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Gamsjagd

Servus Magazin November 2014
DIE STILLE VOR DEM SCHUSS

Die Jagd nach Beute zum Sichern des eigenen Überlebens gehört zum Kreislauf der Natur. Seit der Steinzeit ist auch der Mensch daran beteiligt. Nur die Waffen haben sich gändert. Auf Gamspirsch mit Jäger Bernhard Berger im Osttiroler Virgental.

© Foto Peter Podpera

 

Langsam bückt sich Bernhard Berger und streicht dem Gamsbock über die Augen. Eine sanfte Geste, so wie man sie von Menschen kennt, wenn man einem soeben Verstorbenen die Augen schließt. Dann nimmt der Jäger seinen Hut ab, drückt ihn gegen die Brust und schließt seinerseits für ein paar Minuten die Augen. Es scheint als würde er Zwiesprache halten mit dem Tier, das erlegt zu seinen Füssen liegt.

Es ist still hier heroben auf über 2.000 Metern Höhe. Selbst die Bergschafe in weiterer Ferne wirken, als würden sie den Atmen anhalten und stehen wie erstarrt im Gelände herum. Es ist wieder so still, wie vor dem Schuss, der mit einem ohrenbetäubenden Knall Zeit und Raum glatt in zwei Hälften trennte.

185 Meter trieb die Kugel, rasant um die eigene Achse rotierend, von A nach B, vom Jäger zur Gams, und benötigte dafür nur den Bruchteil einer Sekunde. Ein Wimpernschlag, in dem etwas beendet und gleichzeitig ein Weiterleben gesichert wurde. Archaisch betrachtet natürlich, aber nach allen Regeln der Ethik auch heute gültig. Das Fleisch der Gams wird Bernhard Berger zur Gänze in seinem Wirtshaus am hintersten Ende des Osttiroler Virgentales verwerten, damit nicht nur seine vier Kinder sondern auch die Gäste füttern. Das Krickerl, sagt Bernhard Berger, naja, das kommt drauf an, wie Kapital der Bock war. Vielleicht hängt er es in die Gaststube, auf keinen Fall aber hängt er sich’s als Trophäe ins Wohnzimmer.  

 

***

Einen Tag zuvor. Am frühen Nachmittag brechen wir vom Gasthof Islitzer in Hinterbichl, Gemeinde Prägraten, zur Jagdhütte auf der Weiferalm in 1.800 Metern Höhe auf. Dort haben wir gute Chancen, sagt Bernhard Berger, der Wirt vom Islitzer und Prädinger – so nennen sich die Prägrater selbst – Aufsichtsjäger. Auf der Katinmähder, einer steilen Bergwiese, die sich oberhalb der Baumgrenze bis zu den schroffen Felswänden der Roten Säule (2.820 Meter) ausbreitet, treiben sich im Herbst gerne ein paar Gamsrudeln herum.

Versprechen kann er nichts, sagt Bernhard. Weder sich noch uns, denn beim Gamsjagen lässt sich das Glück aber so was von gar nicht erzwingen. Klar gibt es eine Art elementares Jägerwissen, das allein ist jedoch keine Abschuss-Garantie. Schließlich gilt es ja ein geeignetes Tier mit Bedacht auszuwählen. Das heißt oft mehrere Tage auf die Pirsch gehen und dann kann es plötzlich sein, dass der oder die Auserwählte auf Nimmerwiedersehen dahin ist. Die spüren uns, sagt Bernhard, und sie beobachten uns genau so wie wir sie.

30 Jäger gibt es im Jagdverein Prägraten, der genossenschaftlich organisiert ist. Der Verein zahlt jährlich eine Pacht an die Grundbesitzervereinigung, die fein säuberlich geteilt für jeden 750 Euro ausmacht. Vor der Jagdsaison für Gemsen vom 1. August bis zum 31. Dezember wird ein Abschussplan erstellt, basierend auf der Menge an Gemsen, die sich im Gebiet herumtreiben. Diese Zahl kann aufgrund von Beobachtungen nur geschätzt werden. 1.000 Gemsen soll es rund um Prägraten geben, 10 Prozent, also 100 Tiere dürfen erlegt werden.

Wir ersetzen ihre einstigen natürlichen Feinde, den Luchs, den Bär und den Wolf, sagt Bernhard, auf dessen Liste heuer ein 3er Bock, eine 2er Geiß und eine 1er Gams stehen. So genau haben’s die natürlichen Feinde wohl nicht genommen, sagt Bernhard und grinst sich eins.

Was denn ein 1er, 2er und ein 3er ist, hätten wir an dieser Stelle gerne gefragt, allein es fehlt uns der Atem. In engen Serpentinen schraubt sich der Steig durch den Lärchen- und Fichtenwald in die Höhe, vorbei an Felsen, die nach einem Sturz vor tausenden von Jahren kleine Höhlen unter sich bildeten. Mein früherer Kinder-Spielplatz, sagt Bernhard und während wir hier verschnaufen, gibt’s die Gemsen-Klassifizierungs-Erklärung: die 3er ist die Jugendklasse ab einem Alter von einem Jahr. Die 2er ist die Schonklasse ab drei Jahren zu der auch die Muttertiere gehören und die 1er ist die Ernteklasse, also Böcke ab acht und Geißen ab zehn Jahren. Gamsböcke werden kaum älter als zwölf und Geißen nicht älter als sechszehn Jahre.

Noch zu früh für die Pirsch, sagt Bernhard als wir die Hütte knapp an der Baumgrenze erreichen. Also wird zuerst einmal Feuer im Herd gemacht. Für später, damit es in der stromlosen Unterkunft nicht ganz so klamm ist. Mit seinem Klappmesser spaltet Bernhard die Holzscheite. Ganz schön hart, sagt er, so ein Lärchenholz, das hat man früher zum Schmieden genommen, weil es so heiß wird.

Und während wir dann auf der Bank vor der Hütte zusehen wie rundum das felsige Grau der Gipfel der Großvenediger-Gruppe von der sinkenden Sonne langsam golden übermalt wird, spricht Bernhard über den richtigen Zeitpunkt bei der Gamsjagd. In der Morgendämmerung, noch bevor die Sonnenstrahlen beginnen die Berge zu beleuchten, ist es gut, weil der Wind von oben runter ins Tal weht und die Gemsen (oben) unsere Witterung (unten) nicht so schnell aufnehmen. Da sind auch die Bergschafe noch nicht unterwegs, die die Gemsen im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen können. Die vertreiben’s uns, sagt Bernhard.

Zu Mittag ist es schlecht, weil da die Kitze eines Rudels in einer Art Kindergarten von einer Tante beaufsichtigt werden. Da lässt es sich kaum eruieren, ob die Geißen, die im Blickfeld des Jägers herumklettern, Muttertiere sind oder nicht. Und Mütter abschießen, sagt Bernhard, geht gar nicht. Ab späten Nachmittag ist eine Pirsch wieder günstig, es sei denn der Wind weht nicht in die falsche Richtung.

Bernhard rupft ein Büschel Berggras aus und wirft es in die Höhe. Die Gräser schweben leicht aufwärts davon. Naja, sagt er, probieren wir’s halt.

Es ist still als wir aufbrechen. Von weit entfernt hört man das Rauschen der Wasserfälle, lautlos schwebt ein Bussard durchs Berg-Panorama. Wortlos stapfen wir höher und höher, immer wieder rastern unsere Blicke das Gelände ab. Zu viele Schafe, sagt Bernhard brummend, als plötzlich ein Murmeltier pfeift. Und noch eins. Und noch eins. Mitten in der Aufregung huscht ein geduckter Umriss auf vier Pfoten übers Bergheu und verschwindet hinter einem Felsen. Wieder Stille, kein Gepfeife mehr. Wau, sagt Bernhard, ein Riesen-Fuchs. Gerne hätte er den jetzt erlegt, weil zu viele hier herumlaufen. Dann hätten wir aber die Gemsen für die nächsten Tage vergessen können.

Da! Schau!, flüstert Bernhard und zeigt in etwa zirka aufs obere Drittel der Felswand. Wir liegen seit einiger Zeit unbewegt auf seinem Loden-Wetterfleck und tasten mit unseren Ferngläsern die Gegend ab. Obwohl liegen nicht ganz richtig ist. Stehen wäre bei der extremen Neigung der Bergwiese eher angebracht. Und wirklich, da klettern drei Gemsen behende durchs Gelände und ganz oben, wo sich die Wand in einer scharfen Kante vom Himmel trennt, zeichnen sich zwei Hörndeln ab. Eine gute halbe Stunde werden sie dort regungslos, als wären sie eine Attrappe, in die Höhe stechen, wird uns die Gams zu der sie gehören, aufmerksam beobachten.

In dem Moment, in dem unsereins innerlich aufgibt, seine Aufmerksamkeit einem anderen Flecken in der grauen Felsenkathedrale zuwendet, brechen fünf, sechs, acht, zehn, bricht ein ganzes Rudel über die Kante. Genau dann, erwacht in Bernhard der Jagdinstinkt. Nichts scheint es mehr um ihn herum zu geben, die Welt ist ganz auf den Jäger und seine Beute fokussiert. Immer wieder verfolgt er ein Tier mit seinem Spektiv (30x75), robbt die Mähder hinauf, duckt sich hinter einem Stein, setzt das Gewehr (ein Repetierer mit Zielvorrichtung 6x42) an, stellt es beiseite, beobachtet, setzt an, legt es wieder weg, nimmt das Spektiv, nimmt das Gewehr und steht schließlich auf, packt seine Sachen zusammen, schnappt seinen Stock und wandert stumm zur Hütte zurück.

Eine Kapitale 1er Geiß, die wär’s gewesen, sagt Bernhard und schneidet sich ein Stück Speck und eine Scheibe Brot ab. Im Herd knistert das Feuer, den Tisch beleuchten zwei Kerzen und draußen ist die Welt so stockdunkel, wie sie nur in der nahezu unberührten Natur sein kann. Zu weit weg war sie, sagt Bernhard, ab 250 Meter ist das Risiko, sie schlecht zu treffen zu groß. Auch drei 3er Gemsen hatte er im Visier, aber die standen in schlechtem Gelände. Sie wären die Felsen Richtung Nirgendwo hinuntergekugelt und nur sehr mühsam zu bergen gewesen. Denn, das ist Ehrensache, geborgen wird jede Gams. Wenn es sein muss, sagt Bernhard, mit der Bergrettung, aber das kommt nur selten vor und er hat das noch nie gebraucht.

Überhaupt ist das Bergen im hochalpinen Gelände einer der Reize, die die Gamsjagd zu etwas Besonderen machen. Dazu muss man körperlich fit sein und der Jäger hat dafür Steigeisen, eine 20 Meter lange Rebschnur und einen Karabiner zum Abseilen der Beute im Rucksack. Auch ein Messer mit Säge hat er einstecken, falls man einen Ast, der einem bei der Pirsch im Weg ist, abschneiden muss. Bernhard hat auch noch ein Tarnnetz dabei, das er manchmal einsetzt, um auf Schussdistanz näher zu rücken. In der Regel reicht aber seine Kleidung in unterschiedlichen Brauntönen. Monochrom ist nicht gut, sagt er, da bist du für das Tier ein dunkler oder heller Fleck, der sich gefährlich bewegt.

Meine Eltern waren dagegen, dass ich Jäger werde, sagt Bernhard. In unseren Häferln funkelt der Rotwein und schön langsam verebbt die Spannung der heutigen Pirsch. Sein Großvater, ein Aufsichtsjäger, wurde drüben im Defereggen unter ungeklärten Umständen erschossen. Nimm lieber den Rechen zur Hand, hat Bernhards Vater gesagt, da kommt was zu dir. Beim Gewehr, da geht was weg. Doch Bernhard hat die Jagd wirklich interessiert, er musste es wissen. Als er dann nach der Prüfung sein erstes Reh nicht gut traf, wollte er es lieber doch bleiben lassen. Erst als ihn ein erfahrener Jäger mitnahm, ihm lehrte zu beobachten, zu warten, die Natur und ihre Lebewesen zu achten, wurde aus ihm ein richtiger Jäger. Ein Tag im Revier, sagt Bernhard, ist für mich wie eine Woche Urlaub. Egal, ob ich was schieße oder nicht. Und dann nimmt uns die Nacht mit auf dem Weg ins Traumland.

 

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Kawummmm. Nachdem der Schuss knallhart die Stille der Bergwelt durchbrochen hat und der Nachhall im Kopf wie zig Felsbrocken ins Unterbewußtsein gepoltert war, richtet sich Bernhard auf. Es stinkt nach Schmauch, die Sonne sticht und für einen kurzen Moment ist das Bild der friedlichen Bergwelt aus dem Lot geraten. So wie am Abend zuvor, als die Murmeln hektisch versuchten, dem Fuchs zu entkommen.

Bernhards Kopf ist Rot, seine Hände zittern. Das ist das Jagablut, sagt er, und dass ihm jetzt das ganze Adrenalin durch den Körper fährt. Lange hatte er den Bock heute morgen im Visier und geduldig gewartet, bis er nahe genug stand.

Während sich die fiebrige Unruhe in uns und um uns allmählich senkt, geht Bernhard ans Bergen der Gams, die wirklich günstig mitten auf der steilen Wiese in einem kleinen Steinfeld gelandet war. Gekonnt und mit einem raschen Schnitt bricht er das Tier auf und entnimmt die Eingeweide, an denen sich Bartgeier, Dohle, Bussard, Fuchs und vielleicht ein Steinadler erfreuen werden. Dann steigt der Jäger zu einem Sefistrauch hinauf, bricht ein paar Büscheln ab, gibt einen Teil davon der Gams als letzten Bissen mit auf dem Weg und steckt sich den Rest an seinen nahezu schmucklosen Hut. Rechts, denn das bedeutet, dass er etwas geschossen hat. Links wäre jemand aus seiner Familie verstorben.

Ein kapitaler Bock, der könnte sogar elf Jahre alt sein, sagt Bernhard, als er das Tier im flacheren Gelände im Rucksack verstaut und wir uns fertig zum Abstieg ins Dorf machen. Dort wissen bereits alle Bescheid. Der Schuss ist durchs ganze Tal geknallt und hat den Erfolg des Jägers verkündet. 30 Kilo, also um 5 Kilo mehr als üblich, bringt der Bock dann auf die Waage. Und zwölf Jahre war er alt, ergibt die Zählung der Jahresringe auf den Hörndeln.

So einen Kapitalen habe ich noch nie gemacht, sagt Bernhard und dabei strahlen seine Auge zum ersten Mal voller Stolz. So etwas kommt hier nur alle paar Jahre vor, sagt er, da haben wir einen ganz schönen Reim, sprich Glück, gehabt. Und das Krickerl? Ja, sagt Bernhard, das kriegt jetzt einen Ehrenplatz in der Gaststube.