© Copyright 2018 Uschi Korda

Milchbuben

Servus Magazin -  September 2018
ZWEI WIE MILCH UND KÄSE

Von den Brüdern Ehammer aus dem Tiroler Brixental, die am alten Hof ihrer Vorfahren ein bisschen was anders machen. Und im Kleinen immer an das große Ganze denken.

© Foto: Christof Wagner

Wenn man so übers Land fährt hört man ja vieles. Herzerwärmendes, Berührendes, Sentimentales, Humoriges, Tragikkomisches, Erdiges – die ganze Palette Leben halt. Und wenn man so in den Stuben beisammen sitzt kommt so mancher auch ein bissl ins Jammern. Meist über Liebgewonnenes aus früheren Zeiten, das im Heute verlorengegangen scheint. Der Familienzusammenhalt etwa, gepaart mit der Landflucht der Jungen – das bereitet einigen sorgenvolle Nächte.

 

Blut ist doch dicker als Wasser, sagen sie dann und schlagen mit der Handfläche auf den alten Tisch, so als wollten sie jedes Argument gleich mit derschlagen. Gilt doch noch immer, sage ich dann trotzdem und möchte sie am liebsten an der Hand nehmen und mit ihnen ins Tiroler Brixental fahren. Dort in den Kitzbüheler Alpen geht eine junge Generation auf Bauernhöfen und Berggasthäusern gerade daran das Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren und mit frischen Ideen anzureichern. Gemeinsam mit ihren Eltern natürlich und getragen von gegenseitigem Respekt.

 

Die Brüder Thomas, 27, und Markus, 25, Ehammer zum Beispiel. Die beiden waren schon als Kinder unzertrennlich, hatten die Bergwelt rund um den Rehaberhof als Spielwiese und tobten durch den Kuhstall. Seit Generationen lebt man auf dem Erbhof aus 1654 von Milchwirtschaft.

 

Unsere Mitarbeiterinnen, unsere Mädels, sagt Markus, grinst spitzbübisch, nimmt mich an der Hand und führt mich zu einer riesigen Glasscheibe in seiner Käserei. Von dort hat man einen 1a-Blick direkt in den Stall wo die 18 Milchkühe im geräumigen Laufstall wie es scheint sehr zufrieden vor sich hin wiederkäuen. Ich wollte immer Bauer werden, sagt Markus, aber etwas Eigenes auf dem Hof machen. Also spezialisierte er sich in der Ausbildung auf die Milch- und Käseproduktion und kam bei der Suche nach einer Nische auf den Camembert. Berg-, Alm- und Butterkäse macht hier eh jeder, sagt Markus und schneidet ein Eck von der Nummer 2, einem Walnusscamembert ab.

 

Als er vor zwei Jahren mit der Idee für die Hofkäserei mit Tiroler Camembert daherkam, hatte Bruder Thomas, ein gelernter Tischler, gerade genug von zehn Jahren Holztreppenbauen. Wenn ihr’s machts, dann machts es richtig, sagte Altbauer Kaspar Ehammer und so gingen die Brüder daran mit ihren eigenen Händen und ihrem letzten Geld auf Bio umzustellen und eine Hofkäserei zu errichten.

Ein paar Jahrhunderte haben wir beim Graben freigelegt, sagt Thomas und schmunzelt dabei so sonnig, als wäre das ein Kinderspiel gewesen. Überhaupt schauen die beiden so frisch und fröhlich aus dem Gewand, dass man sie erstens am liebsten abbusseln und zweitens als Models für den Trend-Beruf Bauer einsetzen möchte.

 

Wir lieben die Natur, kümmern uns um das Wohl unserer Tiere und wir denken in Kreisläufen, vielmehr als unsere Eltern, sagen sie unisono, während sie dickcremiges Joghurt in Glasflaschen füllen. Deshalb haben sie auch ein Jahr lang nach einer Verpackung ohne Plastik für ihren Camembert gesucht, weil niemand Haltbarkeit garantieren wollte. Jetzt wickeln sie ihren Käse händisch in ein Papier mit so einem Minimini-Anteil an Kunststoff, der der Umwelt nicht schadet und ihnen kein schlechtes Gewissen macht.

Immer wieder setzen sie auch junge Bäume aus, weil sie beim Käsen fürs Heißwasser sehr viel Holzhackschnitzel verbrauchen, wegen des großen Holztisches im Laden haben sie eine Eiche ausgepflanzt. Demnächst legen sie sich noch Schweine zu, damit sie die Molke nicht mehr wegschütten, sondern verfüttern können.

 

Als Milchbuben werden sie jetzt langsam bekannt, ein Name, den ihnen ihre Schwester Christina verpasst hat. So geht Familienzusammenhalt heute, sage ich zu mir. Und dass am alten Rehaberhof gilt: Milch ist dicker als Wasser.