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MIT HUT, ELAN UND VISIONEN

Anderswo sterben die Dorfwirtshäuser aus und die Menschen ziehen davon. In Langenlebarn aber hat sich die Gastwirtschaft Floh mit ihrem Radius 66-Konzept zum Elektromotor für der Region entwickelt.

„Es war kein geradliniger Weg der direkt zu einem Ziel führte. Mit logischem Denken ergab aber immer eines das andere.“ Josef Floh lüpft seinen Strohhut und schiebt ihn ein ganz klein wenig aus der Stirn. Eine flüchtige Geste, so als sollte etwas frische Luft die Gedanken durcheinanderwirbeln. Erst wenn der Hut wieder fest auf dem Kopf sitzt, finden die Ideen und Visionen ihren logischen Platz und werden von der Krempe am Entschwinden gehindert.

Natürlich hat der Hut, ohne den man den 44-jährigen Gastwirt aus Langenlebarn in Niederösterreich so gut wie nie zu Gesicht bekommt, für ihn eine ganz andere Bedeutung. Erstens, sagt er, vertragen meine Augen das Sonnenlicht schlecht, also gibt er mir Schutz und Schatten. Daraus hat sich zweitens ein Markenzeichen entwickelt, das meine Verbundenheit mit der Landwirtschaft zeigt. Wobei der Hut da nur die oberflächliche Äußerlichkeit darstellt. Spätestens seit seinem „Radius 66“-Projekt beobachtet auch der Rest des Landes aufmerksam den Wirten aus dem Tullnerfeld, der früher als alle anderen erkannt hat, dass in einem vereinten Europa der Zusammenhalt in der Region eines der wichtigsten Kriterien zum Überleben ist. So wie es früher schon einmal war, zwischenzeitlich aber in Vergessenheit geriet.

 

Wie die Vorfahren. Meine Philosophie ist uralt und gleichzeitig hochmodern, sagt Josef Floh. Als Wirtshaus bin ich Teil einer regionalen Struktur und muss schauen, dass diese auch erhalten bleibt. Ich muss also aktiv mithelfen, dass der Bauer auch in zehn Jahren seine Früchte verkaufen kann, der Fleischhauer für seine Qualität fair bezahlt wird und somit Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Dass er heute so denken und handeln kann, mag zum Teil an seinen Vorfahren liegen, die in Langenlebarn verwurzelt sind und ihr praktisches Wissen weitergaben. Errichtet hat die „Gastwirtschaft Floh“ Großvater Karl Hof, ein Bauer, der eine ausgezeichnete Köchin aus Wien zur Frau nahm. Ihre Tochter Auguste ehelichte Josef Floh (heute sen.), einen Fleischhauer aus dem Waldviertel. 1967 übernahmen die beiden das Gasthaus an der B14, der Verbindungsstraße diesseits der Donau zwischen Wien und Tulln, an der die Häuser von Langenlebarn wie an einem Lebensnerv kleben.

Meine beiden Schwestern und ich, wir sind im Wirtshaus aufgewachsen, sagt Josef Floh. Ich war der Nachzügler, das Nestscheißerl, verwöhnt und musste im Gegensatz zur ältesten, der Gerda, nie mithelfen. Erst als der inzwischen laut Eigendefinition „Pacman-Weltmeister von Langenlebarn“ in die Hauptschule kam, wurde er vom Vater auch in der Landwirtschaft eingespannt, das Gasthaus langsam für den Junior zum Thema.

Wir dürfen an dieser Stelle vermuten, dass Josef Floh schon damals unruhig und rege im Geist immer auf der Suche nach Ideen war, es ihm aber vor allem nicht an Selbstbewusstsein mangelte. Nach einer Koch/Kellner-Ausbildung in St. Pölten, ging er mit einem herzhaften „Ich kann was“ ins Leben und landete in Feuersbrunn, wo der damals ebenfalls noch junge und ebenfalls selbstbewusste Toni Mörwald gerade den väterlichen Betrieb umkrempelte. Hier ließ man mich erstmals Eigenverantwortung übernehmen, sagt Josef Floh, während er daheim im Wirtshaus nur bei Sparvereinsauszahlungen Hirschbraten mit Serviettenknödel für achtzig Leute kochen durfte.

Weil eine umtriebige Person wie Josef Floh auch über den Tellerrand schaut, legte er 1992 auf dem Weg zu einem Prince-Konzert in München einen Stopp im bayerischen Aschau ein und bewarb sich bei Sternekoch Heinz Winkler. In dem einen Jahr dort, sagt Josef Floh, habe ich sehr viel gelernt. Ich habe mich für Betriebsführung und Konzeptentwicklung interessiert und gesehen, wie man am besten reagiert, wenn etwas in die falsche Richtung läuft. Das passiert einem ja öfters im Leben, gerade wenn man nicht auf ausgetrampelten Pfaden wandeln möchte.

 

Wieder daheim. 1993 begann Josef Floh das elterliche Wirtshaus das erste Mal umzubauen. Im jugendlichen Leichtsinn, sagt er heute, weil einmal begonnen, wurde aus dem kleinen Umbau dann irgendwie doch was Größeres, bei dem nur die alte Gaststube übrigblieb. Selbst die zugehörige Landwirtschaft wurde stillgelegt. Während des Umbaus, sagt Josef Floh, habe ich zum Vater gesagt: Es kann nur einen geben, der entscheidet, und das bin ich. Der kluge Mann akzeptierte und stärkte seinem Sohn den Rücken.

Es waren die 1990er Jahre und Europa träumte von grenzenloser Freiheit. Die Welt war groß und weit, der ökologische Fußabdruck noch nicht als Wort geboren, es gab Hummer aus Kanada, Rindfleisch aus Argentinien und Lämmer aus Neuseeland. Nur ein junger Wirt aus Niederösterreich machte sich in seiner näheren Umgebung auf die Suche nach den besten Lieferanten. Vielleicht auch aus Notwehr, um die eigenen Energien nicht verpuffen zu lassen. Für seinen wöchentlichen Einkauf am Wiener Großgrünmarkt um fünf Uhr früh nämlich, fuhr Josef Floh bereits um Mitternacht in die Stadt, hielt sich dort in der Disco U4 tanzend wach, danach aber kaum noch auf den Beinen.

Radius 66. Eine wilde Zeit, sagt Josef Floh und lüpft wieder einmal kurz den Hut. Er begann also Landwirte in der Gegend aufzuspüren, die ihm Qualität liefern konnten und wollten. Und so wie es schon immer Usus bei Weinkarten war, schrieb er die Bauern in die Speisekarte. Ja, er klebte sogar Fotos von ihnen hinein und gab seinen Speisen ihre Namen.

Apropos Wein: Die Wachau ist nicht weit und so versammelten sich im Wirtshaus alsbald die besten Winzer des Landes zu Verkostungen. Daraus entwickelte sich der nächste Schritt, sagt Josef Floh, und wir verkosteten nach ähnlichem Muster Lebensmittel. So fand er den besten Sauerrahm, das beste Leinöl, den besten Fruchtessig undsoweiterundsofort.

Immer öfter stellte er sich dabei die Frage: Woher kommt denn das? Eines Abends vor sieben Jahren zückte er den Zirkel und zog auf der Landkarte einen Kreis mit Radius 33 Kilometer rund um Langenlebarn. Es war vernichtend, sagt Josef Floh, weil da drinnen war dann zwar Mödling – für mich praktisch aus der Welt –, aber Langenlois, quasi in Sichtweite, nicht. Erst bei 66 Kilometern sind 51 Lebensmittel-Produzenten aus A wie Absdorf bis Z wie Zöbing integriert. Nur elf wie etwa Erich Stekovic und seine Paradeiser oder die Bierbrauerei in Schrems liegen nur knapp außerhalb. Dazu kommen ein paar Ausnahmen, sagt Josef Floh, ohne die Genuss nicht vorstellbar wäre. Das Altausseer Bergkernsalz etwa oder die Zotter-Schokolade aus Riegersburg gibt es leider nicht ums Eck.

Konsequent bis zum E-Mobil. Einmal eingeschlagen, verfolgt Josef Floh diesen Weg konsequent weiter. Er kauft nur mehr ganze Tiere, zerlegt und verarbeitet sie, wie vom Papa gelernt, von der Schnauze bis zum Schwanzspitzel. Er hat die Landwirtschaft hinterm Haus wieder aktiviert, die er einst selbst stillgelegt hatte, baut dort biozertifiziert Kräuter und Gemüse an.

Als 2013 der zweite Umbau des Wirtshauses anstand, holte er sich einen Architekten aus dem nahen Tulln, arbeitete nur mit Handwerkern aus der Region und stellte auch die Energietechnik komplett um. Geheizt wird jetzt mit einer Wasser-Wasser-Wärmepumpe, in der Küche wird anstatt mit Gas mit Ökostrom gekocht, das Altöl in Biodiesel umgewandelt und Getränke nur in Glasflaschen gekauft. Dazu gibt es draußen an der Hauswand eine E-Tankstelle.

Ich muss an die Zukunft meiner Kinder denken, sagt Josef Floh, während der vier Monate alte Josef-Ignaz selig an seiner Schulter schläft und die sechs Jahre alte Luisa an der Hand von Mama Elisabeth durch die Gaststube hüpft. Darum fährt der Wirt seit knapp zwei Jahren nur mehr mit einem Elektro-Auto, auch die Lieferanten werden damit abgeklappert. Das geht super mit dem Radius 66-Projekt, sagt Josef Floh, und es entschleunigt ungemein. Dann lüpft er kurz den Hut, entschwindet in die Küche und sorgt dort dafür, dass eines das andere ergibt. Schließlich muss man ja auch noch die Gäste genussvoll entschleunigen.

Josef Floh

flow-Magazin März 2016