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PORTRÄTS
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S-Magazin 1/25
Lilli Hollein
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LILLI HOLLEINS GESCHMACKSERINNERUNGEN
Von der Schönheit der einfachen Dinge und einer Kindheit, in der man sich kulinarisch ausprobieren durfte.
Foto © Christoph Wagner
„Endlich einmal ein Mittagessen! Wie wunderbar!“ Energiegeladen tritt Lilli Hollein, die Generaldirektorin des MAK – Museum für Angewandte Kunst in Wien, durch die Tür des Steirerecks und verbreitet sofort fröhliche Stimmung. Nicht laut, das ist nicht ihre Art. Es ist eher eine stille Freude auf das, was denn da jetzt kommen möge. Immerhin ist es nicht nur die Besonderheit eines Mittagessens, zu dem sie bei ihrem Job so gut wie nie Zeit hat. Sie ist auch mitten drin in einer Fastenzeit, die sie sich immer Anfang des Jahres 48 Tage lang gönnt. „Ich finde es spannend, was in dieser Zeit mit deinem Körper passiert“, sagt sie. „Kein Alkohol, nur vegetarisch.“ Ersteres fällt einem bei einem Weinkeller wie dem im Steirereck nicht so leicht, ist also eine Herausforderung an die Willenskraft. Zweiteres artet bei der leichten, gemüseorientierten Küche von Heinz Reitbauer zum großen Vergnügen aus. „Ich bin aber nicht immer total streng zu mir“, sagt Lilli Hollein und lacht verschmitzt. Deshalb nehmen wir zum Hauptgang eine Gebirgsforelle flankiert von Kerbelwurzel und Dille, davor gibt es Artischocken. „Das ist mein absolutes Lieblingsgemüse. Immer schon“, sagt Lilli Hollein. Fenchel hingegen habe sie früher völlig abgelehnt und das feine Aroma erst später im Leben für sich entdecken müssen.
Jetzt kommt aber erst einmal der Brotwagen, dessen Anblick Begeisterung auslöst. Allein die archaische Form der Laibe lässt Lilli Hollein in eines ihrer Lieblingsthemen kippen: Design im täglichen Leben. Schließlich war ihr familiäres Umfeld immer schon geprägt von der theoretischen künstlerischen Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Ihre Mutter Helene war Modezeichnerin, ihr Vater Hans einer von Österreichs berühmtesten Designern und Architekten. „Die Schulfreundinnen und -freunde von meinem Bruder Max und mir dachten immer, wir hätten eine voll durchgestylte Wohnung. Mit Springbrunnen im Wohnzimmer und so. Dabei war es eine sehr funktionale Familienwohnung, nicht auf Repräsentieren zugeschnitten.“ Seine Energie und gestalterische Kraft konzentrierte Hans Hollein hauptsächlich auf Wettbewerbe und in sein Architekturbüro, in das er auch noch nach dem täglichen gemeinsamen Abendessen entschwand. Worauf er aber großen Wert legte: seine Kinder sollten kulinarisch alles ausprobieren, um ihre Geschmackswelt zu erweitern. „Schnecken mit Kräuterbutter“, sagt Lilli Hollein, „das habe ich schon als Kind geliebt.“ Wann immer Hans Hollein von seinen Arbeits-Reisen zurückkam, gab es ein großes Hallo, wenn er die mitgebrachten Schnecken aus dem Duty Free auspackte. Selbst Innereien, allen voran Zunge, worum andere Kinder einen großen Bogen machten, waren für Lilli Hollein eine Selbstverständlichkeit. Nie ein Thema in der Familie war allerdings Backen. Das kostete ihr später im Leben, beim ersten Kindergarten-Geburtstag ihrer Tochter, ganz schön Nerven. Die Übung gelang ihr nur mit viel Improvisation, der gewünschte Schokokuchen hat dann gottseidank Anklang gefunden.
Ihre Mutter sei eine gute Köchin gewesen, sagt Lilli Hollein, und habe dabei gesunde Ernährung recht ernst genommen. Ewig in Erinnerung die Radieschenbrote an denen die Hollein-Kinder in der Schulpause kiefelten, während die anderen Extrawurstsemmeln verschlangen. Ebenfalls unvergessen: der große Topf Hühnersuppe der nahezu ständig bei ihrer Großmutter am Herd vor sich hinköchelte und Lilli Holleins Liebe zu Suppen aller Art begründete. Mittlerweile steht bei ihr oft schon beim Frühstück eine asiatische oder eine Gemüsesuppe auf dem Tisch.
Das tägliche Abendessen ist bis heute ein wesentlicher Faktor im familiären Zusammenleben für die MAK-Direktorin. Sowohl ihr Partner als auch ihre Tochter kochen genauso gerne wie sie, wobei sie vor allem die Achtsamkeit und Genauigkeit im Anrichten ihrer 17-Jährigen bewundert. „Hätte ich in diesem Alter nicht gekonnt“, sagt sie und dass sie sich jetzt erstmals ein Teller-Set der Modedesignerin Ann Demeulemeester gegönnt hat. Mit unterschiedlichen Designs in Schwarz und Rot, fast ein bisschen japanisch anmutend. Die japanische Küche zählt mit ihrer Art der Präsentation und ihrem klaren, puren Geschmack auch zu ihren internationalen Favoriten. So wie die asiatische Küche überhaupt, allen voran die chinesische, die sie direkt vor Ort kennen lernen konnte, als sie im Land Ausstellungen kuratierte.
Funktionales Design hat die Wienerin einst an der Angewandten studiert. „Eine Materie, die von der Skibindung bis zur Dünnschnittgattersäge alles umfasst“, sagt Lilli Hollein. Auch Revers Engineering, bei dem ein Produkt zerlegt wird, um die Prozesse der Herstellung zu verstehen. „Genau das, hat mich auch immer am Kochen fasziniert. Bei der Mutter in den Kochtopf schauen und dann auf den Grund gehen: wie macht man das? Was ist da drinnen? Wann kommt was wo hinein?“
Einer ihrer einstigen Uni-Professoren war der italienischen Möbeldesigner Paolo Piva, der auf gutes Essen genauso viel Wert legte, wie auf gutes Design. Was seiner Klasse durchaus angenehm zugute kam. Da wurden dann schon einmal abends gemeinsam mit Koch-Legende Reinhard Gerer Kutteln für alle zubereitet. Und bei einer Exkursion nach Venedig ließ es sich der Italiener nicht nehmen auf dem Markt groß einzukaufen und eine Bouillabaisse auf den Tisch zu stellen.
Da Lilli Hollein während ihres Studiums bei der Tageszeitung Der Standard in der Innenstadt als Architektur-Redakteurin jobbte, war die Wiener City ihr Revier, vor allem die Lokale die Hermann Czech gestaltet hatte. „Diese waren aus ästhetisch-kulinarischen Gründen meine Anlaufstellen“, sagt sie und erinnert sich an fröhliche Abende im Salzamt und im MAK-Cafè, das es so heute nicht mehr gibt, da es 2005 erneuert wurde. Was es immer noch gibt, ist ihr altes Stammlokal, das Cafe Engländer, in das sie heute noch gerne auf einen schnellen Imbiss vom Museum aus rüberhuscht.
Im Steirereck sind wir mittlerweile bei den letzten Goodies angelangt, einem Wagen, auf dem hauchdünn geschnittene, getrocknete Scheiben von Zitrusfrüchten aller Art wie kunstvoller Schmuck nebeneinander aufgefädelt sind. Und da ist sie wieder diese Begeisterung für die Schönheiten des täglichen Lebens. „Natürliche Schönheit, wie immer nicht ganz unaufwendig“, sagt Lilli Hollein und beißt in eine Scheibe. Schönheit gut und schön, beim Essen ist sie schnell vergänglich.