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"ICH HABE NIE EINE ROTE KARTE BEKOMMEN!"

Als erster Mann im Staat ist Heinz Fischer gewohnt, sich am politischen Parkett zu bewegen. Auch am Fußballplatz hat der österreichische Bundespräsident immer eine gute Figur gemacht. Und eine sehr faire.

© Foto Christine Wurnig

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Wiener Hofburg, erster Stock. Schnurgerade weist ein roter Teppich durch eine schier endlos lange Zimmerflucht bis in den ersten Raum des Staates. Fast ist man versucht sich vorzustellen, dass Heinz Fischer in seinen wenigen Pausen dort mit dem Ball vergnügt vor sich hindribbelt. Tut er vermutlich nicht, obwohl der leidenschaftliche Fußballer allzeit für so eine Einlage gut wäre. Immerhin hat er auf seinem Schreibtisssch einen Rapid-Ball platziert. Und wenn er über Fußball spricht, geht die Begeisterung mit ihm durch. Dann wird auch der Bundespräsident richtig emotional.

 

Sie waren früher „aktiver“ Fußballer. Spielen sie noch heute?

Ich spiele heute nicht mehr. Das ist in meinem Alter nicht zweckmäßig und nicht ratsam.

 

Wann haben Sie denn das erste mal gekickt?

Das war sicher als zehnjähriger auf den Wiesen am Roten Berg in Hietzing. Mit Kindern und Freunden aus der Umgebung. Das erste Mal Jugendmeisterschaft gespielt habe ich beim ASV 13 im Jahr 1953. Da war ich 15 Jahre alt.

 

Wie lange haben Sie gespielt?

Bis zum Ende meines Studiums 1962 und immer beim ASV 13 in Hietzing. Dazwischen 1958 habe ich während des Bundesheerpräsenzdienstes in der Kasernenauswahl gespielt. Damit waren beträchtliche Privilegien verbunden. Man hatte am Tag vor und am Tag nach einem Spiel keinen Wachdienst gehabt und Nachtübungen musste man auch nicht mitmachen. Später hatten wir natürlich viel Spaß beim FC Parlament, wo ja der Karli Decker unser Trainer war. Das waren die wichtigsten Stationen. Später, als ich schon 50 war, gab es eine Mannschaft rund um den Joschi Walter, die immer am Samstag Nachmittag am WAC-Platz gespielt hat. Nur aus reinem Spaß. Da war der Karl Stotz von der Nationalmannschaft dabei und der Jacaré, der brasilianische Spieler von der Austria, der jetzt in Tirol wohnt.

 

Ganz ehrlich: Waren sie ein guter Fußballer?

Wenn Sie Liga-Maßstäbe an mich anlegen, bin ich denen natürlich in keiner Weise gerecht geworden. Darum habe ich eben in der 2. Klasse gespielt. Wenn ich es mit meinen Schul- und Studienkollegen vergleiche und mit den Parlamentariern, da habe ich der Mannschaft sicher dienen können.

 

Welche Position hatten Sie?

Meistens habe ich Rechtsverbinder gespielt, in der altmodischen Aufstellung mit 5 Stürmern. Oder auch manchmal weiter hinten in der Abwehr.

 

Sind Sie ein Linker oder ein Rechter, vom Schussbein her betrachtet?

Mein rechter Fuß war erstaunlicherweise besser als der linke. An sich muss man ja mit beiden Füßen den Ball behandeln können. Einen Freistoß habe ich immer rechts geschossen.

 

Was war Ihr größter Erfolg?

Wir haben ein oder zweimal die Meisterschaft gewonnen mit dem FC Parlament. Aber das subjektiv größte Erfolgserlebnis – das ist jetzt eine längere Geschichte. Ich habe in der Schule sehr gerne gespielt und im Jahr 1952 hat es ein Turnier für Junge gegeben, die in keinem Verein gespielt haben. Das sogenannte Weltpresseturnier, ausgeschrieben von der damaligen Zeitung „Weltpresse“. Ich habe mit Freunden eine Mannschaft gebildet, die hat FC Torino geheißen. Und zwar deshalb, weil damals der berühmte FC Torino bei einer Reise zu einem Turnier mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Alle Spieler sind ums Leben gekommen und wir waren alle sehr erschüttert, weil der FC Torino damals so etwas war wie der AC Milan heute. Um diesem Verein die Referenz zu erweisen, haben wir uns auch so genannt. Das erste Spiel beim Turnier haben wir 8 oder 9:1 gewonnen und ich habe 5 Tore geschossen. In Folge stellte sich ein Medizinalrat bei mir vor und sagte, er sei Funktionär beim ASV 13 und dort haben sie mit ihrer Jugendmannschaft Probleme. Ein paar haben, glaube ich, ein Auto ausgeräumt. Meine 5 Tore haben ihn besonders imponiert und darum fragte er, ob ich nicht mit einigen meiner Kollegen zur ASV 13 Schülermannschaft kommen möchte. Dieses Match war der Beginn meiner Fußballkarriere.

 

Haben Sie heute noch Schuhe und Dress zu Hause?

Meine letzten, oft benutzten, Fußballschuhe habe ich vor einem Jahr für eine Versteigerung von „Licht ins Dunkel“ zur Verfügung gestellt. Dressen habe ich einige, weil mir zum Beispiel Rapid zu meinem 65. Geburtstag ein Trikot geschenkt hat, mit der schönen Rückennummer 65. Ein Dress habe ich von Dynamo Zagreb bekommen und ein brasilianische, das ich bei einem Besuch geschenkt bekam. Ich könnte also in verschiedenen Verkleidungen auftreten.

 

Es ist bekannt, dass sie Rapid-Fan sind. Warum?

Ich kann mich an nichts anderes erinnern. Mir haben als Kind vor allem die Torleute von Rapid, der Musil und der Zeman, so unheimlich imponiert. Aber auch den Happel, den Merkel, den Golobiz und den Hanappi habe ich sehr verehrt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich in Hietzing aufgewachsen bin und die Pfarrwiese Hütteldorf war mit dem Radl leicht zu erreichen. Ich habe in der Veitingergasse gewohnt, bin einfach hinüber geradelt und habe bei vielen Spiele, manchmal auch beim Training, zugeschaut. So bin ich da hinein gewachsen. Dazu hatte ich einen größeren Cousin, der war Austria-Anhänger. Das hat mich nur bestärkt in meinem Eintreten für Rapid.

 

Wann waren Sie das letzte Mal im Stadion?

Im Happel-Stadion war ich beim Match gegen England im November 2007. Und im Rapid-Stadion vor ein paar Monaten. Ich kann nicht regelmäßig gehen, aber ich versuche mir wichtige Länderspiele Österreichs anzuschauen und wenn Rapid in einem internationalen Bewerb spielt. Als Rapid 1996 im Finale des UEFA-Cups der Cupsieger war, bin ich nach Brüssel zum Match gefahren. Einmal habe ich mir auch etwas in Salzburg angeschaut. Aber die meisten Spiele meines Lebens habe ich im Prater-Stadion oder am Rapid-Platz gesehen.

 

Was war der weiteste Weg, den sie jemals für ein Match zurückgelegt haben?

Ich habe einmal in England im Wembley-Stadion ein Cup-Finale gesehen und Fußballspiele in Lateinamerika. Aber da bin ich nicht extra hingefahren, sondern da war ich halt gerade zufällig dort. So richtig wegen eines Spieles bin ich zum Rapidspiel nach Brüssel gefahren.

 

Welches Rapid-Team in den letzten Jahrzehnten war für Sie das Beste?

Die Mannschaft, die da international so weit vorgestoßen ist, war eine sehr, sehr gute. Ich habe auch gerne Spiele gesehen mit dem. Meine Heldenmannschaft ist aber Zeman, Happel, Merkel oder im Sturm Körner 1, Riegler, Dienst, Probst, Körner 2 und in der Mitte der Hanappi, ein bissel früher der Golobiz.

 

Sie haben auch lange Zeit beim FC Nationalrat gespielt. Werden da Emotionen frei, die man im Parlament nicht so ausleben kann?

Nein, das ist wie jedes andere Fußball-Match. Man muss sich auch beim Sport unter Kontrolle haben und darf nicht einfach Emotionen ausleben. Aber man soll mit Herz und Einsatz spielen. Diese richtige Mischung, mit vollem Engagement aber diszipliniert und fair zu spielen, ist wichtig und gilt für jeden Sport. Ich bin übrigens noch nie bei einem Fußballspiel ausgeschlossen worden, habe kein einziges Mal die rote Karte bekommen.

 

Kommt man in Versuchung sich für verbale Fouls im Hohen Haus zu revanchieren?

Überhaupt nicht. Das kommt nicht in Frage.

 

Sind ihrer Erfahrung nach die parlamentarischen Hardliner auch am Rasen die Harten?

Nein, da ist überhaupt kein Zusammenhang. Der, der im Parlament herumschreit – das findet keine Reflexion am Fußball-Platz.

 

Ihre Rolle als Österreichischer Präsident: sehen Sie sich mehr als Teamkapitän der Nation Österreich oder als Teamtrainer?

Man muss vorsichtig sein, Vergleiche aus der Welt des Sports auf die Welt der Verfassungsstrukturen unseres Landes zu übertragen. Der Teamkapitän ist ja jemand der selber spielt, das ist dann eher der Bundeskanzler. Ich bin mehr der ÖFB-Präsident oder so was. Aber Sport und Politik sind zwei verschiedenen Welten, die sollte man nicht künstlich durcheinander mischen.

 

Wie zufrieden sind Sie mit der Gruppen-Auslosung?

Man darf nicht unzufrieden sein, weil eine Gruppe, wo Österreich Favorit wäre, war denkunmöglich. Das was das Ganze spannend macht und einen gewissen Optimismus rechtfertigt ist, dass im Fußball nicht immer die Favoriten vorne und nicht immer die Außenseiter hinten sind. Es sind Überraschungen möglich und an Überraschungen kann man auch arbeiten. Man kann sich auch bemühen, dass man Überraschungen herbeiführt. Ich habe mir gedacht: Was ich mir wünsche ist eine Gruppe mit einer sehr starken Mannschaft, allein schon wegen der Attraktivität. Aber auch, weil eine sehr starke Mannschaft bewirkt, dass die mit Österreich um den zweiten Platz konkurrierenden Mannschaften auch klare Außenseiter sind. Und das ist eingetroffen mit Kroatien und Polen.

 

Gegen wen hätten Sie Österreich auch gerne in Wien spielen gesehen?

Spanien sehe ich immer gerne und Italien. Bei der letzten EM war es Griechenland, das unglaublich interessante Spiele geliefert hat. Jedes Mal sind sie als Außenseiter in ein Match gegangen, jedes Mal hat man gesagt: jetzt ist aber Endstation! Und die sind wieder eine Runde weiter gekommen und haben schließlich sogar das Finale gewonnen.

 

Ich bin aber ein bißchen traurig, dass England nicht dabei ist...

Ich auch! Die englischen Clubs Arsenal, Chelsea, Liverpool, Manchester sind Mannschaften, die ich unglaublich gerne sehe. Ich habe während meines Studiums teilweise in England gearbeitet, damals habe ich Arsenal lieben gelernt. Und Stanley Matthews von Blackpool, der hat bis zu seinem 50. Lebensjahr gespielt. Er war Rechtsaußen und ein unglaublich intelligenter Fußballer.

 

Im Juni 2008 wird die ganze Welt auf Österreich blicken. Was wünschen Sie sich, dass die Welt zu sehen bekommt?

Eine gute Europameisterschaft mit hochklassigen Spielen und zwei Veranstaltern, Österreich und Schweiz, die das gut machen. Die eine Aufbruchsstimmung für den Sport erzeugen und damit für Österreich Werbung machen. Ich möchte stolz sein können auf Österreich.

Werden Sie als oberster EM-Botschafter bei den wichigsten Spielen live dabei sein?

Wenn es terminlich geht und wenn ich keine unaufschiebbaren Verpflichtungen habe, möchte ich mir die drei Spiele von Österreich gerne anschauen. Ich werde mir sicher auch das Finale anschaue, das habe ich mir schon im Kalender eingetragen. Und wir werden sehen, ob sich noch etwas zusätzlich ausgeht.

 

Wie diplomatisch geht es auf der Tribüne zu, da sitzen Sie dann ja neben den ranghöchsten Politikern der Gegner?

Da geht es sehr normal zu! Sehr menschlich, sicher nicht undiplomatisch. Unangenehme Augenblicke sind für mich, wenn die Hymne einer Gastmannschaft gespielt wird und ein Teil des Publikums pfeift. Das kann ich einfach nicht verstehen, da bin ich wirklich unglücklich. Wir haben eingeladen, das sind unsere Gäste und die sind genauso stolz auf ihre Hymne wie wir auf unsere. Bei Hymnen anderer Länder soll man überhaupt nicht pfeifen und schon gar nicht in einem sportlichen Wettbewerb. Wenn ich da offene Ohren bei ihren Leserinnen und Lesern finde für dieses Anliegen, würde ich mich freuen. Es ist mir physisch unangenehm auf der Tribüne zu stehen, die Hymne eines anderen Landes zu hören, die ja von einem Österreichischen Orchester gespielt wird, und dann zu merken, dass es Missfallenskundgebungen gibt.

 

Am 16.6. treffen Österreich und Deutschland in Wien aufeinander. Vermutlich sitzen Sie dann neben dem deutschen Präsidenten Horst Köhler oder Kanzlerin Angela Merkel auf der Tribüne. Angenommen Österreich  geht in Führung. Natürlich dürfen Sie dann jubeln. Aber dürfen Sie auch laut jubeln?

So laut ich will! Über österreichische Tore juble ich so, wie wenn neben mir meine Frau sitzen würde. Da gibt es keine protokollarischen Vorschriften und ein solches Protokoll würde ich auch nicht akzeptieren.

 

Ist Ihre Frau auch Fußball-Fan?

Nein, absolut nicht!

 

Dürfen Sie zu Hause Fußball im TV schauen?

Ich darf das selbstverständlich. Sie darf aber auch zu Hause bleiben, wenn ich ins Stadion gehe. Das ist eine ganz klare Regelung.

 

Haben Sie einen 2. Fernseher?

Ja, und meine Frau kann im Nebenzimmer ein anderes Programm sehen, wenn ich Fußball schaue.

 

Sie gelten ja als sehr volksnaher Präsident. Wird man Sie auf der Fanmeile vorm Rathaus sehen?

Ich kann ihr ja fast nicht ausweichen, ich hab ja die Fanmeile vor meinen Fenstern. Ich hoffe nur, dass es nicht zu laut wird. Und dass man ein Gespräch auch im Juni 2008 führen kann.

 

Werden Sie sich unter die Fans mischen?

Ja sicher werde ich einmal hinunter gehen. Das soll aber nicht zelebriert sein. Wenn es schön draußen ist, wenn Zeit ist, wenn mir danach zumute ist oder wenn es einen guten Würstelstand gibt und ich habe gerade Hunger, dann gehe ich hinunter.

 

Ihr Tipp: wie weit wird unser Team kommen?

(Seufzt.....denkt lange nach) Die Chance, unter die letzten Acht zu kommen, lebt. Aber ich will vermeiden, dass das Land in Depression versinkt, wenn es nicht gelingt. Weil: der Ball ist rund, wie schon Max Merkel immer gesagt hat. Wahrscheinlich werden die Buchmacher Österreichs Chance ins Viertelfinale zu kommen, nicht mit mehr als 50 Prozent bewerten. Und das ist kein Bosheitsakt. Ich hoffe, dass wir aus der Außenseiterrolle heraus, mit Heimvorteil, mit Hilfe des Publikums und mit wirklich vollem Einsatz eine Überraschung liefern können. Ich will die Mannschaft aufmuntern, ich will der Mannschaft Zuversicht einimpfen, aber ich will ihr die Latte nicht zu hoch legen. Es ist ein sportlicher Wettbewerb, der sich exakten Prognosen entzieht. Das muss man sich realistischer Weise eingestehen.

 

Auf wen würden sie als Europameister setzen?

Hmm...naja...Deutschland ist eine starke Turniermannschaft, da sind sie immer ein hoher Favorit. Italien zähle ich ebenfalls zum aller engsten Favoritenkreis.

Heinz Fischer

Goal Magazin 2007