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PORTRÄTS
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Matrei in Osttirol
Servusmagazin 12/2024
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EIN PLATZ VOLL KRAFT UND RUHE
Ein Winterspaziergang rund um Matrei in Osttirol und Begegnungen mit Menschen, die um nichts in der Welt hier weggehen würden.
Foto © Franz Gerdl
Wie eine Pretiose aus längst vergangenen Zeiten thront sie auf einem Hügel im Süden von Matrei. Schlicht sieht sie aus, aber trotzdem so wirkungsvoll, dass selbst das Panorama der mächtigen Matreier Hausberge – der Große und der Kleine Zunig sowie der Torkogel – sie nicht in den Schatten stellen können. Errichtet auf einer alten Grabstätte der Römer ist die Nikolauskirche eine der wenigen noch erhaltenen Juwele romanischer Baukunst. Nur der Turm und die Torbögen sind gotische Zubauten, der Rest hat den Lauf der Zeiten seit dem 12. Jahrhundert überstanden. Nicht immer wertgeschätzt, die Fresken etwa mit der Darstellung des irdische und des himmlischen Paradieses wurden einst mit Kalk übertüncht und erst Anfang des 20. Jahrhunderts wieder freigelegt. Heute strahlen sie eine fast magische Kraft und Ruhe aus, die einem schlagartig sämtliches Unbill dieser Welt vergessen lassen. So wie die beiden einzigen Holzstatuen im ansonsten prunklosen Raum, der Hl. Nikolaus und die Muttergottes.
„Beide sind allerdings originalgetreue Nachbildungen von mir“, sagt Holzbildhauer Manuel Egger-Budemair, „die vor zehn Jahren aufgestellt wurden.“ Die kostbaren frühgotischen Originale sind so wie Manuels Kopien aus Zirbenholz geschnitzt und werden in einem luftdichten, dunklen Raum für die Nachwelt aufbewahrt. „Sakrale Figuren sind meine Spezialität, da habe ich mir einen Ruf aufgebaut“, sagt Manuel, der sich selbst als Kunsthandwerker und weniger als Künstler bezeichnet. Er arbeitet viel mit Kirchen, Museen und Schlössern zusammen und restauriert auch alte Stücke. Jetzt gerade steht ein Hl. Vitus bei ihm in der Werkstatt herum, den ein Osttiroler Bildhauer vor 400 Jahren für die Kirche drüben in St. Veit im Defereggen gemacht hat. Diese hat ihn irgendwann einem Bauern geschenkt, der ihn auf seine Haus-Fassade montiert hat. „Für außen war er wirklich nicht gemacht“, sagt Manuel, der das gute Stück jetzt von den Wetterspuren befreit und wieder auf Hochglanz bringt.
Bereits mit sieben Jahren hat Manuel in der Tischler-Werkstatt seines Vaters seine erste Figur geschnitzt. An Vorbildern mangelt es ja nicht hier in der Gegend, in der Holz, das alles bestimmende Material ist. Neben den Bildhauern Gottfried Fuetsch (1909–1989) oder Adrian Egger (1908–1978), hat sich im 19. Jahrhundert vor allem Josef Gasser mit seinen Statuen für den Wiener Stephansdom und die Votivkirche einen Namen gemacht und wurde zum Ritter geschlagen. Sie alle kamen aus dem Virgental, das seinen Ausgang bei der Osttiroler Marktgemeinde Matrei nimmt. Und sie alle kamen Zeit ihres Lebens immer wieder in ihre Heimat zurück. „Ich wollte nie weg von hier“, sagt auch Manuel, „nicht einmal draußen in Matrei wollt ich leben.“
Hier, mitten im Ort Matrei, macht Daniel Wolsegger seine ganz speziellen Holzarbeiten: er drechselt Vasen, Schüsseln oder Figuren in mannshoher Größe. „Ich wollte schon als Kind nur mit Holz arbeiten“, sagt er, während eine Schüssel mit dem stattlichen Durchmesser von knapp zwei Metern in meditativer Gleichmäßigkeit um die eigene Achse rotiert und die Hobelspäne in alle Richtungen fröhlich durch die Luft tanzen. „Beim Drechseln dreht sich das Werkstück und nicht das Werkzeug. Beim Tischlern ist es umgekehrt“, sagt der gelernte Tischler, der Drechseln nur als Hobby begonnen hat. Und weil er einer ist, der gerne an Grenzen geht, hat er dabei immer größere Stücke ausprobiert, um auszuloten, wie weit man gehen kann. Drei Meter hoch ist sein größtes Werk – ein Frosch für einen Kindererlebnispark – und in Österreich gibt es außer ihm nur noch einen Drechsler der solche Dimensionen schafft.
„Man braucht eine ruhige Hand, Fingerspitzengefühl und muss schwere Sachen heben können“, sagt Daniel, der immer wieder Tipps für Holzstämme in Größen, die zu seiner Arbeit passen, bekommt. Einmal hat er sich sogar eine Eiche mit sechs Metern Länge aus Lübeck hertransportieren lassen. Die Esche für die Riesen-Schüssel aber, die gerade munter Form annimmt, stammt aus dem Park vom Schloß Weißenstein, das rundum gut sichtbar auf einer Anhöhe gleich hinter Matrei thront. Es wurde im 12. Jahrhundert von den Grafen von Lechsgemünde aus hellen Dolomitfelsen, also dem „weißen Stein“, errichtet, direkt am alten Säumerpfad, der über den Felbertauern in den Pinzgau führte. Als die Grafen verarmten, verkauften sie das Gebiet an den Salzburger Erzbischof, womit die Gegend hier bis ins 19. Jahrhundert zum Salzburger Bistum gehörte. Die Bischöfe kassierten die Maut, die von den Säumern im Matreier Tauernhaus eingehoben wurde und bezahlten dort die Mannschaft, damit sie die Wege pflegten, den Händlern Unterkunft boten und die verunglückten Toten aus Schnee und Eis bargen. Erst seit bald sechzig Jahren verbindet hier eine Straße Osttirol mit Salzburg und wenn die Einheimischen in ihre Landeshauptstadt Innsbruck wollen, müssen sie nicht mehr den Umweg über Südtirol machen, geschweige denn lange Märsche über Stock und Stein auf sich nehmen. Und das Tauernhaus ist jetzt ein uriges Alpengasthaus und Ausgangspunkt für Touren in die Bergwelt der Venedigergruppe oder ins stille Gschllössltal, auch ein Eiskletterpark ist von dort aus zu erreichen.
„Ich hatte Zeichentalent. Mein Lehrer wollte mich nach Wien an die Akademie schicken“, sagt Erich Trost und hämmert kraftvoll auf ein Stück glühendes Eisen, dass die Funken nur so sprühen. 92 ist er jetzt, und nach Wien ist er damals nicht gegangen, weil ihm das nicht geheuer war. Tischler wollte er werden, da es aber bereits fünf davon in Matrei gab, wurde er Kunstschlosser. „Ich war für die schönen Dinge hier zuständig“, sagt er, also für Lampen, Kreuze und Ziergitter, die er oft mit Steinen aus dem Bretterwandbach verzierte, der durch Matrei rauscht und bis zu seiner Zähmung zu den gefährlichsten Wildbächen Österreichs zählte.
Jeden Tag geht Erich noch in seine Werkstatt und entfacht in der Esse das Feuer auf 1.200 Grad. In den paar Jahren, die ihm noch bleiben, sagt er, möchte er all die Stücke fertig machen, die er einmal anfing und liegen ließ. Einen knapp 3 Meter großen eisernen Arbeiter an dem er schon seit 30 Jahre herumschmiedet zum Beispiel, oder den Bartgeier, dem er gerade eine Schwanzfeder verpasst. Der (echte) Vogel war in der Gegend beinahe ausgestorben und wurde wie der Steinadler erfolgreich wieder angesiedelt. Letzteren erkor man zum Symbol des Nationalparks Hohe Tauern, dessen Tiroler Zentrum in Matrei angesiedelt ist.
Beim Nationalpark als Agrarökonomin hat sich einst Elke Obkircher beworben. Nach einem Studium an der Boku und zehn Jahren in Wien, wollte sie, so wie alle die man hier trifft, wieder nach Hause zurückkehren. Nun, aus dem Job wurde nichts, aber ihre Schwiegereltern wollten ihren Bauernhof, den Binterhof, der mit einem kleinen Brennrecht mit bis zu 200 Litern Schnaps ausgestattet war, übergeben. „Niemand wollte es machen, also hab ich’s gemacht und gleich einmal auf Anlagenverschluß mit bis zu 1.000 Litern erhöht“, sagt Elke, riecht an einer Williamsbirne und gibt uns eine kurze Einschulung im Guten-Schnaps-Erkennen: am besten aus Grappa-Gläsern trinken, mit einem Bauch und einem Kamin, der die Aromen direkt zur Nase führt; Trinktemperatur 18 bis 20 °C – zu kalt, riecht man keine Aromen, zu warm, steigt nur der Alkohol in die Nase; dann in kleinen Schlucken trinken, dabei ein- und ausatmen und schauen, ob der Schnaps in Mund oder Kehle brennt.
Ihr erster Schnaps an den sie sich 1999 heranwagte, war eine Marille. Ab dann wurde das Brennen für Elke zur Leidenschaft und sie begann sich mit ihren edlen Bränden in einer Männerdomäne durchzusetzen. „Als 2008 mein Williams zum Edelbrand des Jahres gekürt wurde, stand ich zwischen 13 Männern auf einer Bühne“, sagt sie und dass es mittlerweile fünfzehn Brennerinnen gibt, die regelmäßig mit ihren Schnäpsen ausgezeichnet werden.
Den Großteil des Obsts, das sie zwischen September und Dezember verarbeitet, stammt von den Streuobstwiesen der Bauern aus der Gegend und von ihrem großen Obstgarten bei Virgen. „Klimatisch sind wir hier das Meran Osttirols“, sagt Elke, während wir gut eingepackt an der sonnengewärmten Hauswand des Binterhofes lehnen. Rund um uns ragen die schneebedeckten Gipfel der imposantesten Berge des Landes in den blauen Himmel und verströmen eine Kraft und Ruhe, so wie die uralte Nikolauskirche. Und plötzlich verstehen auch wir, warum alle hierher zurückkehren. Oder gleich gar nicht weggehen.