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PORTRÄTS
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Luca Miliffi
S-Magazin 1/2024
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IM SCHLARAFFENLAND
Luca Miliffi bringt die besten Delikatessen seiner italienischen Heimat nach Österreich. In einer Qualität, die man selbst dort nicht überall kennt. Und dabei sprechen wir jetzt nicht nur von der Trüffel.
Foto © Philipp Horak
Manchmal ist es gut die Augen zu schießen und sich etwas vorzustellen. Das Schlaraffenland zum Beispiel. Vermutlich tauchen dann Landschaften wie aus dem Bilderbuch auf. In saftigem Grün, sanft hügelig, es plätschern Bäche voll Milch durch die Gegend, von den Bäumen tropft Honig und durch die Luft fliegen kross gebratene Hühner. Es riecht nach den besten Gewürzen dieser Welt und nach Würsten, Käsen und Delikatessen, die einem allesamt auf der Zunge zergehen. So oder so ähnlich sieht wohl das Schlaraffenland unserer Phantasiewelt aus. In der realen Welt liegt es mitten im Industriegebiet Vösendorf und nur wer durch die mächtigen Tore einer schmucklosen Lagerhalle gebeten wird, darf es entdecken.
Zeremonienmeister dieser Wunderwelt des Geschmacks ist Luca Miliffi. Er dirigiert ein exklusives Sortiment von etwa 10.000 der besten Lebensmittel aus seiner Heimat Italien mit einer Leidenschaft, die das schlichte Umfeld im Nu vergessen macht und in einen phantastischen Delikatessenladen verwandelt.
Kommen Sie, kommen Sie, das müssen Sie probieren, das ist ein Tropfen vom Paradies, sagt er gleich zur Begrüßung. Dabei wirbelt er durch die geöffnete Türe und fuchtelt aufgeregt mit den Armen, damit wir ihm nur ja schnell folgen. Schließlich hat er gerade ein paar Flaschen Apfelsaft von einer Bäuerin aus einem kleinen Dorf bei Treviso geliefert bekommen, die er vor ein paar Jahren entdeckt hat. Sie produziert ihre Säfte wie edle Weine nach Jahrgängen, Lagen und Sorten, darunter auch einen Aurora Gialla, der nur alle vier Jahre abgefüllt wird.
Während wir jetzt ein paar Schlückchen davon, Jahrgang 2018, über unseren Gaumen perlen lassen dürfen, erzählt Luca Miliffi die Geschichte der Produzentin. Wie er sie entdeckt hat, über ihren Vater, der mit seinem akribischen Wissen den Apfelgarten angelegt hat und dass sie bei einer Apfelverkostung 5.000 Unterschiede im Geschmack herausfiltern kann. Und weil Luca Miliffi Italiener bis in die Haarwurzeln ist, verleiht er dieser Geschichte eine Dramatik, die erstens das Begehren nach diesem Getränk ins Unermeßliche steigert und zweitens den Wunsch weckt, sofort aufzubrechen, um den Apfelgarten zu besuchen.
Es ist wohl diese ansteckende Begeisterung für allerbeste Qualität, wie sie oft nur kleine Landwirte und Lebensmittelproduzenten zusammenbringen, die einen Teil des Erfolges von Luca Miliffi ausmachen. Sein Name steht bei Köchen in den besten Restaurants Österreichs und bis nach Bayern für ein exklusives Angebot an Zutaten, das sonst niemand bietet, ja niemand bieten kann. Schließlich hat der Mann in jahrelanger Kleinarbeit alles, was gut ist, selbst gesucht, entdeckt und zu einem geschmackvollen Lebensmittelpaket gebündelt. Was es dazu braucht, ist neben einer gehörigen Portion Neugierde und Leidenschaft für gutes Essen, auch ein Fundament, das einem von klein auf ermöglicht, in diese Welt hineinzuwachsen. Da hatte Luca Miliffi richtig Glück.
Seine Familie stammt aus einem kleinen Dorf in den Marken, wo er täglich von seiner Großmutter bekocht wurde. Sie war meine Universität, sagt er mit dem warmen Glanz in den Augen, den Italiener haben, wenn sie über Familie und Essen sprechen. Während ihn die Großmutter in die Geheimnisse der italienischen Küche einweihte, entführte ihn sein Vater in die ganz große Welt des guten Geschmacks.
Er hat mir die Sprache der Kulinarik beigebracht, die eine Sprache des Herzens ist, sagt Luca Miliffi über seinen Vater Arnoldo, der ursprünglich Jet-Pilot war. Als er Probleme mit den Augen bekam, musste er umsatteln, absolvierte ein Ingenieurstudium und heuerte bei Eni an. In den 1980er Jahren schickte ihn das Unternehmen nach Wien, um die erste Pipeline zwischen Russland und Italien zu planen. Hier steckte die Nouvelle Cuisine noch in den Kinderschuhen und die späteren großen Namen wurden sich nur in eingeschworenen Feinschmecker-Zirkeln hinter der Hand zugeraunt. Doch Arnoldo Miliffi spürte sie bald auf, schließlich wollte er auch unter der Woche gut essen und nicht nur am Wochenende, wenn daheim im italienischen Dorf groß aufgekocht wurde.
Nun ja, was soll man sagen, beim Pendeln entdeckte Arnoldo, den wir uns als Genussmenschen erster Güte vorstellen dürfen, immer wieder gute Sachen in kleinen Dörfern am Wegesrand und brachte bald Delikatessen von hüben nach drüben und umgekehrt. Vor allem hatte er etwas für drüben, also für Österreich und Bayern, das heißbegehrt wie Gold war: Trüffeln aus den Marken und dem Piemont. Diese transportierte er in einer Fliegertasche direkt von den Trüffelsuchern zu den Köchen und nahm dabei oftmals Sohn Luca mit. So wurde dieser erstens mit einem der exklusivsten Lebensmittel vertraut und lernte zweitens Österreichs Koch-Elite kennen.
Ich habe oft nicht einmal über den Pass gesehen, sagt Luca Miliffi, der im Schlepptau seines Vaters vom Steirereck übers Landhaus Bacher, den Obauers bis ins Korso und Hilton in die Küchen hineinschnupperte. Es dauerte wohl nicht lange bis er so fasziniert von diesem kulinarischen Universum war, dass er es nicht mehr verlassen wollte.
Was sein Vater als Hobby nebenbei betrieb, machte Luca Miliffi mit 18 Jahren zu seiner Profession. Er eröffnete einen Lebensmittelhandel und schrieb stolz ins erste Firmenbuch: Trüffellieferant. Damit legte er 1996 den Grundstein für sein Spezialitäten-Paradies. Die Trüffel ist ein Teil meines Lebens, sagt Luca Miliffi, mit ihr bin ich daheim in den Marken aufgewachsen. Er kennt jeden Trüffelsucher und jeden Trüffelhund persönlich und natürlich weiß er ganz genau unter welchen Bäumen die Stradivaris unter den Trüffeln wachsen. Bei den edlen Knollen macht er die einzige Ausnahme in seinem ansonsten ausschließlich italienischen Repertoire: er hat auch welche aus dem französischen Perigord in seinem Koffer.
Wenn Heinz Reitbauer mir am Abend sagt, dass er Trüffeln braucht, weiß ich genau, wen ich anrufe. Derjenige zieht dann noch in der Nacht mit seinem Hund los und am nächsten Vormittag sind die frischen Trüffeln im Restaurant, sagt Luca Miliffi mit stolzem Unterton, weil er weiß, dass niemand ihm bei Qualität und Liefertempo das Wasser reichen kann.
Wohl auch nicht bei seinem Wissen über Lebensmitteln. Wenn man mit ihm die Regale abschreitet, ist es, als würde man neben einem wandelnden Lexikon spazieren. Er weiß über seine 300 Mehlsorten, die Nudeln aus den Marken und den Radicchio Ceriolo aus dem Friaul genauso Bescheid wie über die Pistazien aus Sizilien, die Haselnüsse aus dem Piemont oder die Alici aus Palermo, um nur ein paar dieser Köstlichkeiten zu nennen. Und weil man bei jedem Wort sein Herzblut spürt, erzählt er die dazugehörigen Geschichten der Produzenten so, dass sie wie kleine Filme vor dem geistigen Auge ablaufen.
Die Eier zum Beispiel, die er nach einem Geheimtipp eines italienischen Spitzenkochs aufgestöbert hat. Ein wirklich außergewöhnlicher Hühnerzüchter, sagt Luca Miliffi mit begeistertem Timbre in der Stimme, der seine Hühner abends mit Ziegenmilch füttert. Das Ergebnis ist ein perfektes Ei, das man in dieser Einfachheit erst einmal zusammenbringen muss. Oder die Geschichte der beiden Damen, die bei Como jetzt Tee anpflanzen und ihre handverlesenen Sorten in handgemachte Säckchen füllen. Oder der Sohn einer traditionellen Turiner Schokoladenfamilie, der als schwarzes Schaf in die Weinwelt ausbrach, sich dann auf Säfte spezialisierte und als neuesten Schrei erstklassigen alkoholfreien Wein produziert. Ohne seinen Pfirsich-Nektar wird übrigens der legendäre Bellini im venezianischen Cipriani nicht serviert.
Und dann gibt es noch ein Produkt, dem Luca Miliffi sein persönliches Gütezeichen Stradivari verpasst. Das ist die Mortadella Simona, die ein Fleischhauer in Bologna mit Honig produziert und nach seiner Tochter benannt hat. Sie ist einzigartig in Geschmack und Geruch, sagt der Connaiseur, der uns jetzt in einen Raum führt, den er als Scuola, also Schule, bezeichnet.
Hier werden interessierte Gastronomen und Köche in die Geheimnisse seiner Warenwelt eingeführt.
Fünf Mitarbeiter, allesamt aus Italien, zaubern in einer winzigen Küche mit den Delikatessen aus der Halle unter anderem Pasta, Foccacia, Polenta, Brot und Dolci. Hier ein bisschen Limone di Sorrento drüber gerieben, da Olivenöl aus Riva am Gardensee mit Honig aus Trient verrührt und dort noch Granola di Nocciola drauf gestreut – der Chef persönlich verfeinert jedes dieser Gerichte.
Ich möchte die Kultur meines Landes weitergeben, sagt er. Dazu gehört aber auch, dass er sich persönlich aussucht, wen er beliefert. Interessenten, die Miliffis hochwertige Qualitätswelt nicht verstehen und respektieren, oder über den Preis verhandeln wollen, werden abgewiesen. Ich bin klein geblieben und nie mit meinen persönlichen Ansprüchen an ein Produkt runtergegangen, sagt Luca Miliffi. Hätte ich es anders gemacht, wäre ich reich geworden und hätte nicht diese Halle hier, sondern könnte mir einen opulenten Laden mitten in der Stadt leisten, sagt er noch, während er uns zum Abschied nachwinkt und die Türe hinter uns schließt.
Gut so, denken wir, wieder ausgespuckt im kargen Ambiente des Vösendorfer Industriegebietes. Und wenn wir ab jetzt die Augen schließen und ans Schlaraffenland denken, steht mittendrin im pittoresken Gelände diese Lagerhalle, hinter deren Wänden sich ein Geschmacks-Paradies Made in Italy verbirgt.