© Copyright 2018 Uschi Korda

AUS DEM HERZEN DIKTIERT

Schlicht und bescheiden liegt er da. Mitten unter all den anonymen Kuverts, die lediglich Langeweile verströmen, weil sie hauptsächlich Werbebotschaften enthalten. Manche taxiere ich auch mit leichtem Grauen, so wie dunkle Gewitterwolken, die bitte woanders hinziehen sollen. Das ist dann Post vom Finanzamt, die Stromrechnung oder sonst was, das mich unabwendbar in die Pflicht nimmt.

Da dazwischen liegt also der Brief, der sich auf ganz leise Art und Weise wichtig macht: Er ist handschriftlich adressiert. Und zwar echt. Nicht mit einer Computerhandschrift, mit der Werbeagenturen gerne einen auf persönlich machen, obwohl sie dieses eine ganz besondere Angebot massenweise verschicken.

Nein, mit blauer Tinte, schwungvoll und mit leichten Unregelmäßigkeiten wurde die Anschrift zügig aufs Papier gebracht.

Schaut nicht nach großer Eile aus, ging dem Absender aber flott von der Hand, denke ich, während ich das Kuvert auf der Handfläche leicht auf und ab bewege, so als wollte ich den Inhalt abwiegen. Gleichzeitig widerstehe ich dem Reflex, daran zu schnuppern. Allein die Tatsache einer handgeschriebenen Adresse verströmt so viel Nostalgie, schon glaubt man sich an den kaiserlichen Hof versetzt, wo ein heimlicher Verehrer seiner Liebesbotschaft als i-Tüpfelchen noch  eine süße Duftnote verpasst hat. Davor stand er vermutlich stundenlang an seinem Schreibpult und schickte sehnsüchtige Blicke durchs Fenster in den Garten, während er versuchte seine Gedanken zu Papier zu bringen. Ob er wohl am Federkiel gekaut hat? Und hat er sich die Perücke zerrauft, wenn ihm ein Gedankengang so blau auf weiß formuliert plötzlich zu fürwitzig erschienen ist?

Auch unsereins war bei den ersten Versuchen zarte Gefühle niederzuschreiben im permanenten Wiglwogl, ob man nicht zu weit gegangen sei. Ich raufte mir dabei die eigenen Haare und kaute an einer Füllfeder. Kuli? Aber sicher nicht, der wäre für die epochale Wichtigkeit dieser Niederschrift zu banal gewesen. Hier führte schließlich die Seele das Wort und diktierte direkt aus dem Herzen heraus was zwar nicht ausgesprochen sehr wohl aber aufgeschrieben werden konnte. Aug in Aug mit dem Subjekt der Begierde wären wir mit roten Wangen ins Stottern geraten. Auf Briefpapier aber flogen die Gedanken nur so dahin, wirkten souverän und schlüssig.

Verdammt, verschrieben! Auch egal, einfach durchgestrichen und weiter ging es Seite um Seite.

Ob das Konvolut dann abgeschickt wurde, stand auf einem anderen Blatt. Geschätzt die Hälfte landete im Papierkorb anstatt beim Adressat. Die Angst vor der eigenen Courage besiegte den Drang zur Offenbarung. Manchmal war einem einfach auch die eigene Gefühlsduselei zuviel.

Verlässlich abgeschickt wurden nur die Briefe an die besten Freunde. Damals, als wir getrennt durch ewig lange Sommerferien dem anderen dringendst und auf der Stelle unsere Abenteuer mitteilen mussten.

War grad kein enger Gefährte in unserem Leben, musste halt das Tagebuch herhalten. Erst was darin festgehalten wurde, gewann an Wert, wurde der Flüchtigkeit des schnell vergessenen Moments enthoben und hatte das Zeug zur kostbaren Erinnerung. Vieles verlor später gelesen seine Wichtigkeit, alles aber blieb als Teil des Lebens erhalten.

So schrieben wir uns dahin und freuten uns über die Erleichterungen des modernen Lebens. Die Füllfeder verstaubt heute in der Lade, dafür sind wir flink auf der Tastatur. Vertippt? Kein Problem, alles schnell gelöscht und korrigiert. Unsere Handschrift heißt Courier, Helvetica oder Times, die Briefe an Freunde sind kurze Mitteilungen via Mobiltelefon. Nur die handgeschriebenen Liebesbriefe sind niemals ganz aus der Mode gekommen. Bei der Kralle mancher Zeitgenossen würde man sich zwar eine getippte Übersetzung wünschen, das Entzücken über Zeit, Aufwand und Aufmerksamkeit die das Gekritzel symbolisiert, fällt aber tausendmal mehr ins Gewicht. Man kann es sich ja bei Kerzenschein später vorlesen lassen.

Da liegt es also das handgeschriebene Kuvert, löst Erinnerungen und Gefühle aus und macht sich wohlig in meinem Herzen breit. Vielleicht sollt ich doch einmal wieder… Und schwupp, jetzt habe ich doch tatsächlich an diesem Brief geschnuppert.

 

PS: Was drinnen stand bleibt ein Geheimnis. Er war handgeschrieben und wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Handschrift

Servus Magazin Juni 2017