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DAS LOS DES WIDDERS

Schneeweiß muss er sein. So will es der Brauch im Osttiroler Virgental. Und ein stoisches Phlegma kann auch nicht schaden, wenn man plötzlich so im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

© Foto Peter Podpera

„Kimm, kimm, hiaz is soweit,“ flüstert Andreas Mariner und wenn man ganz genau hinhört spürt man eine leise Wehmut, die in diesen fünf Worten mitschwingt. Dem Bauern selbst, der erdig und fest im Stall steht, ist das natürlich in seiner gesamten Erscheinung nicht anzumerken. Das Wichtigste beim Widder ist, hat er uns zuvor erklärt, Distanz zu bewahren und nur ja keine Beziehung aufzubauen. Wird er zu zahm, glaubt er du bist seinesgleichen und stößt dich unvermutet in den Rücken. Das ist dann zwar zärtlich gemeint, hat für das fragile Knochengerüst des Menschen aber eher schmerzliche Folgen. Nicht einmal einen Namen haben ihm deshalb die Bauersleute aus der Fraktion Göriach in Virgen gegeben, obwohl sie ihn jetzt ein Jahr lang gehegt und gepflegt und ihn für seinen großen Auftritt am weißen Samstag nach Ostern vorbereitet haben.

Alle zwölf Jahre muss ein Bauer der Fraktion Göriach den Opferwidder stellen, so will es das Ritual. Zwölf Fraktionen gibt es insgesamt im Osttiroler Virgental, fünf gehören zur Gemeinde Prägraten und sieben zu Virgen und jedes Jahr darf eine andere die Prozession mit dem Tier an der Spitze anführen. Seit 1920 wird zur Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern marschiert, die etwa zwei Kilometer von Virgen entfernt inmitten der imposanten Bergkulisse thront. Stellen die Virgener Fraktionen den Widder, muss er schön brav die gesamte Strecke laufen. Kommt er aus dem sechs Kilometer entfernten Prägraten, darf er den Großteil des Weges mit dem Traktor fahren. Diesmal also muss er gehen, aber bis es soweit ist, hat er noch allerhand Prozeduren über sich ergehen zu lassen.

Letzten Herbst hat Andreas Mariner den Widder in Matrei ersteigert. Ein schönes Tier, sagt er, Tiroler Steinschaf, 130 Kilo schwer und mit 300 Euro recht günstig, weil er schon drei Jahre alt war. So ein Widder ist für einen Bauern nur gut, bis er fünf ist, sagt Andreas Mariner, dann springt er nicht mehr, ist demnach für die Schafzucht nicht mehr zu gebrauchen. Bei einem sogenannten Opferwidder ist das aber nebensächlich.

Schön soll er sein, kräftig und gesund und ein blütenweißes Fell muss er haben. Dafür hat ihm Andreas Mariner einen eigenen Verschlag im Stall gebaut, fernab ab von den Schafen. Würde er zu nahe bei ihnen stehen, wäre es zu warm für ihn. Damit er am Festtag in voller Pracht dasteht, wird der Widder, entgegen sonstigem Usus nämlich ein Jahr lang nicht geschoren. Dazu hat ihn der Bauer auch ausschließlich mit Heu gefüttert. Nimmst Stroh, sagt Andreas Mariner, färbt sich das Fell gelb.

Nicht immer haben übrigens die auserwählten Widder ihren Festtag erlebt, erzählt man sich hier hinter vorgehaltener Hand. Einer habe seinen mit hartem Brot gefüttert, was dieser gar nicht vertragen hat. Und so manch ein Widder wurde im Winter bei zu kalten Temperaturen gewaschen und hat dann die Verkühlung nicht überlebt. Das dauert schon 4 Tage bis er trocken ist, sagt Andreas Mariner, der seinen aber nicht nur mit Fewa-Wolle schamponiert sondern danach auch mit einer Heißluftkanone trockengeföhnt hat.

So gut ging’s den Opferwiddern in früheren Zeiten sicher nicht. Seit 1635 findet dieser Bittgang der Virgentaler statt, wobei man bis nach dem I. Weltkrieg dafür einen Zwei-Tages-Marsch ins 50 Kilometer weit entfernte Lavanter Kirchbichl auf sich nahm. Danach wurde die Prozession auch aus moralischen Gründen in die Wallfahrtskirche nach Obermauern verkürzt. Davor hieß es gemeinhin: „Beim Hinuntergeh’n heilig, heilig, beim Zurückgehn’n rauschig, rauschig.“ Außerdem kamen sich so manche Teilnehmer beim Übernachten in den Heustadeln zu sehr nahe.

Es war freilich ein trauriger Anlass der diesem Brauch zugrunde liegt. 1620 wütete in ganz Tirol die Pest, so auch im Virgental, wo man mit Gebeten und Prozessionen versuchte, das Unheil abzuwenden. Bei einem dieser Bittgänge soll der Sage nach, ein großer Sensenmann aus dem Wald getreten sein und sein Werkzeug bedrohlich geschwungen haben. Angelockt vom verängstigten Gekreische der Menschen stürzte aus der Wallfahrstkirche Maria Schnee ein weißer Widder, der beim dritten Anlauf den Todesboten umgeworfen haben soll, worauf dieser in Schutt und Asche zerfiel. Die dankbaren Virgentaler beschlossen fortan jährlich einen weißen Widder in einer Prozession von Obermauern ins Lavanttal zu führen und ihn dort zu opfern. Sie hielten sich jedoch nicht an ihr Gelöbnis, daher kam die Pest 1634 wieder und zwar so heftig, dass die Särge von der Virgener Kirche aufgereiht bis nach Niedermauern standen, immerhin 1,5 Kilometer lang. An der Stelle des letzten Sarges wurde 1635 ein Bildstöckl errichtet, das „Pestketterle“, in dem ein barockes Votivbild die Legende des weißen Widders darstellte. Das Bildstöckl gibt es bis heute, allerdings nur mehr mit einer Kopie des Bildes. Das Original hängt seit 1986 in der Wallfahrtskirche in Obermauern.

Früher, so erzählt man sich hier, war so ein Widder in der armen Gegend ein richtiges Opfer, deshalb hatte der auserwählte Bauer das Recht einen „Widderweizen“ für die Verpflegung des Tieres einzusammeln. Heute bekommt er eine finanzielle Entschädigung. Auch sonst hat sich der Brauch im Laufe der Zeit den Lebensbedingungen angepasst. Längst wird der Widder nicht mehr geschlachtet. Eine Zeitlang wurde er versteigert, seit einigen Jahren wird er im Rahmen einer Tombola als Hauptpreis verlost.

Auf dem Bauernhof von Andreas Mariner ist inzwischen seine Schwägerin Klara, eine gelernte Floristin, eingetroffen. Mit stoischer Ruhe lässt sich der Widder von ihr einen Schmuck aus Nelken, Chrysanthemen, Asparagus, Schleierkraut und Buchs verpassen und zu guter Letzt ein Krönchen zwischen die Hörner setzen. Genaue Vorschriften gibt es keine, sagt Klara Mariner, nur die Farben Rot, Grün und Weiß sind vorgegeben. Warum, darüber weiß im Tal niemand mehr Bescheid.

Schön langsam wird’s Zeit, sagt Andreas Mariner, der im Gegensatz zum Widder ob seiner ungewohnten Rolle jetzt etwas nervös wird. Schnell noch den Sonntagsjanker umgelegt und los geht’s. Zunächst zur Virgener Kirche und dann Richtung Obermauern, mit seinen drei Kindern Florian, Sara und Gabriel und dem Widder im Schlepptau, gefolgt vom Prozessionszug.

Bereits drei Monate vorher hat der Losverkauf begonnen. 4.000 Stück zu jeweils 1,50 sind im Umlauf, der Erlös dient zur Erhaltung von Maria Schnee. Die Wallfahrtskirche in Obermauern ist ein architektonisches Juwel aus 1456 mit spätgotischen Fresken von Simon von Taisten, dem Hofmaler der Görzer Grafen.

Diese werden jetzt allerdings vom Hauptakteur des Tages, dem Widder, keines Blickes gewürdigt. Obwohl permanent von Menschen umzingelt hat er bislang seine Contenance nicht verloren. Geduldig lässt er sich nach alter Tradition dreimal um den Altar führen, bevor er in Ruhe mit seinem Bauern vor dem Gotteshaus das Ende der Messe abwarten darf.

 

Dann aber geht’s wieder rund. Alle wollen den Widder sehen, Kinderhände graben sich in sein weiches Fell und jetzt wird nicht nur der Bauer unruhig. Mit all seiner Kraft hält Andreas Mariner den Widder bei den Hörnern fest, murmelt beruhigende Worte und atmet sichtlich auf, als endlich die Verlosung beginnt und die Aufmerksamkeit der Menge auf sich lenkt.

 

Das große Los mit der Nummer 435 zieht schließlich Andreas Weiskopf aus Prägraten. Während die Menge nach diesem Höhepunkt langsam von dannen und Richtung Dorfwirtshäuser zieht, verabschiedet sich auch Andreas Mariner vom Widder. Meine Arbeit ist getan, sagt er, dreht sich um und verschwindet schnell Richtung Göriach. Und nur wer ganz genau hingehört hat, hat in seiner Stimme ein klein wenig Wehmut vernommen.

Opferwidder

Servus Magazin April 2016