Servus-Magazin - August/2020

Angelika Kauffmann

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EIN HERZ FÜRS LÄNDLE

Sie war emanzipiert, Kosmopolitin und die bedeutendste Malerin ihrer Zeit. Nur zweimal machte Angelika Kauffmann Station in Schwarzenberg, trotzdem bezeichnete sie den kleinen Ort im Bregenzerwald als ihre Heimat.

Foto © Bernhard Huber

Vermutlich war es zuerst die Landschaft, die sie rührte. Dieses saftige Grün der Almen, durchzogen von sanften, dunkelgrünen Hügeln und umspielt von den grauen Gipfeln des Bregenzerwaldgebirges. Die Szenerie hat etwas von einem Amphitheater, in dem mittendrin verstreut die Häuser und Höfe von Schwarzenberg ruhen. Stattlich stehen sie da, strahlen Stille und Geborgenheit aus und eine Sicherheit, die schwer zu erschüttern ist.
Wer heute im Zentrum des denkmalgeschützten Ortes steht, hat kaum ein anderes Bild vor Augen als die 16-jährige Angelika Kauffmann, die 1757 zum ersten Mal hierher kam. Die Schindeln vom Gasthof Hirschen waren wohl noch hell und rochen nach frischem Holz, vielleicht war das eine oder andere Gehöft noch nicht zur Gänze wieder aufgebaut. Die Kirche aber strahlte bereits außen in neuem Glanz, auch sie hatte den verheerenden Brand zwei Jahre zuvor nicht überstanden, der nahezu ganz Schwarzenberg vernichtet hatte. Jetzt musste nur noch der Innenraum prachtvoll ausgestattet werden und dafür holte man Johann Joseph Kauffmann in seine Heimat zurück.
Der Sohn einer kinderreichen Bauersfamilie aus
Schwarzenberg war als Wandermaler in die Welt gezogen, hatte im Schweizerischen Chur die Hebamme Cleophea Luz kennengelernt, wo am 30.10.1741 die gemeinsame Tochter zur Welt kam. Dass Angelika Kauffmann mehr Talent wie ihr Vater hatte, zeigte sich bereits im Alter von neun Jahren, als sie ihre ersten Pastellbilder anfertigte. Sie galt als Wunderkind, das vom Vater zeichnerisch und von der Mutter musikalisch gefördert wurde.
Ein Privileg in einer Zeit, in der man Frauen ansonsten vorwiegend auf die Ehe vorbereitete. Dem jungen Mädchen selbst war lange nicht klar, ob sie sich fürs Malen oder Singen entscheiden sollte. Den Konflikt stellte sie später in ihrem „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ (Puschkin-Museum, Moskau) eindrucksvoll dar. Auch in ihrem ersten Selbstbildnis mit 11 Jahren sah sie sich als Sängerin mit Notenblatt. Warum sich Angelika Kauffmann schließlich doch mehr zur darstellenden Kunst hingezogen fühlte, hat wahrscheinlich mit dem frühen Tod der Mutter 1755 und der darauffolgenden engen Bindung des Einzelkindes an den Vater zu tun.

Der Ruf aus Schwarzenberg ereilte Vater und Tochter Kauffmann am Hof des Herzogs von Modena in Mailand, wo sie für Porträts engagiert waren. Es muss für das junge Mädchen wie ein Heimkommen ins verlorene Paradies gewesen sein, voll mit bildhaften Eindrücken und herzlichen Begegnungen, die die Trauer ein wenig vergessen machten und die Einsamkeit linderten. Es war eine riesige Familie in der sie sich plötzlich wiederfand. Ihre beiden Onkeln Jodok und Michel hatten viele Kinder, mit einigen blieb sie Zeit ihres Lebens in Verbindung. Vetter Hans etwa, den sie in ihren Briefen später gerne Giovanni nannte, lebte ab 1792 bis zu ihrem Tod bei ihr in Rom, war ihr Gehilfe und als Kupferstichhändler erfolgreich.
Die Aufträge von Adeligen und Bischöfen hatten schon Angelika Kauffmanns Vater zu einigem Wohlstand verholfen, den er im Bregenzerwald geschickt anlegte. Er beauftragte Joseph Anton Metzler, einen Käsehändler, Baumwollfabrikanten und somit einer der reichsten Männer der Region mit der Verwaltung und unterstützte mit einem Teil der Erlöse aus Zinsen und Verpachtung bedürftige Verwandte. Eine Tradition, die Angelika Kauffmann nach dem Tod ihres Vaters 1782 fortsetzte. „Die liebe gegen dem vatterland wirt in meinem hertzen nicht erlöschen, den meinigen zu helfen, wirts meins lebens freude und meine pflichte sei…“ schrieb sie an Metzler, einem Urururururahnen der Familie Fetz, die in 10. Generation den Hirschenwirt in Schwarzenberg betreibt.
In deren Besitz befinden sich heute 23 Original-Briefe, in denen Angelika Kauffmann mit gestochener Schrift ihre Wünsche und Anweisungen an ihren Vermögensverwalter geschickt hat. Darin zeigt sich, dass die berühmte Künstlerin zwar großherzig war, wenn sie sich aber ausgenutzt fühlte, drehte sie den Geldhahn zu. Das erfuhr vor allem ein Vetter namens Joseph Anton Kauffmann, der sich als angehender Maler bei ihr in Rom einquartierte. Dass er mit wenig Talent ausgestattet war, hätte sie ihm vielleicht verziehen, dass er aber nur auf der faulen Haut lag, machte sie zornig. Sie warf ihn aus dem Haus und zeigte auch keine Gnade, als er später über Joseph Anton Metzler bei der Cousine wieder um Geld bettelte.

Es waren einige Wochen die die 16-Jährige mit ihrem Vater in Schwarzenberg verbrachte. Sie half ihm bei den Kreuzwegstationen in der Kirche und durfte die Apostelmedaillons an den Seitenwänden in Freskotechnik malen. Allerdings streng nach den Stichen des Venezianers Giovanni Battista Piazetta die der Vater im Gepäck hatte. Da beim Fresko zunächst die Zeichnung auf Papier angefertigt und dann aufwändig auf der Wand aufgetragen wird, sind die Apostelköpfe von Angelika Kauffmann spiegelverkehrt zu den Originalen.
Wie eigenständig und selbstbewusst sie schon damals war, zeigt sich beim Apostel Matthäus. Anstatt in der Bibel blättert er in einem Buch, in dem sich die junge Künstlerin mit „Maria, Anna, Catherina, Angelica Kauffmann fecit 1757“ verewigte. Es sind Angelika Kauffmanns einzige Fresken und es ist Zufall und etwas Glück, dass sie bis heute erhalten sind. Als hundert Jahre später der Nazarener-Stil modern wurde, fand man plötzlich die Gesichter als zu alt und ließ sie hellblau übermalen. Dann gab es den Plan die alte Kirche zu schleifen und eine neue, größere zu errichten, der jedoch vom I. Weltkrieg durchkreuzt wurde. 1929 schließlich ließ der Münchner Maler Waldemar Kolmsperger bei einer Renovierung das Blau abtragen und entdeckte die Kauffmann-Fresken.
Zwei Jahre nach ihrem Aufenthalt in Schwarzenberg malte sich Angelika Kauffmann das erste Mal in der Bregenzerwald-Tracht. Wenig später legte sie mit dem Porträt des Kunstgelehrten Johann Joachim Winckelmann den Grundstein für ihre Karriere. Sie wurde Ehrenmitglied in der Accademia San Luca in Rom, und baute mit Porträts von Berühmtheiten ihren Ruf aus. Ab 1766 lebte sie gemeinsam mit dem Vater fünfzehn Jahre lang in London, malte die Königsfamilie und sorgte mit Szenen aus Vergil und Homer für die Wiederbelebung der Antike in der Malerei. Es waren aber die kleinformatigen Bilder von liebenden oder verlassenen Frauen, denen sie mit viel Gespür Leidenschaft und Seele einhauchte und die die Menschen bis heute in Bann ziehen. Als man sie in der Royal Academy of Art als Gründungsmitglied aufnahm blieb sie dort mit Mary Moser die nächsten 200 Jahre die einzige Frau.
Über ihr Privatleben und ihre Liebesgeschichten wird viel spekuliert. Tatsache ist, dass sie in London auf einen Schwindler hereinfiel, den sie heimlich heiratete und von dem sie gleich wieder geschieden wurde. 1781 schloss sie schließlich einen Ehevertrag mit einem älteren Freund ihres Vaters, den venezolanischen Maler Antonio Zucchi. Nur fünf Tage nach der Hochzeit übersiedelte das Ehepaar gemeinsam mit dem Vater nach Italien und machte auf der Reise einen Umweg nach Schwarzenberg. Ein Monat lang erholte sich die Künstlerin bei ihren Verwandten, trank Milch aus erdigem Tongeschirr anstatt Tee aus feinem Porzellan. Kurz danach porträtierte sich die nunmehr 40-Jährige das zweite Mal in der Wäldler Tracht (Tiroler Landesmuseum, Innsbruck). Auch diesmal mit einem Detail, das ihren emanzipierten Charakter signalisiert: Anstatt züchtig aufgesteckt, läßt sie ihre Zöpfe lose über die Schulter baumeln.
Ein drittes Mal sollte sie es aber nicht mehr nach Schwarzenberg schaffen. In den folgenden Jahren wurde ihr Atelier neben der Spanischen Treppe in Rom zum Salon der geistigen Elite Europas. Sie korrespondierte mit Friedrich Klopstock und Gottfried Herder, für den sie die „vielleicht kultivierteste Frau Europas“ war. Sie wurde in ihrem Atelier von Kaiser Joseph II. besucht, und von Goethe, der ihr „ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent“ bescheinigte und den sie bei seiner Farbenlehre unterstützte.
Rund um ihren 60. Geburtstag wurde die Sehnsucht nach Schwarzenberg wieder groß. Sie ließ sich die Maße des Hochaltars der Kirche schicken und malte die Krönung Marias. Trotz Abraten der Ärzte machte sie sich mit dem Bild auf den beschwerlichen, weiten Weg in den Bregenzerwald. Ihrer Gebrechlichkeit musste sie sich allerdings in Como beugen, darum brachte Vetter Hans das Kunstwerk allein an seinen Bestimmungsort.
Als Angelika Kauffmann 1807 in Rom starb hatte sie einiges an Vermögen angesammelt, mit dem die Vorarlberger Verwandten großzügig bedacht wurden. Der Erlös ihrer Kunstsammlung in der sich u.a. ein Gemälde von Leonardo da Vinci befand, ging in einer Stiftung auf, die weiterhin bedürftige Menschen im Bregenzerwald unterstützte. Obwohl in Chur geboren und weitgereist, betrachtete sie zeitlebens diesen Flecken als ihre Heimat, ihr „Vaterland“ wie sie gerne betonte. Deshalb hat sie auch ihr Testament mit „Maria Angelica Kaufmann von Schwarzenberg im Bregenzerwald“ unterzeichnet.

Kästchen:
Apostelfresken und Hochaltarbild von Angelika Kauffmann in der Pfarre zur Heiligsten Dreifaltigkeit, 6867 Schwarzenberg

Rund 50 Werke aus allen Schaffensperioden, inklusive Briefen und einem Selbstbildnis aus 1802 im
Angelika Kauffmann Museum, Brand 34, 6867 Schwarzenberg, angelika-kauffmann.com

Gasthof Hirschen, Hof 14, 6867 Schwarzenberg, Tel.: +43/5512/29 44, hotel-hirschen-bregenzerwald.at