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Brandenbergertal

Servus Magazin Juni 2018
IM TAL DER SCHMETTERLINGE

Tiefe Schluchten, sonnige Almen und ein Pflanzenreichtum, der bunte Falter tanzen läßt: das Brandenbergertal in Tirol ist so wildromantisch wie aus dem Bilderbuch. 

Fotos: Bernhard Huber

„Das Wasser und die Zeit, die bleiben nicht stehen.“ Obwohl Walther Marksteiner eine kräftige Stimme hat, wäre dieser Satz beinahe untergegangen. Untergegangen im tosenden Rauschen der Brandenberger Ache, die 14 Meter unter uns durch die Kaiserklamm fetzt, als müsste sie bis morgen noch einen halben Meter mehr aus dem Fels herauswaschen. Man weiß gar nicht wie viele Nullen man an eine Ziffer hängen soll, um den Zeitraum festzumachen, in dem sie sich hier seit Ewigkeiten ihren Weg durch den festen Stein gegraben hat. Brodelnd und gekrönt von einer weißen Gischt, die einen zarten Tröpfchennebel in die Luft schleudert, in den vereinzelte Sonnenstrahlen ein Regenbogenmuster pinseln.

Smaragdgrün funkelt ab und zu das Wasser in kleinen Becken, die sich als ruhige Nebenschauplätze gebildet haben, spiegelglatt und einladend mit sandigen Ufern. Formvollendete Bassins in denen vermutlich die Geister der Nacht abtauchen, bevor im Morgengrauen Elfen und Feen ein Bad darin nehmen, um sich beim ersten Sonnenschein zu verflüchtigen. So manch neugieriges Wesen wagt sich dabei vielleicht zu weit hinter einem schützenden Stein hervor, wird fortgerissen und reitet auf dem rauschenden Bach auf Nimmerwiedersehen davon.

Es ist eine Zauberwelt, die die Fantasie beflügelt, in die man hier eintauchen kann. Doch in der Wildromantik von heute herrschte bis vor 52 Jahren handfeste Arbeitsrealität, in der der Mensch der Natur ein bisschen was für seine Lebensgrundlage abtrotzte. Ab dem Jahr 1400 machte man sich in den Brandenberger Alpen nördlich des Inntales im Tiroler Unterland die Kraft des Wasser zunutze, um wertvolles Holz aus den hintersten Wäldern bis nach Kramsach zu transportieren. Die Brandenberger Holztrift jedes Frühjahr war eine der größten in ganz Europa und ein gefährliches Spektakel, das sich weder Kaiser Franz Joseph noch Erzherzog Johann entgehen ließen. Natürlich nur als Zuschauer und verbunden mit einem kleinen Jagdausflug, schließlich besaß das Kaiserhaus hier südlich der bayerischen Grenze ein stattliches Revier.

Schon mein Vater war Holzfäller und ab 14 bin ich mit ihm mitgegangen, sagt Walther Marksteiner während wir auf einem schmalen Steig die Klamm Richtung Erzherzog-Johann-Klause entlang wandern. Der Triftsteig wurde 1899 in den Fels geschlagen, von hier aus seilten sich die Holzfäller ab, wenn sich die Baumstämme bei ihrem wilden Galopp über die Ache verkeilten. Fuchs nannte man das, sagt Walther, und der war gefährlich. So mancher Holzarbeiter wurde von losgelösten Stämmen erfasst, wer sich schwer verletzte, konnte, wenn überhaupt, nur unter widrigsten Umständen geborgen werden.

Ich war Holzfäller mit Leib und Seele, sagt Walther und schaut dabei ganz stolz drein. Achtzig ist er heute und wenn er so ins Erzählen kommt, verwandeln sich seine Gesichtszüge in die des jungen Kraftlackels von einst. Nichts hat mir mehr Spaß gemacht, sagt er, als die geschlägerten Bäume aus dem unwegsamen Gelände mit dem Schlitten zur Klause zu bringen. 3,5 Festmeter allein auf kurvenreicher Strecke durch den Schnee lenken – das war das größte Vergnügen.

Das Holz schwamm dann im gestauten Wasser hinter der Klause, bis pünktlich um 10.10 Uhr jeden Dienstag und Freitag das Tor geöffnet wurde, und der Wasserschwall die Stämme mitriss. In zirka zwei Stunden waren sie unten in Kramsach, sagt Walther, und dass auf diesem Weg leider viel kaputt ging. Vor allem die harten Buchen und Eichen beschädigten die weichen Fichten-, Tannen- und Lärchenhölzer. Ein Nachteil, der jahrhundertelang in Kauf genommen wurde, genauso wie der Faktor Zeit früher keine Rolle spielte. Das geschlagene Holz von heuer, sagt Walther, hat es erst ein Jahr später im Inntal gegeben.

Mit den modernen Zeiten änderten sich die Ansprüche. Es wurden Forststraßen gebaut, das Holz konnte mit LKWs recht flott transportiert werden und kam topfit und unbeschädigt direkt aus dem Wald. 1966 war Schluss, sagt Walther, der bei der letzten Holztrift dabei war und der sich bei der Erinnerung daran einen sentimentalen Glanz in den Augen erlaubt. Ganz kurz nur, ein paar Wimperschläge lang. Natürlich hätte er damals weiter Forstarbeiter bleiben können, aber für einen echten Holzfäller wie ihn, war das nichts mehr. Keine Herausforderung, kein Kräftemessen mit Naturgewalten, kein Abenteuer mehr, Walther Marksteiner ging zur Post.

Wir haben inzwischen die Erzherzog-Johann-Klause erreicht, ein monumentales Bauwerk in Beton, das der Wald ringsum langsam vereinnahmt und das die Würde eines Tempels einer längst vergessenen Zivilisation ausstrahlt. Von hier ist es nicht weit nach Bayern, hier hat auch der FC Bayern München eine Jagdhütte gepachtet. Gleich hinter unserer Alm, sagt Altbauer Hugo Mühlegger, 66, der so wie fast alle älteren Brandenberger auch, als blutjunger Kerl die letzte Holztrift miterlebte.

Drei Stunden brauchte man einst mit den Kühen von seinem Unterrohrbacherhof auf die Niederalm auf 1.100 Metern Höhe. Heute werden die 13 Milchkühe, vier Schweindln, die Ziegen, Legehennen und der Mischlingshund Vroni motorisiert hinauf transportiert. Wenn der Blick dann vor der Sennhütte über die unberührten Wälder schweift und am Horizont von den erhabenen Gipfeln des Rofan mitsamt den imposanten Zwillingsspitzen des Guffert (2.195 m) gestoppt wird, versteht man Christoph, 39, den Sohn von Hugo, auf Anhieb. Ich war schon mit vier gern auf der Alm, sagt er, und bin mit Leidenschaft ein Bauer. Nie im Leben würde ich woanders hingehen, sagt Christoph, hier kennt er jeden Winkel, hier war er auf jedem Gipfel. Nur wenn er in die Edelweiß geht, geht er rüber ins Karwendel, das man von der Alm nicht sieht.

Christoph Mühlegger ist heute der letzte Käser im Tal, macht Graukäse, Tilsiter, Raclette und Almbutter selber. Aber wo bitte sind die Kühe? Obwohl wir schon stundenlang unterwegs sind, haben wir nicht das leiseste Gebimmel vernommen. Alte Brandenberger Tradition, sagt Christoph und lacht sich eins. Im gesamten Gebiet gehen die Kühe erst in der Abenddämmerung auf die Weide, grasen die ganze Nacht, und schlafen untertags im Stall. Das schützt einerseits vor Hitze in der sehr sonnenreichen Gegend, andererseits vor lästigen Bremsen und Fliegen. Und es schont die Nerven der Wanderer, da zumindest die Mühlegger-Kühe mit Hörnern wohl ausgestattet sind. So ist die Natur, sagt Christoph, der überhaupt nie daran denken würde, sie ihres Kopfschmuckes zu berauben, wie es mancherorts Mode ist.

Ebenfalls eine Brandenberger Tradition ist die Prügeltorte, die über offenem Feuer gebacken wird. Sieben Stück, so heißt es, gibt es Zeit seines Lebens für einen Brandenberger: zur Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit, beim 1. Kind, zur goldenen Hochzeit und beim Begräbnis. Ob das Rezept aus Korsika oder dem hohen Norden ins Tal kam, darüber ist man sich nicht einig, nur dass es Holzarbeiter mitbrachten, gilt als sicher.

Wichtig ist, sagt Hugo Mühlegger, der so wie alle Brandenberger selbst noch nie eine Prügeltorte gebacken hat, aber jemanden kennt, der das kann und sei es nur der Wirt vom Kaiserhaus, wo es einmal in der Woche ein Schaubacken gibt. Wichtig ist, sagt also Hugo Mühlegger, dass das Buchenholz trocken ist und immer die gleiche Hitze hat. Dann braucht es noch Geduld, denn der flüssige Teig aus Eiern, Butter, Zucker und Mehl wird schichtweise auf einem Holzspieß, dem Prügel, aufgetragen, der sich langsam dreht. Eine aufwendige Prozedur von mindestens einer Stunde.

Geduld ist wohl auch eine der charakterlichen Eigenschaften die Kurt Lechner, 52, aus dem Tiroler Weerberg und Alois Ortner, 51, aus Stans auszeichnen. Die beiden Entomologen sind bei ihrer Forschung auf Heuschrecken aber vor allem auf Schmetterlinge spezialisiert und haben im Brandenbergertal ein Paradies gefunden. Was für jemanden wir Christoph Mühlegger, der umschwirrt von Faltern auf seiner Alm sitzt, Alltag ist, ist für die Wissenschaftler eine Novität in Österreich. Und ein Indikator für die ökologische Qualität der Landschaft.

In Brandenberg, so die beiden unisono, treffen viele günstige Faktoren zusammen. Die Geländevielfalt von felsigen Schluchten bis zu weiten Lichtungen, und ein botanischer Reichtum bis hin zum kunterbunten Blumenmix auf den Almen. 824 Schmetterlingsarten haben sie im Rahmen einer Studie für die Bundesforste entdeckt, für die sie drei Jahre auf der Lauer lagen. Sprichwörtlich natürlich, denn mit einem Kescher, geht ein Forscher eher selten auf die Jagd.

Wir sammeln mehr Raupen ein, nehmen sie mit nach Hause und beobachten dort wie sie schlüpfen, sagt Kurt. Oder es werden des Nächtens Fallen aufgebaut aus weißen Leinwänden mit UV-Licht, das Insekten anlockt. Da sitzen wir dann daneben, sagt Alois, können beobachten, die Arten bestimmen und uns dabei unterhalten. Denn stumm muss man nicht sein bei der Schmetterlingsjagd, Falter reagieren nicht auf menschliche Stimmen.

Kurt und Alois kennen sich seit dem Gymnasium und sind seither ein eingespieltes Team. Beide wußten von Kindesbeinen an, dass sie einmal etwas mit Biologie machen möchten und gingen das recht zielstrebig an. Nach Brandenberg kamen sie erstmals in den 1990er Jahren, wo sie den seltenen Augsburger Bären auf dem Kaiserboden und in der Tiefenbachklamm entdeckten. Rund ein Viertel der Schmetterlinge im Tal stehen auf der roten Liste, dazu kommen der Gelbringfalter, die Spanische Fahne und der Quendel-Ameisenbläuling, die europaweit so geschützt sind, dass selbst Forscher eine Sammelgenehmigung brauchen.

Da schau, ein Rostfarbiger Dickkopffalter, jubelt Alois jetzt. Und hier ein Kaisermantel, frohlockt Kurt. Voller Begeisterung zischen sie am Ufer der Ache in der Tiefenbachklamm hin und her und es kommt einem sofort Alexander Humboldt in den Sinn. Nein, nein, rufen sie uns über die Schulter zu, lieber Russel Wallace und Henry Bates – zwei britische Naturforscher, die u.a. Mitte des 19. Jahrhunderts im Amazonasbecken Insekten sammelten. Noch vor ein paar Jahrzehnten, sagen Alois und Kurt, als wir später im Gebüsch hocken und ein gemeiner Zitronenfalter vorüberschwebt. Früher, sagen sie also mit leicht melancholischem Ton in der Stimme, war Schmetterlingsammeln sehr populär, heute aber zählen wir selbst zu einer aussterbenden Spezies.

In Tirol fast ausgestorben war auch die Kunst des Federkielstickens als sich Hansl Leitner aus Reith in den 1950er auf ins Südtiroler Sarntal machte, um sich in die Fertigkeiten einweihen zu lassen. 90 ist er heute und stickt noch immer, längst aber hat er seine Geheimnisse an Sohn Georg, 53, weitergegeben.

Das meiste ist mündliche Überlieferung, sagt Georg Leitner, vor allem wie die Federkiele geschnitten werden, wird nicht verraten. Neben neuen Ranzen und Hosenträgern, auf die man 1 Jahr warten muss, hat er sich auf das Reparieren alter Stickereien spezialisiert. Vor 200 Jahren waren die Muster noch färbig, das ist heute ganz aus der Mode.

Auch Rosshäute, sagt Georg mit einem leisen Seufzer, bekommt man heute nicht mehr, dabei waren sie leicht, zäh und einfach das Beste für eine Hose. Weil er zu denen gehört, bei denen alles bis ins letzte Detail passen muss, lässt er die Häute für seine Ledersachen in einer kleinen Schwazer Gerberei eigens herstellen. In vegetabiler Gerbung mit Eichenrinde ganz ohne Chrom, nur so wird das Leder schön braun, wenn es alt wird, und nicht grau.

Elf Stunden, sagt Georg, sitz ich auf meinem Nährössl, aber dann steig ich um aufs Motorradl, geh Bergsteigen und Klettern. Ich brauch die Freiheit, sagt er ganz ohne Pathos, und die hab ich nur in den Bergen hier gleich ums Eck. Deswegen ist es gut, da wo er ist, woanders kann es nicht besser sein.

Auch Herbert Gwercher wollte niemals weg. Ich bin ein bodenständiger Typ, sagt der 63-jährige Künstler und blickt dabei durch die breite Glasfront seines Ateliers über üppige Wiesen mit verstreuten Bauernhöfen. Im Ausland hätten sie mich zwar mehr akzeptiert, sagt er nach einer kurzen Pause, aber nur hier fühle ich mich frei. Denn eines hat er auf seinem langen Weg erkannt: Man braucht ein freies Leben, sonst passiert die Kunst nicht. Und weil wir hier in Brandenberg sind, wo das Leben der Menschen ums Holz zirkuliert, bestimmt auch Holz einen großen Teil von Herbert Gwerchers Kunst.

Der Sohn eines Fassbinders verzierte bereits als kleiner Bub die Fässer des Vaters. Weil die Eltern Verständnis für seine Begabung zeigten, schickten sie ihn in die Bildhauerschule nach Elbigenalp im Lechtal. Ich komme von der konventionellen Schnitzkunst, sagt Herbert, habe viel Sakrales gemacht, was wichtig zum Überleben ist. Gleichzeitig war er vom Material Holz so fasziniert, dass er sich von der figuralen Kunst immer mehr ins Abstrakte entwickelte, das Holz einfach für sich sprechen lassen wollte.

Mein Vater hat viel mit Mondphasen und Sternzeichen gearbeitet, das hat mich inspiriert, sagt Herbert Gwercher. Auch er schlägert nach altem Wissen und läßt die Stämme lufttocknen, bis sie ihm eine Idee dazu kommt. Am liebsten arbeitet er mit Obsthölzern, Nuss, Bergahorn und Eiche, weil beim Schleifen die Maserung intensiver zur Geltung kommt und sie eine besondere Ausstrahlung haben.

Mehrere Epochen in seiner künstlerischen Entwicklung hat er bislang durchschritten, arbeitet auch gerne mit Stein und Bronze. Man ist immer auf der Suche nach einem eigenen Stil, sagt Herbert Gwercher. Momentan arbeitet er sehr reduziert, lässt Formen und Farben sprechen. Aber wer weiß, wohin die Kunst mich noch führt, sagt er dann, während er mit den Fingern über ein gespaltenes Stück Holz streicht, das ihm ein Bauer eigentlich als Brennholz gebracht hat und aus dem er Schönheit und Seele herausholen wird. Ja, wer weiß, wo es ihn hinführt. Man selbst, das Wasser und die Zeit bleiben ja nicht stehen.