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ERNTEDANK DER KINDER

In Gößl im Salzkammergut fiebern die Kinder jedes Jahr dem letzten Oktobersonntag entgegen. Beim Ruabnfeldln werden die Rollen getauscht, und sie dürfen einmal Erwachsene spielen.

© Foto Julia Rotter

Oiso wenn des net reicht, dann stimmt was net.“ Benedikt, 9, stemmt die Arme in die Hüften und betrachtet prüfend die Holzscheite auf dem Traktor. Fein säu­berlich hat er sie eine halbe Stunde lang mit seinen beiden Freunden Alina, 7, und Samuel, 8, aufgeschichtet. Für vier Stunden Feuer langt’s, sagt Samuel, nickt und blickt dabei sicherheitshalber hinüber zu seinem Vater, der von weiter weg das Treiben beobachtet. Kein Einwand, also sollte morgen alles klappen.

Es ist der letzte Samstag im Oktober, und in Gößl, dem kleinen Bauerndorf zwischen Grundlsee und Toplitzsee, treffen die Kinder seit einem Monat Vorbereitungen für den morgigen Sonntag. Dann werden sie am Nachmittag über offenem Feuer Schnapstee und Easchbonko – ein Ausseer Nationalgericht aus gebratenen Erdäpfeln – zubereiten und den Besuchern servieren. Die legen ihrerseits Münzen in die leer getrunkenen Häferln und auf die leer gegessenen Teller, als Belohnung, die sich am Ende des Tages die Kinder untereinander aufteilen werden.

WER LAUFEN KANN, WILL DABEI SEIN

Das Ruabfeldln hat seit Jahrhunderten bei uns Tradition, sagt Franz Steinegger, 37, der Papa von Alina und Samuel. Seit wann genau, lässt sich allerdings nicht mehr eruieren, sogar die alten Dorfrichterchroniken schweigen sich darüber aus.

Selbst über die Wurzeln des Brauches, der einzig und allein am Grundlsee zelebriert wird, gibt es unterschiedliche Varianten. Die einen erzählen, dass die Bauern einst nach der Ernte ihre Knechte und Mäg­ de mit Rüben, Erdäpfeln und einer Flasche selbst gebranntem Schnaps beschenkten, woraus dann das Kinderfest entstanden sein soll.

Andere wiederum vermuten den Ursprung in der Usance, dass früher Kinder und arme Leute die abgeernteten Felder nach liegen gebliebenen Rüben und Erdäpfeln absuchen und diese gleich vor Ort über offenem Feuer braten durften. Irgendwann drehten die Kinder das Spiel um und beschenkten ihrerseits die Erwachsenen. Es ist jedenfalls eine Gaudi, und von dem Moment an, wo du laufen kannst, willst du als Gößler Kind dabei sein, sagt Heidi Rastl, deren Familie seit dem 15. Jahrhun­ dert den Kössler­Hof bewirtschaftet. Sie selbst war genauso mit Begeisterung dabei wie ihre Töchter, die mittlerweile schon zu groß sind. Ab wann man zu alt ist, bestimmt das Leben oder, so wie Heidi sagt: Wennst selber Schnapstee trinken darfst, ist’s vorbei.

Für unsere drei Freunde ist die Vorstellung, einmal beim Ruabfeldln nicht mehr dabei zu sein, so abstrakt, als würde man den ganzen Sonntag absagen. Noch nie, und da sind sich Annalen und Einwohner einmal einig, fiel das Ruabfeldln ins Wasser. Kein Sturm, Regen oder gar Schnee konnte das Fest verhindern, immer war der Wettergott so gnädig, dass alle durchhalten konnten.

Vielleicht auch, so könnte man in spirituellen Momenten vermuten, weil sich die Gößler ihr Gotteshaus ganz trotzig selbst gebaut haben. Die paar Mandln am Ende der Welt brauchen keine Kirche, sagten einst die Geistlichen in den fernen Abteien, also legten die Gößler zusammen. Seit 1860 steht die Kirche da, mit dem prächtigsten Panoramablick auf den Grundlsee, und Erzherzog Johann persönlich hat seinerzeit den ersten Nagel beim Dachdecken eingeschlagen.

FEUERMACHEN IST BUBENSACHE

Auch wenn es brauchtumsmäßig sonst nicht so viele Regeln gibt, der Ruabfeldsonntag beginnt fix mit einer Erntedankmesse in der Gößler Kirche. Da werden Erdäpfel, Rüben und Äpfel in den Körberln der Kinder geweiht. Wer will, kann sofort zugreifen und die eine oder andere Münze spenden, der Rest geht später mit zur Stoafeldwand.

Dort hat der Gößler Nachwuchs seit Wochen kleine Öfen aus Steinen und Ziegeln aufgebaut und immer wieder angeheizt, damit sie beim Ruabfeldln dann gut funktio­ nieren. Manche Konstruktion ist etwas abenteuerlich, sagt Franz Steinegger, und sein Lächeln verrät, dass seine Öfen einst von eher schräger Bauweise gewesen sein müssen. Die Erwachsenen schreiten aber nur ein, sollte es wirklich gefährlich werden.

Wer mit wem zusammen einen Herd betreibt, machen sich die Kinder selbst aus. Dass das unzertrennliche Trio Alina, Samuel und Benedikt gemeinsam ruabfeldlt, hat in Gößl niemanden überrascht. Die drei werden auch auf den kleinen Laurens, 7, schauen, der sich nebenan alleine um seinen Ofen kümmert.


13 Uhr ist es jetzt, und unter der Stoafeldwand wuselt die gesamte Gößler Kinderschar herum. Voller Vorfreude, aber in einiger Entfernung beäugt von den Familien. Zur Sicherheit. Es ist jedoch, auch das verraten die Aufzeichnungen, noch nie etwas passiert beim Ruabfeldln. Die Größeren mit Erfahrung zeigen den kleinen Erstlingen, was zu tun ist, das Feuermachen ist so wie eh und je Bubensache. Bei uns war es noch ein bissl strenger, sagt Franz Steinegger, und dass zu seiner Zeit die Kinder das Holz noch selber aus den Wäldern holen mussten. Heute dürfen sie sich bei den Scheitln auf den elterlichen Höfen bedienen.

Mittlerweile sind die Tische aufgebaut, Häferln und Wasser stehen bereit, und dass es zu nieseln begonnen hat, hat noch gar keiner bemerkt. Später, wenn ab 15 Uhr die Besucher von rundum aus dem Ausseerland eintrudeln, ist die Witterung sowieso jedem egal. Mit roten Wangen wird dann eifrig der Schnapstee gebraut. Immer mit Tee, immer mit Schnaps, nur das Verhältnis kann zuweilen sehr zugunsten von Letzterem kippen.

ERINNERUNGEN BEIM TEEBEUTELSCHUPFEN

Es ist friedlich hier unter der Felswand und ruhig, ohne lautes Gekreische, nur das Klappern der Häferln untermalt das Gemurmel der Besucher. Auch die haben trotz der Kälte mittlerweile rote Wangen, und so manch einer sitzt mit leicht sentimentalem Blick da. Glucksend werden Erinnerungen ausgetauscht, wie man gemeinsam die Öfen am Abend bewachte, Stecken schnitzte und vor allem wer der Beste beim Teebeutel­ schupfen war. Dabei muss der gebrauchte Teebeutel mit voller Kraft hoch auf die Fels­ wand geschleudert werden. Nur wenn er dort eine Weile kleben bleibt, gibt’s Aner­ kennung von den Ruabfeldlern. Samuel und Benedikt sind heute gut dabei, doch irgendwann wird aufs Zählen vergessen. Schön langsam fällt die Dämmerung herein, und das Feuer in den Öfen erlischt.

Hat gereicht das Holz, sagen Alina, Samuel und Benedikt voller Stolz, während sie ihre Sachen wieder auf den Traktor laden. Zufrieden zuckeln sie über die Wiese Richtung Bett. Zurück bei der Stoafeldwand bleiben die, die schon Schnapstee trinken dürfen. Die feiern noch ein bisschen. Aber das gehört zum Ruabfeldln offiziell nicht mehr dazu.

Ruabnfeldln

Servus Magazin Oktober 2017