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IMMER SCHÖN IM FLUSS BLEIBEN

Östlich von Wien haben die Menschen ihr Leben der Donau angepasst. In einer Natur, die nicht immer freundlich zu ihnen ist. Aber berückend schön und einzigartig in Europa.

© Foto Peter Podpera

„Da biberts jetzt aber gewaltig. Riechst ’es?“ Christiane Mair reckt das Nasenspitzerl steil gen Himmel und bläht dabei die Nasenflügel so, als könnte sie dadurch eine größere Portion des Nager-Odeurs abbekommen. Wir riechen, ehrlich gesagt, gar nichts. Also wir riechen schon so etwas wie die freie Natur, eine Mischung aus Donaubrise, stehendem Gewässer, wilden Pflanzen und allerlei Getier. Die Kunst daraus akkurat einen Biber zu erschnuppern, beherrschen wir natürlich nicht.

23 Jahre lang hat Christiane Mair ihre Sinne hier in den Donauauen geschärft, seit sieben Jahren gibt sie ihr Wissen als Naturführerin – im Nationalparkdeutsch: Rangerin – weiter. Wobei die Natur der tiefen Ebenen nicht ihr ursprüngliches Terrain war. Aufgewachsen in Südtirol mit Blick auf den letzten Gipfel der Dolomiten, dem Weißhorn, liebt sie die Bergwelt bis heute. Allerdings nur zum Klettern, wenn man dann oben mit einem weiten Horizont belohnt wird. Mit einem Blick, der sich befreit in der unendlichen Weite verlieren darf – so wie man ihn östlich von Wien praktisch vor der Haustüre findet.

Eingebettet zwischen dem brettlebenen Marchfeld und den Ausläufern der Pannonischen Tiefebene hat sich hier eine der letzten großen Urlandschaft in Mitteleuropa erhalten. Ein Auwald-Dschungel, durch den wir uns gerade in bester Huckleberry-Finn-Manier geschlagen haben. Über Baumstämme balancierend und Lianen stolpernd. Nur dass sich der kleine Abenteurer seinerzeit am Mississippi herumtrieb, den er heute nicht wieder erkennen würde. Auch die Donau ist mit der Zeit gegangen, wenn auch nicht immer freiwillig.

Über 80 Kilometer lang war der Abschnitt zwischen Wien und der Marchmündung noch vor 150 Jahren. Mit einem Labyrinth aus Nebenarmen, in dem sich nur erfahrene Donauschiffer orientieren konnten, und einem ausgedehnten unterirdischen Bewässerungssystem, das das Marchfeld so fruchtbar machte. Und mit Hochwässern, die vor allem die Wiener schreckten.

Zähmen oder nicht, war damals die Frage, die nach heftigen Streitereien 1870 zugunsten einer Regulierung ausging. Obwohl sich dadurch der Donau-Hauptarm deutlich nach Süden verlagerte und sich zwischen der Lobau und der heutigen Slowakischen Grenze auf 40 Kilometer verkürzte, konnte die Natur an den Gestaden ihre Unberührtheit weitestgehend verteidigen und sich behaupten. Selbst wenn der Mensch, zwar gut gemeint, ab und zu nachhalf und dabei so manchen Irrweg beschritt.

So war es denn ausgerechnet der legendäre Zoologe Dr. Otto Koenig, der in den 1970er Jahren den kanadischen Biber hier aussetzte, weil es keine heimischen mehr gab. Leider war der Freund aus Übersee nicht kompatibel mit den Umweltbedingungen und ist jetzt, nach drei Jahrzehnten, ebenfalls bereits ausgestorben.

Der Biber, den wir zwar nicht riechen, dessen Bauten wir aber am Ufer der Großen Binn sehen können, ist ein Nachfahre des polnischen Bibers. Dieser ist genetisch dem Donaubiber recht ähnlich und vermehrt sich seit 1986 prächtig. Zu prächtig, meinen einige, die ihn angesichts von angenagten Stämmen, bereits als Baummörder verdammen.

„Blödsinn“, kontert Manfred Rosenberger, der neben einigen anderen auch das Doktorat der Biologie gemacht hat. Man müsse den Biber forstwirtschaftlich sehen, sagt der Naturführer des Nationalparks Donauauen. Heißt: Das Tier bewegt sich maximal 20 Meter vom Ufer weg und da gibt es in der Au nur schnellwachsende Bäume wie Weiden. Außerdem, sagt Manfred Rosenberger noch, wird in der Au sowieso nichts älter als 100 Jahre, weil hier der Lebenszyklus schneller abläuft.

Wer mit Christiane und Manfred in den Tiefen der Auwälder eintaucht, fühlt sich spätestens nach einer halben Stunde wie ein angehender Alexander Humboldt. Was für unsereins wie eine hübsche Wiesenblume aussieht, ist in Wahrheit eine europäische Sumpf-Schwertlilie, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Wiener Werkstätten als Vorbild für ihre Jugendstilvasen gedient hat. Was wie ein trockenes braunes Blatt wirkt, ist der Pappelschwärmer, ein Nachtfalter, der von Mai bis Juli unterwegs ist. Und das stachelige grüne Ding da, ist ein Feldmannstreu, das man im Volksmund auch als Steppenhexe oder Laufdistel kennt.

1898 wurde hier entlang der Donau ein Damm als Hochwasserschutz angelegt, sagt Manfred Rosenberger, und bereits 20 Jahre später war er wieder überwuchert. 437 Wildpflanzen wachsen heute hier und es ist richtig beruhigend, dass nicht einmal er alle kennt. Eine sportliche Herausforderung, sagt Manfred, die er sich seit 17 Jahren vornimmt. Dafür kann er aber aus dem Stand das Dü-Delüü-Lio des Pirols nachflöten, auf das ihm der knallgelbe Singvogel sofort antwortet.

Wir stehen mittlerweile in der Stopfenreuther Au, in der über 100 Jahre nach der Wiener Donauregulierung abermals zwei gegensätzliche Denkrichtungen aufeinander prallten. Während die einen meinten, mit einem Kraftwerk bei Hainburg die Energie der Donau für den technischen Fortschritt zu nutzen, sahen die anderen darin die Zerstörung eines der letzten intakten Naturgebiete im oberen Teil der Donau. Mit der prognostizierten Folge, dass das Marchfeld nicht mehr unterschwemmt und somit austrocknen würde.

Die Stopfenreuther selbst seien vom Kleinkind bis zur Uroma gegen das Kraftwerk gewesen, sagt Manfred Rosenberger, weil man ihnen eine 18-Meter-hohe Staumauer vor die Nase gesetzt hätte.

22 war er 1984, als im Dezember der „Kampf um die Au“ eskalierte und sich die Bevölkerung gegen das ungeliebte Bauwerk zur Wehr setzte. Er sei immer ein Kind der Donau gewesen, sagt Manfred. Mit dem Wiener Heustadlwasser als ersten Spielplatz für verwegene Naturerlebnisse und wilden Forschungsreisen mit dem Schlauchboot von der Reichsbrücke bis Hainburg. Er hätte sich mit dem Verschwinden der Au nicht abfinden können, er musste sich einsetzen.

Sieben Lager gab es damals verstreut in der Au und im Nachhinein bezeichnet Manfred die Aktion als eine Mischung aus Planung und Anarchie. Vor allem weil statt der erwarteten paar hundert plötzlich 4.000 Menschen nach Stopfenreuth und in die Au pilgerten. Der Rest ist österreichische Geschichte und endete mit einer Parteigründung.

Und die Au? Für die war das nur ein Wimpernschlag in ihrer jahrtausendealten Geschichte. Da wo vor 30 Jahren abgehärtete Tiroler an einer besonders exponierten Stelle Wind, Wetter und Betonierern trotzten, nisten jetzt die Eisvögel. Da wo man sich damals mediengerecht mit einem indischen Guru zum Bäume-Umarmen traf, singen heute die Blätter der Pappeln ein sanftes Lied. Und am Rand der Charly-Blecha-Wiese, wo man seinerzeit besonders grimmig aneinanderstieß, dürfen mittlerweile Schüler ihren Mut beweisen, in dem sie bis zum Bauchnabel das kalte Wasser eines alten Donauarmes durchwaten. Die Au, sagt Manfred, die ist Dynamik und Veränderung.

 

„Da, hörst ‘es? Das ist das Geschiebesingen der Donau.“ Wir liegen mit einer Tschaike, einem traditionellen Holz-Ruderboot, in einer schmalen Bucht am Donaustrom. Über uns wiegen sich die Weidenzweige im Wind, kleine Wellen plätschern an den Kiesstrand. Gemeinsam mit Sabine Bergauer pressen wir das Ohr an einen Holzbalken, und tatsächlich: wir hören es! Einen leisen, beinahe jammernden Summton, untermalt von zartem Knirschen und wohl die Ursache vieler Wassermann-Sagen rund um die Donauauen. Mit einem Gefälle von 50 Metern auf 1 Kilometer Länge transportiert der Strom hier auf seinem Grund 300 Kilogramm Steine pro Kubikmeter Wasser, sagt Sabines Mann Martin Zöberl. Zwar in einem regulierten Bett, aber trotzdem freifließend, weshalb die Donau noch bis zur Marchmündung als Gebirgsstrom gilt. (Die West-Österreicher dürfen jetzt aufhören zu lachen.) Viel Kraft habe sie hier, sagt Martin, deshalb gab es zwischen Orth und Bratislava bis Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 120 Schiffsmühlen. Die Erfindung der Dampfmaschine ließ sie allesamt verschwinden.

„Die Mühl, des woan zwa Zülln, mit an Mühlradl in der Mittn“, beschrieb Martins Oma die Einfachheit einer 800 Jahre alten Technik, mit der ihr Vater die Orther Bevölkerung bis 1903 mit Mehl versorgte. Beinahe 100 Jahre später klapperte wieder ein Mühlrad zwischen zwei Schiffen bei Orth an der Donau, weil Martin und Sabine nicht wollten, dass dieses alte Wissen verloren geht. Beim Aufbau der komplett aus Holz bestehenden Konstruktion kamen ihnen zufällig vorbei vagabundierende Flusswanderer, Zimmersleute aus Hamburg, zu Hilfe.

Am Fluss zu leben und zu arbeiten sei eine gute Schule, sagt Martin, weil man nie planen kann und flexibel bleiben muss. Früher versetzten Hochwasser die Mühlen über Nacht von einem Ort zum anderen, was speziell Joseph II im 18. Jahrhundert seine Volkszählungen erschwerte. Mehr gefürchtet waren aber Brände, ausgelöst durch Mehlstaubexplosionen, die die Mühlen immer wieder zerstörten und ihnen den Beinamen „Teufelsmühlen“ eintrugen. Der alten-neuen Schiffsmühle im 3. Jahrtausend wurde jedenfalls ein Treibgut zum Verhängnis, das ein Leck ins Außenschiff schlug und sie versenkte. Drei Tage lang dauerte 2009 die Bergung, bei der alle Orther mithalfen. Heute liegt sie noch untätig, aber beinahe fertig repariert, in einem ruhigen Seitenarm, wo im Frühjahr Karpfen und Brachsen laichen.

„Da wo der Strom mit den Altwasserarmen zusammentrifft stehen auch Welse, Hechte und Zander“, sagt Georg Humer, der letzte Berufsfischer an der Donau, der 1992 seine Lizenz abgeben musste. Seither werden nur mehr Anglerrechte vergeben, und Herr Humer, der in 3. Generation das Fischrestaurant „Uferhaus“ betreibt, muss sich seine Fische woanders besorgen. Vom Gut Dornau zum Beispiel, das unter Fischfreunden einen ausgezeichneten Ruf hat. Lebend werden die Fische angeliefert und weil Georg Humer das Donauwasser quasi im Blut hat, müssen auch sie einmal in ihrem Leben von diesem Elixier probieren. Unter einer alten Zille hat er ihnen im Strom ein riesiges Becken gebaut, Donaufische werden sie dadurch trotzdem leider nicht. Deren größte Feinde sind, laut dem Orther Urgestein Humer, jedoch nicht die Fischer, sondern die Komorane und der Twin-City-Liner, der täglich viermal auf seinem Weg zwischen Wien und Bratislava für hohe Wellen sorgt.

Die Donau zeige stündlich ein anderes Gesicht, sagt Georg Humer, egal ob ein Schiff vorbei rauscht oder nicht. Ein Bild voller Farben, immer in Bewegung. Und sie mache jeden, der hier lebt demütig. Alle zehn Jahre gibt es nach wie vor ein Hochwasser, das das ungeschützte „Uferhaus“ aus dem Jahr 1906 überschwemmt. Das kann Georg Humer nicht mehr erschüttern. Noch während die Fluten im Haus stehen, rückt er mit seinen Mitarbeitern dem Schlamm mit reinem Wasser zu Leibe. Wasser zu Wasser sozusagen.

Nur die Jahrhundertflut im August 2002 hätte ihn beinahe besiegt. Damals stand er, sagt Georg Humer, im ersten Stock auf der Terrasse bis zu den Knien im Wasser. Vor ihm die Donau, ausgebreitet wie ein Meer und er habe das Gefühl gehabt, sein Haus schwanke wie ein Schiff.

Auch am südlichen Ufer in der Regelsbrunner Au bei Haslau stand das Wasser damals 40 Zentimeter über der Höchstmarke von 1954. Das Gebiet gehört seit 2002 zum Nationalpark Donauauen und wurde 1989 bei der WWF-Aktion „Die Au braucht Kröten“ mithilfe von Spenden der damaligen Besitzer-Familie Abensperg-Traun abgekauft. So wurde er vom Saulus zum Paulus, sagt Josef Steiner, der als junger Mann bei den Grafen als Forstarbeiter begann und bis zum Ende ihrer Herrschaft für Aufforstung und Flurbereinigung zuständig war.

„Die Pappel dort, hab ich in den siebziger Jahren gepflanzt, und die dort ein paar Jahre später“, sagt der mittlerweile pensionierte und ehrenamtliche Mitarbeiter des Nationalparks, der hier wirklich jeden Ast kennt. Selbst die Totgehölze, die schön langsam überwuchern und ihrer natürlichen Bestimmung überlassen werden.

Wild und ursprünglich wirkt die Aulandschaft nach nur kurzen 24 Jahren, in denen mit behutsamen Durchstichen auch stillgelegte Altarme wieder mit der Donau verbunden wurden. Dadurch können die Fische zum Laichen besser einsteigen und sind auf 63 verschiedene Arten angewachsen. Dazu haben fünf Seeadler-Paare und insgesamt 109 verschiedene Vogelarten das Gebiet als idealen Brutplatz für sich entdeckt.

Begeistert steht Josef Steiner jetzt vor einer Rebe wilden Urweines, den einst die Römer hierher mitbrachten. Hoch in den Himmel rankt sie sich, gestützt von einer Pappel. Nie wird sie deren Höhe ganz erreichen, aber gemeinsam werden sie wohl sehr alt werden. Er versuche auf seine alten Tage, seine Jugendsünden zu tilgen, sagt Josef Steiner und weiß vermutlich insgeheim, dass ihm das längst geglückt ist.

Weiter östlich in den Hainburger Bergen liegt Vladimir Vavicek mit einem Feldstecher auf der Lauer. Ein Einzelkämpfer, der sich der Rettung des Bienenfressers verschrieben hat. Der bunte Vogel braucht zum Nisten senkrechte, freiliegende Lehmwände um die Brutlöcher gut anfliegen zu können.

Jahrhundertelang war dafür hier ein guter Platz. Seit jedoch keine Weidewirtschaft mehr betrieben wird, wuchert alles zu und die Vögel bleiben immer mehr aus. Jetzt kommt Vladimir Vavicek jedes Frühjahr hierher und legt die Wände frei. Ginge es nach ihm, würden ihm viele Hände dabei helfen und man könnte das Rettungsprojekt größer aufziehen. Absichtserklärungen einiger Organisationen gäbe es bereits, aber die Bürokratie, seufzt Vladimir Vavicek und durchsucht den Himmel nach Flügelschlägen. 

Schon als Kind sei er vom Vogelgesang fasziniert gewesen, sagt er, und habe mitten in seiner Heimatstadt Prag einen Nistplatz für Stare angelegt. Bis heute sei er kindisch geblieben, sagt er, der 1969 nach Wien kam und kurz darauf seinen ersten Bienenfresser am Hundsheimerkogel beobachtete.

Aber jetzt bitte Pssst, weil sonst können wir uns einen Bienenfresser aufzeichnen.

Der kleine Vogel hat seinen Namen, weil er im Flug Bienen aufschnappt und frißt. Jenes Insekt also, um das es gerade auch nicht gut bestellt ist. „Ich habe mich für ein sterbendes Gewerbe entschieden, weil meines schon ausgestorben ist.“ Johann Fuchs, der sich selbst Mr. Bien nennt, ist seit heuer hauptberuflich Imker, davor war er Pilot bei Austrian Airlines. Es sieht derzeit etwas brenzlig aus für die Bienen, sagt er. Aber als er 1985 hobbymäßig mit der Zucht begann, stand es schlimmer um sie. Damals war die Varroamilbe ihr tödlicher Feind, heute hätten sie mehr mit den Kapriolen der Natur zu kämpfen. Der Herbst 2011 etwa sei zu lange zu warm gewesen, daher sind die Bienen zu lange ausgeschwärmt und starben im Frühjahr 2012 an Schwäche. Heuer wiederum habe der Winter um einen Monat zu lange gedauert, daher sind viele verhungert.

Johann Fuchs selbst hat sich auf die Königinnenzucht spezialisiert und betreut neben 200 Völkern im Raum Mistelbach noch etwa 50 eigene in Orth an der Donau.

Am Rande der Au mit ihrer Artenvielfalt finden diese vom Frühjahr bis in den Spätherbst so etwas wie einen voll gedeckten Tisch vor.

Am Rande der Au hat auch Mijke Gelbmann vor 13 Jahren den idealen Platz für sich gefunden. Einen alten Bauernhof aus dem Jahr 1787, der schon zwanzig Jahre leer stand. Hinterholz 8, sagt sie, aber mit gutem Ende. Und mit einem großen Stück Land hinten dran, auf dem heute ein Pferdestall samt Koppel steht. Als steirisches Landkind habe sie während ihrer Zeit in Wien als Grafikerin immer von einem Leben in der Natur mit Tieren geträumt, sagt sie. Vor allem mit Pferden, mit denen sie sich von Klein auf eng verbunden fühlte.

Zärtlich streicht sie Luca, einem 17-jährigen Quarter-Horse, über die Nüstern, der uns gerade gezeigt hat, was er kann. Und zwar im Western-Stil, da Mijke vor 15 Jahren vom eher drillmäßigen Englischen Reiten auf die entspanntere Cowboy-Version umgestiegen ist. Das sei viel feinfühliger, sagt sie, und die Pferde lernen alleine durchs Spüren des Reiters auf ihren Rücken, was dieser will. Dazu noch ein paar sanfte Befehle, aber kein Schenkeldruck und kein Zügelziehen. Österreich ist die viertbeste Westernreit-Nation der Welt, sagt Mijke, die selbst ein paar Mal Landesmeisterin war. Und während die blaue Stunde das Gehöft in magisches Licht taucht, wird in der ehemaligen Rauchkuchl ein offenes Feuer zum Grillen entfacht. Romantischer kann es selbst in der Prärie nicht sein, denken wir, bevor ein Sternenhimmel im 180-Grad-Panaroma noch eins drauf setzt.

„Das ist mein Platz, da bin ich daheim“, dachte sich auch der Künstler Gottfried Laf Wurm als er 1976 erstmals mit einem Moped in die Au tuckerte. Seit damals lebt er in einer ehemaligen Bäckerei in Lassee und ist wohl der bekannteste Mensch in der Gegend. Nicht nur wegen seiner Bilder, vielmehr weil der Landschaftsmaler mitsamt seiner Staffelei hier schon selbst zum Bild gehört. Ob mitten in einem Teich, einsam auf einem weiten Feld oder im Schatten der Bäume am Donauufer – wer hier lebt, rechnet immer und überall damit, dass er wie selbstverständlich wo herumsteht. Verwachsen mit der Landschaft wie ein alter Aubaum.

Die Donau, sagt Laf Wurm, sei am Wiener Hubertusdamm seine Kinderstube gewesen. Und sie spiele mit ihrer Weite, ihrer Bewegung und ihrem Licht noch immer eine große Rolle in seiner Kunst. Nur manchmal würde ihn die Landschaft da draußen erdrücken, sagt er mit einem sanften Lächeln in den Augen. Sie sei so groß, sie sei so gut. Dann zieht er sich in sein Atelier zurück, um in der Dunkelheit tief Luft zu holen und neue Ideen wachsen zu lassen.

 

Ende 1

In der Au ist inzwischen ein neuer Tag angebrochen. Leise gleiten wir mit dem Schlauchboot durch die in sich ruhende Landschaft. Eine Zauberwelt voller kleiner Wunder, die sich bislang immer gegen ungehobelte Eindringlinge zu wehren wusste. Selbst gegen Abenteurer, die dem Großstadt-Dschungel entfliehen und am Lagerfeuer einmal einen auf Wildnis machen wollen. „Am Ende des Tages“, sagt Christiane Mair, „gibt es nämlich zwei absolut verlässliche Auschützer hier: die Brennesseln und die Gelsen.“

 

 

Ende 2

„Da schau, siehst es“, ruft Christiane Mair plötzlich, als wir gemächlich mit dem Schlauchboot durch die in sich ruhende Aulandschaft schippern. „Eine Rotfeder, die wird von einem Räuber gejagt!“ Und tatsächlich, wir sehen den kleinen Fisch, gestrandet am Ufer, wo er sich japsend vor dem Hecht in vermeintliche Sicherheit gebracht hat. Sofort greifen wir in die Paddeln und können ihn gerade noch vor dem Erstickungstod zurück ins Wasser katapultieren. Auch das ist gut. Zumindest für den Augenblick, denn der Hecht wird wieder Hunger haben. Das ist das eherne Gesetz der Natur.

Donauauen

Servus Magazin Juli 2013