Mosaikmacher

Servus Triest - Juli 2020

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STEINCHEN FÜR STEINCHEN

Die kleine Welt von Laura Carraro und Mohamed Chabarik liegt mitten in der Altstadt von Udine. Hier schaffen die beiden Mosaikmacher Werke von zeitloser Schönheit und verwenden dafür alles was sich so findet.

Fotos © Lupi Spuma

Klonk, Klong, Klong – Stille – Klong, Klong, Klong – Stille… es ist wie der Rhythmus eines spirituellen Liedes, eines Mantras, das sich in deine Seele einschmeichelt, dich mit dem leichten, gleichmäßigen Klong in eine Welt entführt in der Ruhe und Gleichgewicht herrschen. Und Schönheit, denn es ist die Welt der beiden Mosaikkünstler Laura Carraro und Mohamed Chabarik. Unter ihren Händen setzen sich kleine, bunte Teilchen zu Bildern zusammen, die in der Nähe betrachtet eine ganz andere Kraft entfalten, als von der Ferne. Aber egal ob nah oder fern, es läßt sich mühelose darin versinken und in sie hinein träumen.
Das Mosaik ist ja nicht gerade groß in Mode, sagt Mohamed, mit kurzem Bedauern, das er allerdings nicht allzu sehr in den Vordergrund rückt. Ganz im Gegenteil, so wie er Skizzen zeigt und über seine Arbeit spricht, kann er den Stolz, ein Mosaicista, ein Mosaikmacher, zu sein, kaum verbergen. Ein Stolz genährt von einer Begeisterung, die gemeinhin als Antriebskraft für alles Kreative gilt.
Das Schöne ist, sagt Laura, die jetzt klong-klong-klong mit einem Spezial-Hammer aus einer bunten Glasplatte ein Mini-Quadrat herausschlägt, das allein durch seine Unvollkommenheit vollkommen wirkt. Das Schöne ist, sagt sie also, dass sich beim Mosaik Handwerkstechnik und Kunst verbinden. Eine Kombination die beide unabhängig von einander für sich als ideale Ausdrucksform gefunden haben. Allerdings am selben geschichtsträchtigen Ort, in der Mosaikschule in Spilimbergo.
1922 gegründet, werden dort Künstler aus der ganzen Welt in dieser Technik ausgebildet, die seit Jahrhunderten im Friaul tief verwurzelt ist. Warum sich ausgerechnet in den beiden Flüssen, dem Tagliamento und dem Meduna, die Spilimbergo förmlich umarmen, besonders prachtvolle Steine finden, lässt sich vermutlich erdgeschichtlich in grauer Vorzeit erklären. Sie haben die Bewohner seit jeher inspiriert, selbst die Venezianer und Triestiner holten sich für ihre kunstvollen Steinböden in den Palazzi die Mosaikmacher aus der Region. Diese orientierten sich am römischen Mosaik, das aus Steinen und Marmor komponiert wurde. Im byzantinischen Mosaik wurden auch Glas und Gold verwendet, die Mauren wiederum setzten exakt geschnittene Fliesenstücke zu geometrischen Mustern zusammen, die dreidimensional den Blick schier in die Unendlichkeit leiten.
Früher war Mosaikmachen körperlich anstrengend, sagt Mohamed. Man schleppte große Steine und Blöcke in die Häuser und man verbrachte Tage in einer aberwitzigen Körperhaltung um am Plafond ein steinernes Bild zu konstruieren. Das änderte sich erst als der Friulaner Giandomenico Facchina im 19. Jahrhundert mit einer neuen Technik das Kunsthandwerk revolutionierte. Er malte das Muster oder Bild spiegelverkehrt auf ein kartonstarkes Papier, setzte die Steine drauf, verband sie mit Zement und fixierte das Mosaik im Ganzen vor Ort an die Wand. Dann kommt der Moment der Wahrheit, dann wird das Papier abgezogen und du siehst erstmals das fertige Werk, sagt Mohamed, der uns diese Technik in der Werkstatt vorführt.
Eine Hand Gottes hat er für einen Kunden in Arbeit, die er fein säuberlich vorgezeichnet hat. Sie wird einen Grabstein zieren, über den man drüber streichen kann, ohne mit der Handfläche hängen zu bleiben. Denn neben dem Vorteil, dass man den Großteil der Arbeit sitzend in einer Werkstatt erledigen kann, bringt Facchinas Methode im Gegensatz zur antiken Unebenheit auch eine glatte Oberfläche ins Mosaik.
Ich wollte etwas mit meinen Händen machen, sagt Laura, die jetzt unter dem riesigen Arbeitstisch, der beinahe die gesamte Werkstatt einnimmt, ein dunkelrotes Glasteil herauszieht. Die dicken Platten werden in Murano in allen Farben eigens für die Mosaikmacher hergestellt, die sie dann in kleine Stückchen teilen, ohne dass sie zerspringen. Die gebürtige Venezianerin hatte in ihrer Heimatstadt Literatur studiert, als sie eines Tages in Spilimbergo vorbei kam. Die natürlichen Materialien haben mich sofort fasziniert, sagt die 35-Jährige und streicht sanft mit der Hand über den Holzrahmen in den sie geduldig mit einer Pinzette Steinchen für Steinchen zu einem Bild zusammenfügt. Bunt, abstrakt, zeitgenössisch.
Auch Mohamed führte einst der Zufall in die friulanische Mosaikschule. Der gelernte Kalligraf hatte 2001 seine Heimat Aleppo in Syrien verlassen, da er seinen Beruf zunehmend durch den Computer bedroht sah. In Italien wollte er ein Kunsthandwerk finden, auf dem er eine Zukunft aufbauen konnte. Ich verliebte mich auf der Stelle in den Spirit und in den Klang, der das Mosaikmachen begleitet, sagt der heute 41-Jährige über den Moment als er zum ersten Mal die Mosaikschule betrat. Drei Jahre dauert die Ausbildung, die er sich als Abwäscher in einem Restaurant finanzierte. Fünf Stunden Schlaf, sagt Mohamed und verdreht die Augen, damals war ich jung und ich hatte ein Ziel.
Es scheint wie eine glückliche Fügung, dass Laura und Mohamed vor neun Jahren aufeinander trafen und seither privat und beruflich ein Paar sind. Wir haben beide einen ausgeprägten Hang zum Sammeln, sagt Laura und dass das typisch für Mosaikmacher sei. Sogar von ihrer Hochzeitsreise auf der kleinen Vulkaninsel Pantelleria vor Sizilien kamen sie mit einem Koffer voller Steine wieder heim. Eine Leidenschaft, die einen Teil ihrer Arbeiten speist und die auch ihre Lebensphilosophie widerspiegelt: bei Carrero & Chabarik wird vieles wieder verwertet und bekommt als Kunst einen neuen Sinn. Die Buchstaben einer kaputten Computer-Tastatur zum Beispiel oder ein alter Kalender, aus dem Steinchen wie Erinnerungen purzeln. In verlassenen Häusern werden Ziegeln und altes Holz eingesammelt, befreundete Keramiker bringen Scherben vorbei, weil sie wissen, dass daraus noch etwas Schönes entstehen wird. Hocker, Truhen und Tische von Möbeldesignern werden mit bunten Intarsien verziert, es gibt mosaikbestückte hölzerne Bäume und Fische und silberne Preziosen mit dezenten Ornamenten. Diese Vielseitigkeit, sagt Laura mit einem kieksenden Seufzer, so als ob sie ihr Glück kaum fassen könnte. Sie ist die künstlerische im Team, sagt auch Mohamed, der sich mehr beim Handwerk zu Hause fühlt.
Das eigentliche Standbein der Werkstatt sind Auftragsarbeiten für Bad, Küche oder Wand. Oder ganz traditionelle Steinböden wie etwa der Hochzeitsplatz des steirischen Weinguts Hakamp in St. Nikolai im Sausal. Eine Woche, sagt Mohamed und wischt sich den imaginären Schweiß von der Stirne. Eine Woche lang hat er Marmorblöcke und Steine hingekarrt, zerlegt, zerstückelt und wieder verlegt. Für die Ewigkeit, sagt er, so wie die Liebe die darauf geschworen wird. Dann schnappt er den Hammer und zerteilt ein rostfarbenes Stück Glas, um gemeinsam mit seiner Frau das Mosaikbild im hölzernen Rahmen zu vollenden. Klonk, Klong, Klong – Stille – Klong, Klong, Klong – Stille…

CarraroChabarik, Via Beato Odorico da Pordenone 4/B, 33100 Udine, Tel.: +39/0432/174 07 30, carrarochabarik.it