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DER DUFT DER ALTEN BÜCHER

Seit sechs Generationen gibt es die Buchbinderei Frölich in Stuttgart. Hier werden Bücher handgebunden und mit prächtigen Einbänden versehen. Vor allem aber werden kostbare Antiquitäten restauriert.

© Foto Julia Rotter

Es ist der Geruch. Beinahe unbemerkt tänzelt er die Nasenlöcher hinauf bis ins Gehirn, tastet sich vor in eine Region, die in alten medizinischen Illustrationen wohl mit den Lettern „Phantasie“ bedruckt wurde. Dort läßt er sich nieder und beginnt sorgsam mit allen Stückeln aufzuspielen, bis der Mensch, der ihn in der alten Buchbinderei Frölich eingeatmet hat, seinen Bildern widerstandslos ausgeliefert ist.

Es ist ein dezenter Geruch. Eine Mischung aus Staub, Papier und Leder, so wie man sie aus Bibliotheken und Antiquariaten kennt. Dazu schickt die Wintersonne ein paar müde Strahlen durch die kleinen Fenster und während man den großen Arbeitstisch umrundet, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Da, dahinten, sitzt da nicht der Stuttgarter Philosoph Hegel (1770 – 1831) und kritzelt mit einer feinen Feder seine „Wissenschaft der Logik“ aufs Papier? Oder dort in der Ecke, mitten in einem Sammelsurium aus Pappendeckel, Lederschlaufen und Präge-Klischees, ist das nicht Wilhelm Hauff (1802 – 1827), der gerade dem Kohlenmunk-Peter in „Das kalte Herz“ ein schriftliches Denkmal setzt?

Es ist dieser Geruch von alten Büchern, der einen in eine längst vergangene Zeit entführt. Begeistert wandelt man zwischen Traum und Wirklichkeit und läßt kurz den Verstand links liegen. Denn weder der große Denker noch der große Erzähler können sich jemals in diesem Haus aufgehalten haben. Die ehemalige Remise samt Pferdestall im Stuttgarter Zentrum stammt aus dem Jahr 1870 und wurde erst von Gustav, dem Dritten aus der Buchbinder-Dynastie Frölich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Werkstatt umfunktioniert.

„Der Großvater“, sagt Hans-Peter Frölich, der fünfte Buchbinder in der Familiengeschichte, „hat nebenbei auch das Stadtarchiv geleitet.“ Und er war wie schon sein Großvater Hoflieferant. Seit etwa 1820 sind die Frölichs in Stuttgart Buchbinder, wobei der Erste damals noch als Sattler und Tapezierer bezeichnet wurde, weil Buchbinder kein eigener Beruf war. „Alles was mit Papier zu tun hatte, gehört traditionell zusammen“, sagt Hans-Peter Frölich. Deswegen seien die Frölichs im 21. Jahrhundert auch „Buchbinder, Einrahmer und Restaurateure“.

„Buchbinder waren immer die, die das Papier handhabbar gemacht haben“, sagt Michel, der Sechste in der Linie, dem Vater Hans-Peter 2009 den Laden übergeben hat. Zwei Frölichs haben in den kleinen Räumen, in denen sich bis oben hin und auf jedem Millimeter allerhand wunderbares Zeugs stapelt, keinen Platz. Weder körperlich noch charakterlich.

Beide sind anerkannte Meister ihres Handwerkes, beide verfolgen aber auch, das dürfen wir ihnen als Außenstehende jetzt einmal unterstellen, mit einer gewissen Sturheit ihren eigenen Weg. Schon Hans-Peter büchste vor der Strenge seines Vaters in den 1960er Jahren nach Amerika aus. Wo alsbald nicht nur Größen wie Frank Sinatra oder Liz Taylor auf seine Buchbinder-Kunst setzten. Mit dem Bankier David Rockefeller schaffte er es sogar bis auf das Cover des Time-Magazins. Dieser habe sich, erinnert sich Hans-Peter, nicht nur Schriftwerke sondern sogar sein Telefon von ihm mit Leder beziehen lassen.

Sohn Michel wiederum ließ sich nicht in der Familien-Werkstatt sondern in Münster und Ulm zum Gesellen ausbilden, bevor er sich in den Pariser Ateliers Jacques Arduin und Alain Lobstein den Feinschliff in Vergoldung und Restaurierung holte. Vor allem auf letzteres konzentriert sich heutzutage die Kunst des Buchbinders.

Natürlich gäbe es noch Liebhaber, sagt Michel Frölich, die sich zum Beispiel ihre Familien-Chronik per Hand binden lassen. Mit kunstvoll geprägten Ledereinbänden werden sie zu kostbaren Erinnerungsstücken für die nächsten Generationen, ohne als simple Datei von einem Computervirus zerstört werden zu können.

Doch auch sie haben Feinde, und gar nicht wenige. Zunächst einmal die Haupttäter: Feuer, Wasser und Schimmel. Die lodernden Flammen haben in unserer modernen Zeit viel von ihrem Schrecken verloren und sind eine vernachläßigbare Größe geworden. Von Wasser und Schimmel beschädigte Bücher landen bei Michel Frölich. Sie werden von ihm und seinen drei Mitarbeitern Seite für Seite einzeln auseinandergenommen, in Spezialbädern von ihren Schäden befreit und getrocknet. Dann werden sie neu gefalzt, zu einem Buchblock aufeinander gelegt und mit einer Buchpresse in Form gebracht. Dann kommt der aufwendigste Teil: die Fadenheftung, bei der jedes gefalzte Blatt einzeln vernäht und mit den baumwollenen Bünden verknotet wird. Zum Schluss wird das Werk mit den beiden Deckeln verbunden und verleimt, bevor der Buchrücken draufkommt. So eine Komplett-Renovierung, sagt Michel Frölich, würde Minimum sechs Monate dauern.

Oft sind es aber keine Totalschäden, die zu ihm kommen, sondern Restaurierungsarbeiten an den üblichen verdächtigen Stellen. „Bücher leben nun einmal davon, dass sie benutzt werden“, sagt Michel Frölich und legt vorsichtig den ramponierten Deckel einer Luther-Bibel aus dem Jahr 1700 um. Gleich den ersten Blättern fehlt jeweils rechts unten ein Stückchen Papier. Der Meister grinst. Heftig benutzt, sagt er, normalerweise seien diese Stellen nur schwarz, weil sie genau dort mit dem spuckebefeuchteten Zeigefinger umgeblättert werden. Das läßt sich mit Entsäuern relativ einfach beheben. Die Bibel aber muss angestückelt werden, mit einem adäquaten Papier, das er aber sicher in seinem überbordenen Fundus finden wird.

Bis zum frühen Mittelalter, sagt Michel Frölich, nahm man Pergament, das zur Brüchigkeit neigt. Dann wurden Bücher mit handgeschöpftem Papier aus Leinenlumpen und tierischem Leim gemacht und sind quasi alterungsbeständig. 1799 schließlich wurde die Papiermaschine erfunden und Salpetersäure zum Bleichen und Neutralisieren eingesetzt. „Seither“, sagt Michel Frölich, „zersetzt sich das Papier viel leichter.“

Ebenfalls eine berüchtigte Schwachstelle: der Buchrücken und zwar oben, wenn er sich von den beiden Deckeln löst. Dort greift man hin, um ein Buch aus dem Regal zu ziehen. Ist es zu eng bestückt – und das ist es immer – ist der Schaden vorprogrammiert. Wenn möglich rettet Michel Frölich das alte Leder des Rückens und setzt es auf ein neues. Genauso verfährt er mit alten, prachtvoll verzierten Ledereinbänden.

Der Einband, und daran hat sich im Laufe der Geschichte des Buches nichts verändert, ist der ganze Stolz des Buchbinders. Hier konnte und kann er seine Kunst zeigen. Das beginnt mit dem Leder, von dem es in der Buchbinderei Frölich einen bis zur Decke angefüllten Raum gibt. In allen Farben, aus aller Welt und vom Schaf, Schwein, über die Oasenziege bis zum Wasserbüffel.

Auch die alten hölzernen Ladenschränke sind eine Fundgrube. Hier sammeln sich seit sechs Generationen sämtliche Bleischriften, mit denen die Buchtitel aufs Leder geprägt werden. Und Handvergolder-Werkzeuge in Form von Rollen oder Stempel, mit Krönchen, Zierbändern und Ornamenten in allen Größen und Profilen aus den letzten fünf Jahrhunderten.

Es ist vermutlich eine der größten Sammlungen in Europa, sagt Hans-Peter Frölich, der für seine kreativen Einbände zu seiner Zeit öfters international prämiert wurde. Und der, obwohl Protestant, in den 1980er Jahren sogar vom Vatikan einen Auftrag erhielt. Eine neue deutsche Übersetzung des Neuen Testamentes wurde von ihm gebunden und persönlich zu Papst Johannes Paul II gebracht.

Dort steht das Buch jetzt zwischen all den prachtvollen Werken angefüllt mit Wissen und Kunst aus hunderten Jahren Menschheitsgeschichte. Und ein bisschen wird es noch dauern, dann hat es ihn auch, diesen Geruch.

Buchbinderei Frölich

Servus Magazin Februar 2014