Ahornboden

Servus Magazin - Oktober 2022

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WENN DIE GIGANTEN GOLDENE KRONEN TRAGEN

Es sind nur zwei Wochen im Herbst an denen sich die Bergahorne in Schale werfen. Dann verwandeln sie den Tiroler Ahornboden in eine goldene Traumlandschaft.

Foto © Bernhard Huber

600 Jahre lang hat so mancher Methusalem hier Wind, Wetter und Naturgewalten getrotzt. Hat in seinen Kindertagen vielleicht sogar Kaiser Maximilian I. (1459–1508) auf der Jagd vorbeireiten sehen. Hat sich mit seinen Wurzeln im Geröll festgekrallt, wenn Muren den Almboden verschütteten oder sich die kleine Eng in einen wilden Fluss verwandelte, deren Geschiebe alles mitriss, was sich nicht kraftvoll widersetzte.
Der Bergahorn mag es steinig und haltet sich im Schotter gut fest, sagt Hermann Sonntag vom Naturpark Karwendel. Er kennt im Gebirge zwischen dem Tiroler Inntal und dem bayerischen Isarwinkel jeden Stein, vor allem den Ahornboden hat der Biologe gründlich erforscht.
800 Meter Eis haben während der Eiszeit das typische U-Tal auf 1.200 Metern geformt, nach der Schmelze schüttete sich Schotter 120 Meter hoch auf und bildete den Enger Grund. Von den Bäumen, die sich später ansiedelten, überlebte als einziger der Bergahorn, Tannen und Fichten war der Untergrund zu karg. An die 2.200 Bergahorne stehen am Großen Ahornboden, weltweit einzigartig und bereits seit 1927 ein Naturdenkmal. Die meisten der Bäume stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind Überlebende des Dreißigjährigen Krieges. Aus Angst vor Plünderungen und wegen der großen Hungersnot trieb man damals das Vieh nicht auf die Alm, deshalb wurden Rinde und Stämme vom Biss verschont.
Wann sich hier heroben eine Almgemeinschaft bildete lässt sich nicht genau sagen. Vermutlich im 12. Jahrhundert, der erste schriftliche Beweis stammt aus 1460. Bis heute verbringen an die 550 Tiere von neun Inntaler Bauern ihren Sommer auf der Enger Alm, die Stämme der Ahornbäume werden mittlerweile mit Holzlatten geschützt. Immerhin sind sie ein einzigartiger Mikrokosmos in dem pro Baum mehr als 100 Arten von Moosen, Flechten und Farnen wachsen. In den Baumhöhlen brüten und wohnen neben dem seltenen Trauerschnäpper über Kleiber, Specht und Singdrossel auch Fledermäuse.
Ihren großen Auftritt haben die Bergahorne im Herbst, wenn sie zwei Wochen lang den Almboden in goldene Farbe tauchen. Dann strecken sie ihre Blätter leuchtendgelb in den blitzblauen Himmel, umrahmt von den mächtigen Felsen und Gipfeln des Karwendels. Ein Natur-Spektakel von ausgewählter Schönheit. an dem der Lauf der Zeiten bislang spurlos vorüberzog.