle ich mich ihr sehr nahe: sie war einsam, weil sich plötzlich alle von ihr abwandten. Die Justiz, der König, die Engländer. Als historische Figur oder Heldenepos ist sie mir egal. Der Sinn ihres Lebens interessiert mich nicht. Es ist mehr die persönliche Seite eines Menschen, der so gehandelt hat, weil er an etwas geglaubt hat, plötzlich alleine da steht und sich von allen betrogen fühlt.

 

Ist sie eine Heldin?

Ich denke schon. Zunächst einmal, weil sie zu dem steht, was sie getan hat. Aber auch, weil sie in dem Moment, in dem sie realisiert, dass sie sterben muss, gesteht, dass sie Angst hat. Ich mag Helden, wenn sie schwach sind. Ich mag den Kampf zwischen Schwäche und Courage. Das Hinterfragen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Man kann sich ja nie sicher sein, ob man nicht einen Fehler macht. Für mich sind Helden die, die allein gegen eine Gruppe für eine Überzeugung kämpfen. Das macht sie unsterblich.

 

Gibt es heute noch Helden?

Ich sehe derzeit keinen Helden. Der letzte war für mich Che Guevara. Es gibt viele Menschen auf unserem Planeten, die großartige, wichtige Sachen machen, die für etwas kämpfen. Aber Helden müssen auch schön und romantisch sein, jung sterben. Zum Helden gehört ein tragisches Moment.

 

Sie haben immer sehr unabhängig gelebt. Können Menschen in unserer regulierten Zeit ein unabhängiges Leben führen?

Sehr schwierig. Man hat die Wahl und Unabhängigkeit hat ihren Preis. Dafür muss man seine Sicherheit aufgeben, auch die Geborgenheit. Man steht im Leben immer wieder vor der Entscheidung: Freiheit oder Sicherheit? Wählt man die Sicherheit, muss man dazu stehen und nicht jammern, dass man dadurch seine Freiheit verloren hat. Genauso umgekehrt, wer seine Unabhängigkeit durchziehen will, muss damit rechnen, dass er kaum Geborgenheit finden wird. Jeanne D‘Arc zum Beispiel hat einen hohen Preis für ihre Unabhängigkeit bezahlt und sie ist ganz einsam gestorben.

 

Gibt es heutzutage noch etwas, dass es wert ist, dafür zu sterben?

Hmmm...Ich glaube, für die Liebe.

 

Könnten Sie das?

Ja! Nicht wie in der großen Oper, wie Madame Butterfly zum Beispiel. Oder vorsätzlich wie Heinrich Kleist, der sich mit Henriette Vogel am Kleinen Wannsee erschossen hat. Mehr so, dass langsam das Leben aus dir entweicht.

 

Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, Ihre Unabhängigkeit zu verlieren?

Nein! Nein! Nein! Mein einziger Luxus, mein einziger Reichtum, ist die Freiheit! Ich habe immer nur das gemacht, was ich wirklich wollte. Auch in meiner Karriere. Ich nahm nie Rollen an, die ich nicht leiden konnte.

 

Haben Sie jemals ein Projekt aufgegeben, weil es für Sie in die falsche Richtung gelaufen ist?

Nein. Manchmal habe ich Fehler gemacht. Akzeptierte ein Drehbuch, mochte die Rolle, doch das Ergebnis war dann nicht so gut. Das ist wie bei einem Spiel. Ich habe aber niemals nur wegen des Geldes eine Rolle angenommen, die mir nicht gelegen ist. Rückblickend war es mir immer egal, ob ich einen großen Film mit Erfolg oder einen kleinen ohne Erfolg gemacht habe. In dem Moment, wo ich drehte, war ich glücklich und ging darin auf.

 

Sie haben ihre drei Kinder alleine großgezogen, niemals geheiratet. Muss man da keine Kompromisse mit der eigenen Unabhängigkeit machen?

In diesem Fall war das für mich kein Kompromiss. In dem Moment, als ich Mutter wurde, habe ich mich geändert. Davor war ich wirklich gefährlich, nichts konnte mich stoppen. Als ich zum ersten Mal mein Baby in den Armen hielt, wollte ich ihm nur mehr Geborgenheit geben, es vor Gefahren beschützen. Ich wurde weicher und offener für die Welt der anderen, war plötzlich fragiler. Ich musste unseren Lebensunterhalt verdienen und ich wurde verantwortungsbewusst. Wenn man Verantwortung übernimmt, muss man, wie wir in Frankreich sagen, ein bisschen Wasser in seinen Wein schütten. Das habe ich aus Liebe zu meinen Kindern gemacht, was ich auf keinen Fall bereue.

 

Haben Sie schon einmal etwas bereut?

Manchmal bereue ich, dass ich mich nicht politisch engagiert habe. Nur so kann man etwas bewegen. Darauf muss man sich aber voll einlassen. Politik kann man nicht nebenbei machen wie Bridge spielen oder Teetrinken.

 

Sie waren ja auf dem Weg dorthin, haben internationale Politik studiert.

Das war ein Agreement mit meinen Eltern. Als ich ihnen sagte, dass ich Schauspielerin werden wollte, hat sie das verängstigt. Sie sagten: Olala, aber vorher musst du etwas fertig studieren. Ich entschied mich für Internationale Politik, weil es nur drei Jahre dauerte. Als ich mein Examen in der Tasche hatte, war ich frei. Ein Politik-Studium ist aber etwas ganz anderes als sein Leben der Politik zu widmen.

 

Als Politiker muss man doch viele Kompromisse machen.

Die einzig wirkliche politische Kraft hat man in der Opposition. Da kann man Dinge verändern. Nicht mit Macht und Obrigkeit.

 

Sie haben ihre drei Töchter wohl nicht gerade konservativ aufgezogen?

Das nicht, aber in alter französischer Familientradition. Mein Vater hat mich gelehrt, was Freiheit im Geist, freies Denken bedeutet. Als Kind habe ich wie ein Hund zu ihm aufgeschaut und ihn beobachtet. Er hat Unabhängigkeit gelebt und ich habe versucht, das an meine Töchter weiterzugeben. Weil es eines der wichtigsten Dinge im Leben ist, nicht konservativ zu sein, und die Menschen nur nach Äußerlichkeiten zu beurteilen.

 

Hat es funktioniert?

Mehr oder weniger. Sie sind nicht exakt wie ich geworden, aber das ist ja das Spannende. Es muss etwas geben, an dem man sich reibt. Eine meiner Töchter ist konservativer als ich. Ich mag das, weil ich Polemik und Dialektik mag.

 

Es ist jetzt 30 Jahre her, dass Sie mit Truffauts „Die Frau von Nebenan“ international berühmt wurden. Schauen Sie sich manchmal Ihre alten Filme an?

Nein! Vor allem „Die Frau von Nebenan“ ist zu schmerzhaft. (Anm.: Ardant war bis zu seinem Tod 1984 mit Regisseur Francois Truffaut liiert. Die gemeinsame Tochter Josephine kam 1983 zur Welt.)  Natürlich zappe ich manchmal zufällig beim Fernsehen rein, das ist unvermeidlich. Dann erschrecke ich kurz und wechsle sofort den Kanal.

 

Schauen Sie sich auch keine anderen Filme von sich an?

Ich komme nicht auf die Idee mir eine DVD zu kaufen. Ich denke, es ist biblisch: Man darf nicht zurückschauen. Man hat so viele Erinnerungen an glückliche Zeiten – das kann dich zerstören, wenn du dem zu sehr nachhängst. Es ist wie Flügel, die durch deinen Kopf flattern – tsschtschtsch – und du musst sie wegscheuchen. Ich bin nicht so ein fröhlicher Charakter, dass ich mit Freuden zurückdenken kann. Nononon, ich bin schwermütiger.

 

Ihr Vater hat Ihnen schon als kleines Kind Stendhal und Balzac zu lesen gegeben. Haben Sie die damals verstanden?

Das Lesen selbst war natürlich ein großes Vergnügen. Aber ich war zu jung, um etwas von Liebe oder Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen. Auch Proust oder Dostojewski, den ich gerade wieder lese, verstand ich erst später. Man sieht die Charaktere besser, kann zwischen den Zeilen lesen.

 

Sie haben vor kurzem begonnen Regie zu machen. Warum sind Sie hinter die Kamera gewechselt?

Kein besonderer Grund. Ich begann eine Geschichte zu schreiben und dann hat sich das so weiter ergeben. Es war eine ganz neue Erfahrung. Die Herausforderung hat mir gefallen.

 

Glauben Sie, dass Schauspieler grundsätzlich einmal die Erfahrung als Regisseur machen sollten?

Das kann man nicht verallgemeinern. Meine erste Erfahrung mit Regiearbeit war eine Operette in einer kleinen Pariser Oper.

 

Ich hörte, dass Sie auch singen.

Ich kann Klavier spielen und singe zwar als Schauspielerin im Film, bin aber keine Maria Callas.

 

Mögen Sie nur klassische Musik?

Ich liebe alle Arten von Musik. Mag portugiesischen Fado genauso wie französische Chansons, mag Gypsy-Musik, Variete-Nummern, Jazz. Klassik habe ich am liebsten, weil es in mir die meisten Gefühle weckt. Manchmal packt mich aber auch ein Song von Julio Iglesias, weil er etwas in mir anspricht. Populäre Musik hat eine Wahrheit und die geht Hand in Hand mit Erinnerungen. Man riecht förmlich die Situation, in der man damals den Song gehört hat. Es ist wie ein Pawlowscher Reflex.

 

Tanzen Sie auch ab und zu?

Sie werden mich nie in einer Disco treffen.

 

Aber vielleicht tanzen Sie ganz für sich alleine?

(lautes Lachen) Hmmm... tanzend fühle ich mich nicht wirklich komfortabel mit meinem Körper, tanze daher auch nie auf einer Party. Ich kann Rock’n’Roll, weil man da von jemanden geführt wird. Aber alleine bin ich zu scheu und fühle mich lächerlich. Ich nehme lieber ein Glas Rotwein.

 

Glauben Sie, dass Sie, im Leben Glück hatten oder war es harte Arbeit?

Ich habe manchmal um etwas gekämpft. Aber nie um Materielles, mehr für meine Unabhängigkeit. Wenn ich so zurückschaue, war es vielleicht...ich weiß nicht, wie ich sagen soll...ich glaube nicht, dass ich glücklich war. Ich war allein, ich war einsam.

 

Und hatten Sie oft Glück?

Exakt! Ich war am Bahnhof und ich habe den Zug genommen! Habe nie lange gezögert oder überlegt, ob ich jetzt aufspringen soll oder nicht. Ich sprang einfach. Manchmal habe ich auch Züge erwischt, die mich unglücklich gemacht haben. Ich möchte am Ende des Lebens sagen: Ich war eine Reisende. Und manchmal ist es besser, dabei unglücklich zu sein, als eine Chance nicht zu ergreifen.

 

Wenn Sie erzählen, haben Sie so einen feurigen Glanz in den Augen. Sind Sie sehr leidenschaftlich?

Ich bin für andere sehr ermüdend, weil ich soviel Energie habe. Es ist schwierig mich zu töten. Gottseidank habe ich diese starke Intensität in mir und kann sie ausleben. Wenn ich zum Beispiel eines Tages die Schauspielerei nicht mehr liebe, höre ich auf der Stelle auf. Ich liebe mein Leben, obwohl ich manchmal auch eine große Pessimistin bin. Ich habe auch ein dunkles, tragisches Gespür fürs Leben. Wir haben aber nur dieses eine Leben und das müssen wir uns spannend machen. Schlafen und ausruhen können wir uns dann sowieso bis in alle Ewigkeit.

 

Sind Sie leicht gelangweilt?

In Gesellschaft ja, nie jedoch, wenn ich alleine bin. Obwohl – Konversation mag ich schon sehr gerne. Eine Meinung zu haben und mit anderen zu argumentieren, das liebe ich sehr. In einem snobistischen Umfeld aber, olala, da wird mir sofort fad und dann werde ich provokant. Auch in großen Aufführungen fühle ich mich gelangweilt, wenn gefühlsmäßig nichts rüber kommt. Man ist zum Sitzen gezwungen und ruft innerlich „Allez, allez!“. Ich gehe oft ins Theater, Konzert oder in die Oper und man kann sagen, die Hälfte der Zeit: langweilig. Aber plötzlich fährt etwas mit viel Gefühl ein – und dann vergesse ich es nie. Der Preis für starke Gefühle ist also, dass man sich oft langweilt!

 

Würden Sie aus Langeweile eine Aufführung verlassen?

Nie! Weil bei einem Buch, einem Konzert, einem Theaterstück, einer Oper oder einem Film gibt dir erst das Ende die Antwort. Wer nicht bis zum Schluss einer Sache folgt, kann den Sinn nicht verstehen. Ich lese sogar Drehbücher, die mich von Beginn weg nicht wirklich ansprechen, bis zum letzten Punkt durch. Manchmal werfe ich sie dann zornig in die Ecke und sage: Ich mag es nicht! Man kann das als Metapher für unser Leben nehmen. Wir müssen bis ans Ende gehen, um es zu verstehen.

 

Glauben Sie an etwas?

Ich glaube an Gut und Böse, gute Taten und böse Taten. Und dann glaube ich noch an etwas Unsichtbares: an Engel. Jeder von uns hat einen, der uns beschützt und unsere guten Seiten zum Vorschein bringt. Ich kann verstehen, dass die Menschen lachen, wenn ich über Engel spreche, aber ich glaube an etwas Übergeordnetes, etwas Spirituelles. Nicht an die Kirche und ihre Gesetze.

 

Zu Beginn Ihrer Karriere, war es sicher nicht leicht, als Schauspielerin durchzuhalten. Wollten Sie jemals aufgeben?

Nie, ich war verrückt. Es war wirklich eine schwierige Zeit, weil ich ohne Protektion, ohne Geld und natürlich ohne Erfolg losgestartet bin. Ich mußte mich mit kleinen Jobs wie Maschineschreiben oder als Kellnerin durchbringen. Rückblickend hatte ich aber immer (schnippt 3x mit den Fingern) das Vertrauen zu mir, das Richtige zu tun.

 

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie keinen Erfolg gehabt hätten?

Ich kann mein Leben nicht nochmals anders leben. Ich denke, ich würde niemals etwas machen, dass meinen Stolz verletzt. Er schützt dich davor, alles zu akzeptieren und dich selbst zu verlieren.

 

Sind Sie sehr stolz?

War ich, als ich sehr jung war. Das hat mich gerettet. Wenn man jung ist, wird dir dauernd eingeflüstert: lass uns das machen. Oder das, das wird uns viel Geld bringen. Nein, habe ich gesagt, das viele Geld ist mir egal.

 

Nein war vermutlich das erste Wort, das sie als Kind sagen konnten!

(lacht herzlich) Ich war ein anstrengendes Mädchen! Sehr ermüdend! Meine armen Eltern. Es tut mir wirklich leid, dass sie zu früh gestorben sind, und meinen Erfolg nicht mehr erlebt haben.

 

Wollten Sie nie nach Hollywood gehen?

Nein. Ich habe nur eine Hollywoodproduktion mit Sydney Pollack gemacht, da ist das Team zu mir nach Frankreich gekommen (Anm.: Remake von „Sabrina“). Ich hatte aber nie, nie den amerikanischen Traum. Für mich war immer Europa das Zentrum der Welt. Als ich mit Truffaut „Die Frau von Nebenan“ in New York präsentierte, fragten mich die Journalisten: „Madame Ardant, träumen sie von einer Hollywood-Karriere?“ „Nein,“ sagte ich, „ich träume von Russland!“ Und Francois flüsterte mir zu: „In Amerika bist du jetzt tot!“, weil damals war ja noch die Zeit des kalten Krieges. Bitte, und ich war keine Kommunistin, nur weil ich Russland liebte. Ich halte es da mit General De Gaulle der sagte: Für mich ist Europa vom Atlantik bis zum Ural.

Fanny Ardant

Red Bulletin -  2010