Servus Magazin - September 2022

Ernst Mair alias Tribulaun, Maler

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OHNE GLÜCK, LÄUFT ES NICHT

Ernst Mair ist es gelungen, sich sein ganzes Leben mit seiner Leidenschaft, der Malerei, zu finanzieren. Wie schafft man es vom Tiroler Bergbauernbub zum regional bekannten Künstler namens Tribulaun?

Das Haus steht am Ende des Obernbergertals und es sticht nicht nur architektonisch ins Auge. Ernst Mair hat es vor Jahrzehnten selbst entworfen und es auf dem Platz seiner Kindheit gebaut. 94 ist der Künstler heute und als Tribulaun in der gesamten Region bekannt. Jeden Tag malt er noch ein paar Stunden, aber nur mehr für sich selbst, wie er sagt. Rund ums Haus trotzen seine ausdrucksstarken Bilder Wind und Wetter. Robust, so wie er selbst. Wir haben mit ihm über Entscheidungen, Glück und das Leben geredet.

Wie bleibt man so fit und gesund?
Ein Teil ist Gene, der andere ist Bewegung. Ich war ein begeisterter Skifahrer, bin bis vor fünf Jahren noch alpin Ski gelaufen. Das ist ein Sport, der sehr viel fordert. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Ich bin auch Rennen gefahren, vor allem Slalom.

Es wurde aber keine Profi-Karriere daraus?
Ich habe während meines Kunststudiums ein Skirennen gewonnen. Da wollte mich der Präsident des Skiverbandes sofort in den B-Kader aufnehmen. Er hat mir eine große Karriere prophezeit. Aber ich sagte mir: angenommen ich wäre wirklich ein größeres Ski-Talent, dann ist das mit 30 Jahren zu Ende. Da bleibe ich lieber bei der Malerei.

Da waren Sie noch sehr jung.
20 Jahre.

Eine sehr weise Entscheidung in diesem Alter.
Die meisten würden anders entscheiden. Ich wußte aber, ich brauche Herausforderungen. Und die Kunst ist das für mich. Da habe ich lieber mein Studium weitergemacht, acht Semester am Wiener Schillerplatz.

Reicht ein Studium, um ein guter Maler zu werden?
Malerei ist ein Lebensstudium. Das dauert ein ganzes Leben, die Beobachtungen, die Gespräche mit Gleichgesinnten und intelligenteren Menschen als man selber ist. All das kann aus einem einen guten Maler machen.

Ab wann wußten Sie, dass sie Maler werden möchten?
Ich habe als Kind so mit 9 Jahren gezeichnet und Leute porträtiert, die man erkennen konnte. Der Schuldirektor sagte meinen Eltern, dass ich Talent habe und unbedingt studieren sollte. Meine Eltern antworteten: das können wir nicht bezahlen. Ein Bergbauer mit 10 Stück Vieh kann nicht in einer Großstadt eine Wohnung bezahlen. Für sie war die Sache erledigt, aber für mich war ab dann alles klar.

Wie haben Sie sie überzeugt?
Ich habe im Sommer auf den Bergwiesen für die reichen Bauern gearbeitet, habe Mähen mit der Sense gelernt und die ganze Bergwirtschaft. Mit 16 bin ich nach Innsbruck, wurde von einer Familie aufgenommen und bin in eine private Malschule im Stadtturm gegangen. Die hat fast nichts gekostet.

Wussten Sie immer, dass sie vom Malen leben wollen?
Ich habe mein Ziel immer verfolgt. Ich war ja als ältester Sohn als Erbe vorgesehen, der alles kriegt. Wir waren drei Kinder, noch ein Bruder und eine Schwester. Aber ich wollte den Hof nicht übernehmen. Manche im Tal haben gesagt: Der Bua is halt zu faul zum Arbeiten, deshalb will er malen, weil das ist viel leichter. Inzwischen haben sie längst Bilder von mir gekauft.

Sie haben dann in den drei großen Glitzerstädten Paris, Berlin und Wien gelebt. Wieso kamen sie wieder ins einsame Tal zurück?
Ich bin ein Bergliebhaber. Die Abwechslung in den Bergen, die vielen Formen, ganz besonders in den Dolomiten, das hat eine große Faszination. In der Ebene hast du einen weiten Blick und Horizont. Viele Menschen haben dort eine Beziehung zur Natur. Ich nicht.

Haben Sie gerne in den Städten gelebt?
Oh ja, ich war in Wien gern, in Berlin gern und drei Jahre in Paris. Dort habe ich meine ersten Bilder verkauft. Ich malte Blätter vom Champs Elysee, Sacre Coeur, Etoile etc., als Reise-Andenken für kleine Galerien. Als ich dann bessere Bilder gemalt habe, habe ich sofort Schluß gemacht damit. Ich habe doch nicht auf einen Hof verzichtet, um Kitsch zu malen. Da bin ich wieder zurück ins Obernbergertal. Hier habe ich später eine Berlinerin kennengelernt und geheiratet. Nach einiger Zeit in Berlin bin ich malend kreuz und quer durch Europa gewandert aus Neugierde auf die Welt.

Das klingt recht unruhig, aber Sie kamen wieder zurück.
Nach meiner Sturm- und Drang-Zeit dachte ich, hier wäre es wunderbar ein Haus zu bauen. Ich war immer vom Obernbergertal begeistert, vor allem vom See.

Machen Sie noch Wanderungen?
Im Sommer ja, bis zu zwei Stunden geht schon noch.

Sind Sie auch geklettert?
Als Kind, da hatte ich einen Freund der war Schafhirte, er hat mich immer mitgenommen. 300 Schafe hat er am Tribulaun versorgt.

Waren sie auch am Gipfel?
Natürlich, das war eine Verpflichtung, weil ich ja den Namen angenommen habe.

Warum haben Sie sich Tribulaun genannt?
Weil ich am Fuße dieses Berges aufgewachsen bin, dazu hat mir der Name gefallen. Er steht sogar als Künstlername in meinem Pass.

Womit malen Sie?
Mit Öl auf Holzplatten. Ich musste mir eine eigene Grundierung erfinden, da die normale, die man auf Leinwand nimmt, nicht funktioniert hat. Sie ist abgebrockelt. Ich habe lange Zeit herumprobiert, jetzt hält es.

Es ist sehr Farbenintensiv.
Ja man sagt: er malt positiv.

Haben Sie vor 50 Jahren so gemalt wie heute?
Das war eine schleichende Veränderung. Ich sage dazu Expressionismus im Grenzbereich zur abstrakten Malerei. Die Natur sehe ich mit meinen Augen genauso wie mit einem Fotoapparat. Ich möchte sie in meiner Malerei durch meine Farben darstellen, nicht naturalistisch sondern abstrahiert.

Malen Sie lieber Natur oder Menschen?
Zu gewissen Zeiten Menschen, zu anderen lieber Natur, Blumen, Berge. Unten im Gasthaus Almis hängt ein Bild mit einer Burg in der Nähe von Bozen. Das ist eine Leihgabe, so wie das Porträt der Kronenwirtin in Sterzing, die habe ich nur für mich gemalt, das verkaufe ich nicht.

Sie verkaufen nicht alle Bilder?
Nein, die von denen ich glaube, dass sie sehr gut sind, verkaufe ich am unliebsten.

Was würden Sie heute sagen, wie führt man ein glückliches Leben?
Das ist die große Frage, da gibt es kein absolutes Rezept. Ich kann nicht einmal für mein Leben ein Rezept sagen. Ich freue mich, als armer Bergbauernbub ein eigenes Haus mit meiner Malerei finanziert zu haben und dass weit und breit Bilder von mir hängen, sogar in einer Kirche in Berlin. Dafür habe ich auf den Bauernhof verzichtet.

Bereuen Sie das?
Ganz und gar nicht. Ich würde heute genau das Gleiche tun. Es war ein großes Wagnis, aber es war richtig. Mit Glück. Ich weiß schon, dass ich etwas kann, aber Glück muss man auch haben, sonst läuft es nicht.

Ernst Mair, Jahrgang 1928, wuchs auf einem Bergbauernhof in Obernberg am Brenner auf. 1947 wurde er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien aufgenommen, lebte später in Paris und Berlin. In den 1960er Jahren kehrte er ins Tal zurück und machte sich unter dem Künstlernamen Tribulaun als Maler expressionistischer Porträts und Landschaften einen Namen.