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RAU, ABER HERZLICH

Es ist kein leichtes Leben rund um die schroffe Bergwelt im steirischen Gesäuse. Aber die, die da bleiben, lieben das was sie tun. Dafür werden sie mit einer Freiheit belohnt, wie man sie nur in beinahe unberührter Natur finden kann.

© Foto Philipp Horak

„Trrrr-trrrrr, klklkl, klklkl, krchkrch…“ – Pause. Christian Mayer lehnt gebückt und mit seinem grünen Wetterfleck gut getarnt hinter einem Baumstamm und klackert, schnalzt und krächzt in die Stille der Bergwelt. Wir stehen wie angewurzelt hinter ihm, halten die Luft an und starren angestrengt in die Gegend. Bis zum Abwinken. Wenn der Jägermeister mit dem Arm überm Kopf wachelt, schleichen wir geduckt weiter, bis er sich wieder auf den Waldboden wirft und trrrt und klklklt und krcht. Es ist Auerhahn- und Birkhahnbalz im Gesäuse und die Chancen stehen gut, dass auch wir bei unserer Wanderung auf die Ennstalerhütte ein kleines Naturschauspiel geboten bekommen.

Einen riesigen Pfotenabdruck haben wir ja schon hinter uns. War’s eine Wildkatze? Oder gar ein Luchs? Beim Anblick der Fährte leuchteten nicht nur die Augen von Christian Mayer sondern auch von Andreas Hollinger vom Nationalpark Gesäuse. Der leidenschaftliche Fotograf und der Jäger kamen dabei so ins Erzählen über Wildtiersichtungen, dass wir schließlich beim Bären landeten. Und sie schworen, dass sie uns diesen nicht aufgebunden haben.

Aber jetzt bitte wieder psst, der Birkhhahn. Und tatsächlich erscheint hoch droben im Gehölz ein rotes Pünktchen, also die stolz geschwellte Brust eines Birkhahnes, der auf Christian Mayers Balzlaute hereingefallen ist. Mehr als das werden wir nicht sehen, bis der Vogel nach ein paar Minuten die Schummelei entlarvt und sich enttäuscht zurückzieht. Trotzdem bleibt das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben.

Nur zwölf Birkhahne und drei Auerhahne gibt es im ganzen Gstatterbodenkessel mit seinen 5.000 Hektar, sagt Christian Mayer, der hier jedes Tier und Pflänzchen kennt. Zwanzig Jahre lang war er traditioneller Berufsjäger bei den steiermärkischen Landesforsten, bis er vor 14 Jahren die Seiten wechselte und seither Wildmanager im Nationalpark ist, nichts mehr erlegt, sondern hegt und beobachtet. Ich komm’ ja ursprünglich aus St. Gallen, sagt Christian Mayer und das klingt, als ob es weit weg im Ausland und nicht so, wie tatsächlich, gleich hinterm Berg, dem Großen (2.224 m) und dem Kleinen Buchstein (1.990 m), liegen würde. Seit über 30 Jahren lebt er mit seiner Frau Maria, die aus dem nahen Wang stammt, am Gstatterboden, wo die beiden in Abgeschiedenheit und ohne viel Infrastruktur ihre Kinder groß zogen.

Schön war’s, und frei waren wir, sagt Tochter Christina, die schon als Kind mit dem Papa auf der Pirsch war und ursprünglich auch Jägerin werden wollte. Dann kam mir die Saisonarbeit und das Motorradfahren dazwischen, sagt sie mit einem herzhaften Lacher und stellt uns auf der Ennstalerhütte (1.543 m) Spiegeleier mit Speck und Brot auf den Tisch. Seit sechs Jahren schupft die 28-Jährige mit ihrem Mann Philipp die älteste Hütte aus dem Jahr 1885 im Gesäuse, oder Gseis, wie die Steirer sagen. Mit tatkräftiger Unterstützung beider Familien, die vor allem an den Wochenenden für Wasser und Essensnachschub aus dem Tal sorgen. Im Kalksteingebiet gibt es über 1.000 Meter keine Quellen mehr, also muss man mit Regenwasser und UV-Filtersystemen zum Kochen und Waschen arbeiten, Trinkwasser kommt mit der Materialseilbahn herauf.

Wer unten am Ufer der Enns steht, die wild und tosend eine enge Schlucht zwischen Buchstein- und Hochtorgruppe geschlagen hat, kann sich angesichts der steilen Felswände überhaupt nicht vorstellen, wie man einst dort droben eine Hütte hingebaut hat. Als wären sie die zackige Klinge eines Brotmessers stechen die Kalksteintürme in den Himmel, schier unbezwingbar für den Menschen, lediglich umkreist von Steinadlern und Wanderfalken.

Dabei ziehen die schroffen Wänden seit dem Bau der Kronprinz-Rudolf-Bahn 1872 waghalsige Bergsteiger an. Plötzlich von Wien aus in ein paar Stunden erreichbar traf sich alsbald die alpine Elite des Landes hier um Erstbesteigungen und –durchquerungen in Angriff zu nehmen. Als Pionier gilt der Wiener Fabrikant Heinrich Heß, dem 1877 auch als erstes der Durchstieg des Peternpfades zwischen Peternscharte und Rosskuppe gelang. Eine legendäre Route, auf der der „Schwarze Peter“, ein Wilderer, seinen Verfolgern immer wieder auf rätselhafte Weise entwischt sein soll. Heinrich Heß wurde damals vom Ennstaler Andreas Rodlauer begleitet, der sich erst auf seinem Sterbebett als „Schwarzer Peter“ zu erkennen gab. 

Als Stützpunkt wählte Heinrich Heß das kleine Bergdorf Johnsbach, das heute eines von insgesamt 20 Bergsteigerdörfern des Landes ist, die sich dem sanften Tourismus verschrieben haben. Hier gehört der Kaufladen nicht einer Supermarktkette, auch das Handy hat kaum Empfang und der Kölblwirt, der wurde bereits vor 235 Jahren erstmals urkundlich erwähnt. Während allerdings die frühen Alpin-Touristen noch vermerkten, dass man sich nach Johnsbach sein Fleisch besser selber mitbringen soll, um nicht zu verhungern, wird beim Kölblwirt heute Bio-Fleisch aus der eigenen Landwirtschaft und hausgeschlachtet serviert. Und natürlich Wild. Bei uns wird nur bleifrei geschossen, sagt Wirt Ludwig Wolf, den hier alle Wig rufen, und freut sich über unsere perplexen Gesichter. Mit Kupferkugeln, erklärt er dann, weil der Nationalpark einen Versuch macht, ob das besser fürs Fleisch ist.

Ludwig Wolf ist auch Bürgermeister von Johnsbach und hat 30 Jahre lang am Gymnasium in Admont Geografie unterrichtet. Die beiden da, sagt er jetzt und zeigt auf zwei von sechs Musikanten, die im Schankraum zusammensitzen und als Brodjaga Musi unterwegs sind. Die beiden also, der Michi und der Thomas, haben bei ihm maturiert. Ob gut oder schlecht geht in den Klängen steirischer Volksmusik mit Hackbrett, Akkordeon, Gitarre, Flügelhorn und Trompete unter.

Wenn einer bei uns vorbei kommt, sagt Ludwig Wolf, hat er meistens ein Instrument dabei. Erstens, weil der Kölblwirt so etwas wie das musikalische Zentrum der Gegend ist, wo jedes Jahr im Juli die besten Volksmusikanten Österreichs zusammentreffen. Zweitens, weil hier im Gesäuse so gut wie jeder ein Instrument spielen kann. Bei uns darf auch jeder mitspielen, sagt Ludwig Wolf, selbst wenn er es nicht so gut kann. Deshalb kommt man gern hierher, aber sicher niemals zufällig. Wir sind das schönste Ende der Welt, sagt Ludwig Wolf durchaus zufrieden, um sich jetzt wieder seiner Diskussion mit Jodel-Experten Hermann Härtel zuzuwenden. Auf steirisch, für Nichteingeborene also nicht verständlich.

Sein Instrument, das Horn, beherrscht Günter Planitzer mit Sicherheit. Denn – und das wollen wir dem Konditormeister aus Admont jetzt einmal so unterstellen – alles wofür er sich interessiert, geht er mit einem Hang zur Perfektion an. 15 Jahre war er Leistungssportler und einziger Amateurläufer in Österreich auf 10.000 Meter. Mit 35, sagt der heute 51-Jährige, habe ich mein letztes Rennen gewonnen und am nächsten Tag zum Saxophon gegriffen. Heute spielt er in der Musikkapelle Admont-Hall das Horn, was er sich selbst beigebracht hat, weil es in der Gegend keinen einzigen Hornisten mehr gibt. Wenn es ihn rauf zieht auf die Berge, nimmt er sich den berüchtigten Hexenturm (2.172 m) in den Haller Mauern vor, weil dort kaum jemand unterwegs ist und man den schönsten Rundumblick übers Ennstal hat.

Um 6 Uhr früh zieht Günter Planitzer dann los, zu mittag steht er wieder in seiner Konditorei und rührt Teige für Kuchen, Torten, Kipferln und Krapfen. Wir schlagen sogar die Eier mit der Hand auf, sagt Günter Planitzer, der im Sommer auch sein hinreißend gutes Eis mit 40 Prozent Fruchtanteil persönlich auf die Heßhütte (1.699 m) zwischen Hochtor und Hochzinödl liefert. Das ganze Jahr über macht er die Lebkuchen für das Stift Admont, das immer schon der größte Arbeitgeber in der Gegend war. Selbst in Zeiten so wie jetzt, in denen die starke Abwanderung bereits im Ortsbild sichtbar ist.

Es waren der Wald und die Erze, die diese Gegend zu einem der ältesten Siedlungsgebiete der Steiermark machten. Später kam die Eisenbahn und brachte Gäste und Wohlstand. Stolze Bürgerhäuser versuchen heute wacker dem Niedergang zu trotzen und warten entlang der Schienen auf bessere Zeiten. So wie die Admonter selbst, die standhaft die Stille hier preisen und für die Jammern etwas ist, das man sich nicht leisten darf. Und will, denn Widerstand ist ja auch eine Kraft, die einem am Leben hält. Nur leise Wehmut ist ab und zu gestattet.

Inmitten dieses Bildes voll trotziger Anmut in verblichenen Farben prangt würdevoll Stift Admont. Keine Hungersnöte, katholischen Reformen, verheerenden Brände, nicht einmal die Vertreibung durch die Nazis konnten dem 1074 gegründeten Benediktinerkloster nachhaltig schaden. Früher hieß es, sagt Pater Maximillian, man kann von hier bis nach Graz gehen ohne ein Grundstück zu betreten, das nicht zum Stift gehört. Das ist heute nicht mehr ganz so, dennoch wird das Stift wie eine Art Konzern geführt. Mit Immobilien, Forstbetrieben, Weingütern, Holzverarbeitung, Energieversorgung, einer Bauabteilung, einer Gärtnerei, sogar mit einem kleinen Skigebiet und etwa 500 Mitarbeitern. Die Abtgemeinschaft trifft Entscheidungen wie ein Aufsichtsrat, sagt Pater Maximillian, der mit 20 Jahren aus dem Mühlviertel hierher kam. Man sucht sich als Mönch die Gemeinschaft aus, zu der man passt, sagt er. In Admont herrscht ein offenes, humorvolles Klima, das zunehmend junge Geistliche anzieht.

34 ist der Pater jetzt und als Stiftsarchivar und -bibliothekar für den sicher kostbarsten Teil der geistlichen Einrichtung zuständig. Die weltgrößte Klosterbibliothek ist sowohl architektonisch als auch inhaltlich ein Raum der Superlative, in dem jeder, ob gläubig oder nicht, ehrfürchtig in sich selbst versinkt. Allein schon weil einem die Luft von jahrhundertealtem geballten Wissen in eine andere transzendentale Ebene entführt. Das ist aber bitte kein Museum sondern ein Ort der Wissenschaft, holt uns Pater Maximillian wieder ins Hier und Heute zurück. In dem auch Mönche mit ganz profanen Widrigkeiten konfrontiert sind. Mit lästigen Käfern zum Beispiel, die sich 2014 in den frisch renovierten Büchern eingenistet haben, und die jetzt mühsam händisch Seite für Seite mit einem Pinselchen ausgekehrt werden müssen. 70.000 Bände. Mit Geduld und Optimismus wird man heuer damit fertig.

Auf der anderen Seite des Gesäuses, wo die Enns auf den Wildfluss Salza trifft, lebte man einst gut im Umfeld der Eisenstrasse. Längst haben die Schmiede ihre Essen gelöscht, lediglich Wolfgang Scheiblecher hält noch die Tradition hoch. Mit Akribie, so wie hier viele Menschen zu Werke gehen. Während er früher schwere Teile wie Hängebrücken oder Stauklappen für Kleinkraftwerke schmiedete, hat er sich jetzt auf Damaszenerstahl und kleineres wie Messer und Schwerter spezialisiert.

Ich arbeite gern mit altem Eisen, sagt Wolfgang Scheiblecher und streift sich zu unserer Verblüffung weiße Handschuhe über. Dann hebt er vorsichtig ein verwittertes, schwarzes Schwert aus dem 5. Jahrhundert aus dem Schrank. Es wurde in Kärnten gefunden und der Schmied wird es nun so originalgetreu wie möglich mit uralten Eisenteilen aus dem 16. Jahrhundert nachbauen. Noch älter, nämlich aus dem Jahr 750, war das Frühkarolingische Schwert, das man als Grabbeigabe in Hohenberg gefunden hatte und das er ebenfalls für ein Museum nachgebaut hat.

Eher gar nicht gibt er sich mit Sensen ab, denn das Denggeln ist eine eigene Kunst, die hier aber niemand mehr praktiziert. Das Mähen mit der Sense allerdings schon. Die einen, weil sie das wollen, so wie Franz Weißensteiner vulgo Jaglbauer, der so die Artenvielfalt von Insekten und Pflanzen auf seinen Wiesen erhalten möchte. Ich war schon Bio, da haben sie hier noch gar nicht gewußt, was das heißt, sagt der Bauer, der für seine Streuobstwiesen bekannt ist. Auf 650 Metern Höhe wachsen uralte Bäume mit noch urälteren Sorten, die weltweit einzigartig sind. Die Fraas Sommerkalvill und die Esophus Spitzenburg zum Beispiel, von denen nur mehr hier auf der Breitau jeweils zwei Apfelbäume stehen. Oder die Purpurrote Cousinot, ein Apfel aus dem 16. Jahrhundert, aus dem Franz Weißensteiner einen sortentreinen Schnaps brennt. 10 Liter im Jahr, wenn es ganz gut hergeht 50. Seit 1608 ist der Hof in Familienbesitz, demnächst wird Sohn Stefan das Erbe antreten und im Sinne der Eltern weiterführen.

 

Die anderen mähen mit der Sense, weil sie müssen, so wie Bergbäuerin Riki Zinnebner vom Stücklerhof. Die Hälfte ihrer Wiesen sind so steil, dass es gar nicht anders geht. Ich heue gerne, sagt die Bäuerin, die den Hof in der Gams, der seit 200 Jahren in Familienbesitz ist, im Alleingang führt. Da ihr Mann Engelbert als Jäger im Stift Admont beschäftigt ist, um die Familie zu erhalten, ist sie von Milchkühen auf die leichtere Rotwildzucht umgestiegen. Das Wild wird mit dem Heu gefüttert, das die Bäuerin gemeinsam mit ihrer Mutter, 79, und Tante Gitta, 84, mäht. Reine Frauensache, sagt Riki Zinnebner und dass nichts über den Duft von frischgemähten Heu geht. Kein Parfüm der Welt.

Dasselbe würde Uli Schober wohl von Holz behaupten. Alleine wie er den achtzig Jahre alten Fichtenstamm betrachtet, den er demnächst in einem Blockhaus verarbeiten wird, läßt erahnen, dass der Mann sehr viel von dem Naturmaterial versteht. Ich arbeite gerne mit Hölzern, die nicht der Norm entsprechen, sagt Uli Schober, astreine, glatte Bretter sind gar nichts für ihn. So wie einseitige monotone Arbeit und ein Leben in der Holzindustrie nichts für ihn waren, weshalb er sich vor knapp zehn Jahren selbstständig machte.

 

Ich bin in Johnsbach in völliger Freiheit aufgewachsen, erzählt der gelernte Tischler und Zimmerer, während im Werkstattofen das Holz knisternd eine wohlige Stimmung entfacht. Klar ist er auch viel herumgekommen, sagt er, bis nach Australien. Aber für immer wegbleiben war nie eine Option. Hier, sagt Ulrich Schober mit warmer Stimme und ganz ohne Pathos, bin ich daheim, da hab ich meine Wurzeln, meine Berge, da versteh’ ich die Leut’.

Die Leute hier sind so schroff, wie die Landschaft, sagt Andreas Hollinger, mit dem wir gerade wieder irgendwo im hohen Gras auf der Lauer liegen, diesmal um den idealen Fotoblick aufs Gesäuse zu erhaschen. Aber mit einer Rundung im Herzen, setzt er nach einem tiefen Atemzug nach. Wenn du da durchdringst, sind sie herzlicher als irgendwo anders auf der Welt. Und diesmal hat er uns ganz sicher keinen Bären aufgebunden.

Admont

Servus Magazin Mai 2016