Arlbergbahn

Servus Magazin - September 2022

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DURCHS RAUE TAL

Wie der Bau der Eisenbahn eine ganze Landschaft veränderte und warum für manche das Rattern der Züge wie Musik ist. Eine Reise durchs Vorarlberger Klostertal.

Foto © Christoph Wagner

„Hier haben sich früher Fuchs und Gans Gute Nacht gesagt.“ Wir stehen mit Christof Thöny am menschenleeren Bahnhof von Dalaas, einem architektonischen Juwel aus den 1950er Jahren, das in der goldenen Herbstsonne vor sich hin ruht. Hinter uns wartet das Gasthaus Paradies auf bessere Zeiten und würde sich nicht durch langsam lauter werdendes Grummeln ein Railjet ankündigen, könnten Fuchs und Gans selbst heute noch ein ungestörtes Schläfchen halten. Er wird durchrauschen der Zug, denn seit 1995 wird auf dem etwa 30 Kilometer langem Abschnitt zwischen Langen und Bludenz nirgendwo mehr angehalten.
Das Klostertal war immer ein Durchzugstal, sagt Christof Thöny, der nicht nur Historiker sondern auch Experte für die Arlbergbahn ist. Auf der Suche nach seinen eigenen familiären Wurzeln stieß er einst auf den leerstehenden Thönyhof mit Grundmauern aus 1640 in Wald am Arlberg. Diesen hatte sein Urgroßvater seinerzeit mit einem riesigen hölzernen Dachstuhl ausgestattet, so wie er es bei Saisonarbeiten in Frankreich und in der Schweiz gesehen hatte. Heute beherbergt das restaurierte Kleinod das Klostertaler Heimatmuseum, in dem ein großer Teil dem Bau der Arlbergbahn gewidmet ist.
Die Gebirgsbahn war eines der spektakulärsten Projekte des 19. Jahrhunderts und die erste innerösterreichische Verbindung zwischen Vorarlberg und Tirol. Vor allem der bis heute wildromantische Teil westwärts des Arlbergs war neben dem zehn Kilometer langen Tunnel eine konstruktive und technische Herausforderung. Flankiert von der Verwall-Gruppe im Süden und dem Lechquellengebirge im Norden mit ihren schroffen Felswänden, undurchdringlichen Wäldern und tiefen Schluchten galt es in dem engen V-Tal, der Natur so einiges abzuringen.
Für die Planung engagierten die k.u.k. Staateisenbahnbauten Ingenieur Julius Lott, der schon bei der Brennerbahn mitgearbeitet hatte. Er war ein Visionär, sagt Christof Thöny und dass er bereits 1880 einen zweispurigen Bahntunnel durch den Arlberg konzipierte. Im nächsten Atemzug räumt der Historiker gleich mit der hartnäckigen Legende auf, der Baudirektor hätte wegen einer falschen Berechnung beim Tunnel Selbstmord begangen. Papperlapapp, sagt Christof Thöny, der exakte Durchstich zwischen dem Ost- und Westportal erfolgte ein Jahr früher als geplant im November 1883, Lott verstarb leider ein paar Monate vorher in Wien an Tuberkulose.
Während beim Tunnel alles glatt lief, stand man im freien Gelände immer wieder vor neuen Herausforderungen. Es war die Geburtsstunde der Wildbach- und Lawinenverbauung, sagt Christof Thöny. Gegen Steinschlag und Lawinen entlang der Strecke wurde der berühmte Arlbergrechen, eine Art überdimensionaler Bauerngartenzaun mit Steinmauern davor, aufgebaut. Im Winter errichteten die Bauernsöhne des Tales riesige Wände aus Schneeblöcken als Lawinenschutz. Sie gingen mit der Schaufel auf der Schulter rauf und rutschten abends darauf runter, sagt Christof Thöny und zeigt uns alte Schwarzweiß-Fotos auf denen stolze Burschen im tiefen Schnee posieren.
Den Großteil der Arbeiten erledigten aber Fremdarbeiter aus allen Teilen der Monarchie, hauptsächlich aus dem Trentino. Sie waren exzellente Baumeister und Holzarbeiter, mit deren Können die 76 Brücken und Viadukte, 15 Tunnel, sechs Bahnhöfe sowie unzählige Wärterhäuschen in der kurzen Zeit von vier Jahren fertiggestellt wurden. 14.000 waren es zur Hauptbauzeit und sie brachten mit ihren Familien neues Leben ins vormals abgeschiedene Tal. Es entstanden Unterkünfte, Wirtshäuser und neue Siedlungen, viele blieben für immer da.
Meine Großeltern kamen aus Borgo im Trentino, die Oma war Textilarbeiterin, der Opa Tischler, sagt Rosina Burtscher, während wir auf dem Mühlentobel-Viadukt auf den Zug warten, der in sechs Minuten unter uns durchdüsen soll. Gleich danach wird er den Brazer Bogen passieren, der wegen seines eleganten Schwunges ein besonders beliebtes Fotomotiv bei Bahnfans ist. Wenn man die Bahn so liebt wie wir, ist das Rattern des Zuges nicht Lärm sondern Musik, sagt die Mundartdichterin, die mit ihrem Mann Willi vor über vierzig Jahren ein Gästehaus im Brazer Ortsteil Gafreu in der Nähe der Gleise gebaut hat.
Wir sind echte Eisenbahner, sagt Willi Burtscher und lächelt leise, weil das Pfeifen in der Ferne den Bregenz-Zug pünktlich nach Fahrplan ankündigt, den er natürlich im Kopf hat. Sein Opa war beim Bau dabei, sein Vater fuhr als Beimann auf der Lok mit, als die Strecke ab 1925 elektrifiziert wurde. Davor war vor allem die Fahrt durch den Tunnel für Personal und Gäste eine Qual, da der Rauch der Dampfloks in Augen und Lungen brannte.
Ursprünglich lernte Willi Burtscher Installateur, er beugte sich aber dem Wunsch des Vaters und ging zur Bahn. Würde ich heute wieder machen, sagt der mittlerweile pensionierte Zugbegleiter. Immer in Bewegung, quer durch Europa, aber hauptsächlich zwischen Lindau und Innsbruck unterwegs, konnte er seiner Frau oft aus dem Zugfenster zuwinken. Vieles habe sich im Laufe der Jahre geändert, auch die Strecke durchs Klostertal wurde schneller, sagt Willi Burtscher. Einige Schleifen, die man zu Beginn für den steilen Anstieg von 35 Promille benötigte, wurden begradigt und durch Tunnel ersetzt, manche Bahnhöfe wie etwa der in Wald am Arlberg zur Gänze geschliffen.
Dort leben Monika und Otmar Ganahl in einem 300 Jahre alten Bauernhaus. Monikas Vater zog einst aus der Steiermark hierher und war bei der Bergpartie der Eisenbahn für die Absicherung von Lawinen und Felsstürzen zuständig. Otmar hat aus dem Montafon hergeheiratet und arbeitete beim Bau der Arlbergschnellstraße in den 1970er Jahren mit. Nebenbei ist er Bühnenbildner bei den Passionsspielen in Klösterle und eine Art Universalkünstler. Ich mache nur Unikate, sagt Otmar Ganahl, in dessen Atelier sich eine kleine Wunderwelt auftut. Auf zierlich geschnitzten Holzbahnen rollen Kugeln in Endlosschleifen, selbstgebaute Uhren zeigen Mondphasen an, dazwischen – klappklapp – bewegen sich hölzerne Marionetten von Zahnrädern betrieben im Takt und phantasievolle Gebilde hypnotisieren kaleidoskopartig den Blick der Besucher.
Wieder draußen raubt einem die Natur im nach wie vor wilden Tal gleich wieder den Atem. Dass sie trotz aller menschlichen Eingriffe unbezähmbar ist, bekam der Gasthof Post in Dalaas zu spüren. In die alte Post- und Pferdestation aus dem 17. Jahrhundert donnerte vor zwölf Jahren ein Fels und riss Küche und Stiegenhaus weg. Mein Vater hat das Haus erst kurz davor als sein Herzensprojekt gekauft, sagt Iris Kleboth während sie in der alten Gaststube fein säuberlich Stoffservietten faltet. Jörg Kleboth ließ sich vom Einschlag aber nicht irritieren. Im Gegenteil, er integrierte die Felswand hinterm Haus und baute dort eine Salzgrotte, in der man unter anderem sein Asthma lindern kann.
Der Rest des alten Gemäuers wurde detailgetreu restauriert, auch das Kaiserzimmer samt knarrendem Holzboden und Himmelbett. Es war 1881 als sich Kaiser Franz Joseph I. höchstpersönlich ein Bild vom Fortschritt des technischen Prestigeprojektes machen wollte und dabei im Gasthof Post übernachtete. Bei der Eröffnung am 20. September 1884 kam er nochmals nach Dalaas, winkte allerdings nur vom Bahnhof aus seinem Volk zu.
Im Zuge des Bahnbaues zur Wirtschaft ernannt wurde der Engel in Klösterle. Hier haben sich die Leute immer wohlgefühlt, sagt Cornelia Wascher und dass das Haus nach einem Brand in den 1930er Jahren neu gebaut wurde. Danach führte es Mari Mathis mit rescher Hand bis in die späten 1980er Jahre und machte den Engel weit übers Tal hinaus bekannt. Wir sehen uns nach wie vor als Dorfwirtshaus, bei uns wird gejasst, alles mögliche gefeiert und einen Sparverein gibt es auch, sagt Cornelia Wascher. Gemeinsam mit ihrem Mann Norbert, der in der Küche das Kommando hat, drückt sie dem Haus seit dreißig Jahren ihren Stempel auf. Nicht nur als gelernte Wein- und Käsesommeliere sondern auch als Kräuterfrau. Auf 1.000 Metern wächst alles prächtig, sagt Cornelia Wascher, die von ihren Wanderungen Wildfrüchte, Wurzeln und Kräuter mitbringt. Beeren und Pilze liefern Freunde und Klostertaler und die Forellen fischt Norbert aus der Aflenz. Natürlich haben sich die beiden Gastronomen von Beginn weg mit den Bauern und Jägern aus der Gegend zusammengetan. Deshalb stehen neben dem feinen Fleisch von Gallowayrindern und Wild auch Wachteln auf der Karte. Diese kommen, so wie die Eier, von der Kleinen Farm in Langen.
Hier, vis-a-vis vom einzigen Bahnhof der noch in Betrieb ist, haben Karin und Paul Battisti-Jochum eine naturnahe Landwirtschaft aufgebaut, mit der sie fast autark sind. Sie ziehen Wachteln und Hühner auf, die steilen Wiesen werden von 20 Schafen und 2 Ziegen gemäht, ausgeliefert wird mit einem E-Auto, das von der hauseigenen Fotovoltarik-Anlage gespeist wird. Wir brauchen gerade einmal 100 Liter Diesel und 30 Liter Benzin im Jahr für landwirtschaftliche Geräte, jetzt fehlt noch eine kleine Windkraftanlage, sagt Paul Battisti, der nicht nur Tischler sondern auch ein geschickter Bastler ist. Seine Vorfahren – der Name läßt es erahnen – kamen aus dem Trentino und blieben nach dem Bahnbau in Bludenz hängen. Monikas Vorfahren wiederum lebten vom Umschlagplatz Langen, wo Lebensmitteln von den Almen zum weiteren Transport in die Züge verfrachtet wurden.
Hier, wo der Zug aus dem Tunnel fauchend auftaucht, entstand durch die Bahn ein Ort, in dem viele Menschen von ihr lebten. Bis die neue Zeit die alten Techniken hinwegfegte. 300 Einwohner gab es in meiner Kindheit, sagt Monika Battisti, jetzt sind es gerade noch Vierzig. Die Bahnhofsiedlung wurde abgerissen, es gibt keine Schule und keine Bank mehr. Nur die Kirche, der Bahnhof und ein paar Einheimische trotzen dem rauen, achtmonatigen Winter mit teilweise 14 Metern Schnee. Die Natur war ja immer wild im Klostertal, nur die Abgeschiedenheit ist mit der Arlbergbahn gewichen.