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Weyerhof

Servus Magazin Oktober 2019
WAS DIE ALTEN MAUERN ERZÄHLEN

Knapp 900 Jahre hat der ehrwürdige Weyerhof im Pinzgauer Bramberg bereits auf dem Buckel. Manches ist im Lauf der Zeit verloren gegangen, manches hat sich gewandelt. Geblieben aber sind die Geschichten und eine Familie, die sie in Ehren hält. 

Fotos: Christof Wagner 

Es liegt etwas Zauberhaftes über dem Anwesen. Etwas das die Phantasie beflügelt, das neugierig macht auf Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, deren Geheimnisse tief drunten in den Kellergewölben oder gar in den Höhlen der Felswand hinterm Haus schlummern könnten. Vermutlich liegt es an dem Turm, dem letzten Zeugen einer Ära, in der der Pinzgau von Burganlagen durchzogen war. Beinahe 1.000 Jahre steht er jetzt da, ramponiert zwar, aber mächtig und stolz blickt er übers breite Tal. Da wo einst auf sieben Stockwerken Menschen lebten, hat sich die Natur ein Terrain erobert, finden heute Vögel, Büsche und Bäume eine Unterkunft. 

Wir haben vor Jahrzehnten versucht ihn zu renovieren, sagt Franz Meilinger sen. Und weil ihm seine Oma einst vorm Einschlafen immer wieder von einem mysteriösen Fohlen und einem unterirdischen Gang zwischen Weyerhof und Weyerturm ins Ohr geflüstert hat, wollte er natürlich diesem Geheimnis auf die Spur kommen. Nichts, sagt der Altbauer und man merkt ihm an, wie gerne er etwas gefunden hätte. Auch die Sanierung hat nichts geholfen, deshalb bleibt die denkmalgeschützte Ruine gesperrt und muss aus eigenen Kräften ihrem Verfall trotzen.

Anders als der Weyerhof zu ihren Füßen, dem es immer wieder aufs Neue gelang den Charme der Vergangenheit in die Gegenwart zu retten. Zuletzt vor fünf Jahren als die beiden jüngeren der vier Meilinger-Kinder, Elisabeth jun. und Franz jun. daran gingen, die Herberge in ein Hotel-Juwel zu verwandeln.

Seit über 200 Jahren ist der Erbhof in Familienbesitz, an dessen Stelle bereits 1162 eine Taverne erwähnt wird. Es waren die Bischöfe vom Chiemsee die sich wenig später darin von ihren Pächtern komfortable Zimmer einrichten ließen. Hier ruhten sie, wenn sie zur Jagd in die Gegend kamen, in weichen Betten unter prachtvoll verzierter Holzvertäfelung und in der Wärme von buntglasierten Kachelöfen. Diese beiden sogenannten Fürstenzimmer waren im ganzen Pinzgau berühmt und blieben auch erhalten, als das Gehöft im 17. Jahrhundert in Privatbesitz überging. Niemand geringerer als die Rottmayrin, die Bauernkönigin vom Oberpinzgau, leitete zwischenzeitlich die Geschicke des Weyerhofs.

Das Gemälde von ihr konnte damals gerettet werden, sagt Elisabeth jun. mit der wir jetzt im breiten Gang im 1. Stock vor dem Porträt stehen. Bis ins kleinste Detail wirkt hier alles so als wäre es schon ewig da und wurde nur frisch hergerichtet und für die Zukunft poliert. Damals, damit meint die 39-Jährige aber den verheerenden Brand im Jahr 1940, bei dem vom Dach bis zum 1. Stock alles vernichtet wurde. Auch die Fürstenzimmer, die jetzt nur mehr anhand von Fotos ihre Geschichte erzählen. War vielleicht besser so, sagt Franz sen., denn die Familienchronik erzählt, dass Adolf Hitler bereits Wind von ihnen bekommen hatte und sie in seinen Berghof in Berchtesgaden überführen wollte.

Auch bei der Rettung der österreichischen Kunstschätze im Mai 1945 spielte der Weyerhof eine kleine Rolle. Wer in den letzten Tagen des Krieges was vor wem retten wollte, ist nicht ganz klar. Tatsache ist, dass sich plötzlich in der Stube mit den Putzenscheiben Breughels, Tizians, Rembrandts und Co stapelten und von den begleitenden Nazis ernsthaft überlegt wurde diese zu verbrennen. Nach zwei Tagen verließen die Gemälde den Weyerhof unversehrt Richtung Westen und wurden wenig später von den Briten auf einem Tiroler Bauernhof sichergestellt.

Ich bin dann einmal im Kunsthistorischen Museum in Wien vor der Bauernhochzeit und Altendorfers Heilige Nacht-Bild gestanden, da habe ich richtig Gänsehaut bekommen vor Ehrfurcht, sagt Elisabeth jun. Was im Weyerhof selbst beim Brand alles verloren ging, ist kaum zu eruieren. Nach dem Wiederaufbau haben aber zumindest zwei österreichische Künstler ihre Spuren hinterlassen. Die Sonnenuhr die noch heute die Fassade ziert stammt von Wilhelm Kaufmann (1895–1975). Und Josef Stoitzner (1884–1951), der mit einer Brambergerin verheiratet war, bezahlte so manche Mahlzeit mit einem Kunstwerk.

Als jetzt das Haus innen ausgehöhlt wurde, hat man Schicht für Schicht die Vergangenheit freigelegt. Sogar 900 Jahre alte Mauern. Was ging haben wir aufbereitet, hergerichtet und wieder eingebaut, sagt Elisabeth jun., die eigentlich Multimedia Kunst und Sound Design, also Klanggestaltung, studiert und in Berlin gelebt hat. Vor fünf Jahren ist sie mit ihrem amerikanischen Ehemann heimgekehrt und war in Absprache mit ihrem Bruder Franz jun. federführend beim Umbau.

Wenn schon, dann ordentlich haben sich die beiden Geschwister gesagt, damit der Weyerhof auch die nächsten 200 Jahre tiptop dasteht. Wo immer man in den drei Stockwerken mit den vierzehn Zimmern hinschaut hier atmet zwar alles Historie aber mit der Frische des 3. Jahrtausends. Aus schwerem Bauernleinen hat man Vorhänge genäht, alte Wäsche mit handbestickten Monogrammen dient als Polsterüberzug, Kachelöfen wurden neu zusammengesetzt und so manch ausgedientes Heublumen- oder Mehlsieb bekam ein zweites Leben als Lampenschirm.

Wir hatten keinen Innenarchitekten, sagt Elisabeth jun. stolz und dass man bei Holz-, Schmiede-, Mauer- und überhaupt bei allen Arbeiten mit Handwerkern aus der Gegend gearbeitet hat. Selbst bei Fliesen wurde kein Kompromiss eingegangen und dort, wo man offensichtlich der Bequemlichkeit der neuen Zeit Tribut zollen musste, wurden harmonische Blickwinkel erzeugt.

Ich wollte nie Wirtin werden, sagt Elisabeth jun. und muss dabei herzlich über sich selbst lachen, weil sie jetzt auch den Service im Weyerhof schupft. Wir hatten eine Bilderbuch-Kindheit mit Schweindln, Katzen, Kühen und in der freien Natur, sagt sie noch, aber dass sie, ihre beiden Brüder und ihre Schwester von klein auf die Mutter im Wirtshaus unterstützen mussten.

Die Mutter, das ist Elisabeth Meilinger sen. aus dem nahen Hollersbach. Als die Bergbauerntochter in den 1970er Jahren hierher heiratete, gab es am Gehöft lediglich eine Jausenstation mit Privatzimmern. Während sich ihr Mann um die Landwirtschaft, die Wälder, das Sägewerk und die hauseigenen Kraftwerke kümmerte, wurde unter ihrer Obhut der Weyerhof zu einem der angesehensten Wirtshäuser der Region. Sie machte die Konzessionsprüfung, lernte von der Schwiegermutter Brot backen, Speck räuchern und servierte traditionelle Pinzgauer Küche. Dazu wurden die Zimmer für Jugendgästegruppen umgestaltet, weil das damals gerade angesagt war.

Ohne die Hilfe der fleißigen Frauen aus der Gegend hätte ich das nicht geschafft, sagt die 66-Jährige und man spürt, dass sie in ihrem Leben gelernt hat, hart anzupacken. Drei von den treuen Wegbegleiterinnen helfen übrigens heute noch mit, obwohl sich Elisabeth sen. bereits zurückgezogen hat und sich nur mehr um den Garten und mit der Tochter um den Service kümmert. Laut eigener Aussage. Wir dürfen aber annehmen, dass sie die Leidenschaft einer Wirtin noch lange durch die Stuben treiben wird. Dezent im Hintergrund halt. Ich habe ein Herz für das Haus, sagt Elisabeth sen. und dass sie deshalb vor über zehn Jahren Franz jun. zurückgerufen hat. Damals als das Wirtshaus drohte sprichwörtlich den Bach hinunter zu gehen, weil kein Küchen-Personal zu bekommen war.

Franz Meilinger jun. wusste schon als kleiner Bub, dass er Koch werden wollte. Das ewige Mithelfen war zwar lästig, wenn die Freunde baden gingen, trotzdem zog es ihn in die Küche. Der Franz konnte schon mit Sieben Schnittlauch schneiden wie ein Einser, sagt die Mutter mit freudigem Glanz in den Augen. Nach der Ausbildung in Bad Hofgastein, wo man nebenbei das Freestyle-Skiing hervorragend perfektionieren konnte, landete er u.a. im Wiener Steirereck. Neben dem Handwerk und den Techniken habe ich dort vor allem die Liebe zum guten Produkt und den Stolz, ein Koch zu sein, mitbekommen, sagt Franz jun. Mit dieser Basis zog er in die Küchen der weiten Welt, der Hilfruf der Mutter ereilte ihn 2008 in Singapur. Wie das dann so ist in gescheiten Bauernfamilien wurde zunächst alles ordentlich besprochen und aufgeteilt. Seither ist der 37-Jährige der Chef vom Weyerhof und hat auch die Küchenlinie ein wenig umgestellt. Gröstl, Schweinsröllchen-Spieße und Kasspatzen stehe nicht mehr auf der Karte, aber das Schöpserne zum Beispiel macht er nach wie vor nach dem Rezept von Elisabeth sen. Seit Jugendfreund Andreas Stotter aus Bramberg, der viele Jahre Sous Chef im Steirereck war, heimgekehrt ist und mit ihm in der Küche steht, wird zusätzlich die moderne, die leichte regionale Küche zelebriert, sagt Franz jun. Jetzt muss er aber schnell an den Herd, die Glocke auf dem Hausturm hat Zwölf geschlagen.

Das Türmchen auf dem Dachgiebel haben die Meilingers vor kurzem renoviert, die Glocke wieder aktiviert und dabei den verrosteten Wetterhahn heruntergeholt. Dieser sitzt auf einer Kugel, in der laut Brauch für spätere Generationen etwas versteckt sein sollte, das von den gerade aktuellen Zeiten erzählt. Die Kugel war leider leer. Die jungen Meilingers haben sie jetzt aber mit Geschichten für ihre Nachfahren gefüllt.