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Lammertal

Servus Magazin Dezember 2018
EIN KLEINES WINTERMÄRCHEN

Im Salzburger Lammertal leben Menschen, die sich ihrer Traditionen und Wurzeln besinnen. Deshalb ist es auch ein bisschen stiller als woanders hier. Vor allem wenn es schneit.© Fotos: Christof Wagner

Es schneit. Es schneit in so richtig dicken Flocken, die nach ihrer Landung auf deinem Handschuh aufrecht stehen bleiben, um dich mit ihrer komplexen kristallinen Konstruktion in 3-D noch kurz zu beeindrucken bevor sie dahinschmelzen. Ringsherum haben sie sich bereits dicht verwoben und alles so zugedeckt, dass du gerade noch erahnst, wo oben und unten ist. Nur die Lammer wehrt sich fröhlich plätschernd gegen das monochrome Weiß. Auch gegen die Stille wehrt sie sich und nimmt dich freundlich an der Hand auf deinem Weg, von dem du schon fürchtest, er führt dich ans Ende der Welt.

Da hinten ist nur das Ende vom Tal, sagt Rochus Quehenberger, der vor seinem Berghof Wildau mit einem Reisigbesen versucht der weißen Pracht so weit Herr zu werden, dass man auf einem schmalen Pfad zum Haus stampfen kann. Da hinten, da wo er jetzt mit dem Besen ins Nichts so zirka-in-etwa gegen Westen zeigt, ist das Tennengebirge, da entspringt die Lammer und da könnten wir in dreieinhalb Stunden bis nach Werfenweng gehen. Wenn wir wollten.

Wir könnten auch, wenn wir wollten, Richtung Süden über die Tauern nach Filzmoos gehen. So wie einst Rochus, der dort drüben mit seiner Mutter und den fünf Geschwistern aufgewachsen ist, während sich der Vater hier herüben um den alten Erbhof bei Lungötz kümmerte. Jeden Stein kannte Rochus auf diesem Weg, den er sooft zurücklegte, erst als er Fünfzehn war zog die ganze Familie hierher ins Lammertal.

Der Keller ist aus dem 13. Jahrhundert, sagt Rochus und dass das hier vermutlich der erste Hof im Tal war. Teile des Hauses sind noch im Original so erhalten wie bei der Erbauung 1634, die alte Stube zum Beispiel und eine Rauchkuchl. Natürlich leben die Quehenbergers selbst nicht mehr im alten Gebäude.

In den siebziger Jahren, sagt Rochus, der heute 73 ist und so rüstig dasteht, als würde er noch immer täglich bei jedem Wind und Wetter den Weg nach Filzmoos antreten. In den siebziger Jahren also, als die Alpin-Touristen diesen versteckten Winkel in der Salzburger Bergwelt entdeckten, bauten Rochus und seine Frau Michaela daneben ein neues Haus für die Gäste und die Familie. In dieser Reihenfolge, denn er musste ja schon als Kind sein Bett räumen, wenn müde Wanderer auf dem Hof hereinschneiten.

Damals war es dann auch vorbei mit der Selbstversorgung, weil der Getreide- und Kartoffelanbau aufgegeben wurde. Kaum Ertrag, sagt Rochus, der viele Jahre noch nebenbei nach Deutschland ins Holz arbeiten gefahren ist. Trotzdem wird auf dem Berghof noch vieles selbst gemacht, Birnenschnaps angesetzt und vor allem vor Weihnachten Apfelbrot nach einem uralten Rezept gebacken.

Obwohl die Quehenbergers versucht haben vom Kachelofen aus 1887 über bäuerliche Gerätschaften bis zu Klosterarbeiten vieles in die Gegenwart zu retten, steht auf dem Hof kein Diachtbadl mehr. Wieso das so heißt, weiß keiner mehr, sagt Martha Auer, 64, vom Bodenberg in Rußbach, nur hinterm Berg in St. Wolfgang sagen sie genauso dazu. Der holzbefeuerte Ofen stand einst bei jedem Hof im Freien um darin Obst zu dörren. Heute ist Martha vermutlich die einzige, die noch ein Diachtbadl hat, das allerdings vor zwanzig Jahren neu errichtet wurde. Seither kommt man aus der ganzen Gegend zu ihr, um Äpfel, Zwetschken und Birnen, für den Winter als Vorrat zu dörren.

Das wachst zwar alles hier bei uns, ist jedoch nicht zum essen, sagt Martha und schüttelt sich leicht. Viel zu sauer, aber getrocknet ein Traum, sagt sie und dass wir unbedingt einen Fuchs probieren müssen. Auch da weiß keiner mehr warum dieses alte Lammertaler Gericht so heißt, für das getrocknete Früchte am Vortag mit Wasser, Zimt, Nelken und Zitronensaft kurz aufgekocht werden. Am nächsten Tag gab es diesen Fuchs mit Krapfen oder Polsterzipfen als Mittagessen.

Ich mag das heute noch gerne, sagt Martha mit dem Blick derjenigen, die schon einiges mitgemacht haben im Leben. Aus Abtenau hat sie einst hergeheiratet auf einen Hof auf knapp 1.000 Metern Höhe, dem das Schicksal nie so recht freundlich gesinnt war. Es waren seit Generationen die Frauen, sagt Martha, die hier die Wirtschaft aufrecht erhalten mussten. Auch sie stand nach zwei Jahren Ehe alleine da, und hat sich und den Hof mit dem Bemalen von Bauernmöbeln in Heimarbeit über Wasser gehalten. 40 Kühe, 7 Pferde, Ziegen, Schafe und Gänse gibt es jetzt auf dem Hof, auch ein Mann steht Martha wieder zur Seite. Und weil Tochter Klara, 20, bereits leises Interesse an der Landwirtschaft zeigt, wird sich das mit den tüchtigen Frauen vermutlich fortsetzen.

Auch drüben am Winterstellgut hoch über Annaberg folgt man der Tradition der Selbstversorgung. Weil es immer so war und weil es weiter so bleiben soll, sagt Erwin Werlberger, 41, der seit zwölf Jahren die Wirtshausküche schupft. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof im Tirolerischen Fieberbrunn mit einer Oma und einer Mutter die ausgezeichnete Köchinnen waren und ihm die Liebe zum Kochen und die Wertschätzung für gute Lebensmittel von klein auf eingeimpft haben. Eine Kultur, die auch seine späteren Lehrmeister pflegten, allen voran Hans Haas im Münchener Tantris und Eckhart Witzigmann im Salzburger Hangar-7.

Mit seinen fünf Mitarbeitern in der Küche verarbeitet Erwin die Tiere vom Nasen- bis zum Schwanzspitzel. Da werden Schinken, Wurst und Speck geselcht, Brot gebacken, Nudeln, Marmeladen und Kompotte gemacht, Schnaps gebrannt und Gemüse und Kräuter im eigenen Garten gezogen. Ansonsten hat der Koch ein feines Netzwerk an Zulieferern aus der Region aufgebaut, Fische kommen aus dem nahen Salzkammergut, Wild von der eigenen Jagd und die Rinder vom Aignerbauer im Lungau.

Was für ein begnadeter Platz, sagt Erwin mit ehrfürchtigem Vibrieren in der Stimme während rundum jetzt die Berggipfel mit dem mittlerweile blitzblauen Himmel und dem frischen Schnee wetteifern, wer wohl der Schönste in diesem Wintermärchen ist. Und so als hätten sie das gespürt galoppieren auch noch die elf Winterstellgut-Haflinger über die Koppel und machen mit fliegender Mähne klar, dass ohne sie das Postkarten-Idyll nicht perfekt wäre.

Die geben sich diese Kulisse täglich von neun bis 16 Uhr, sagt Christina Haslinger und läßt ihre Schützlinge dabei nicht aus den Augen. Gemeinsam mit ihrem Partner Josef Kronbichler kümmert sie sich seit über acht Jahren um die aktuell neun Stuten und zwei Wallache aus der Zucht. Die Liebe zu Pferden hat die beiden vor 15 Jahren im Fohlenhof in Ebbs zusammengeführt, wo Josef bereits dreißig Jahre mit Haflingern gearbeitet hat. Ich bin mit diesen Pferden aufgewachsen, sagt er und dass sie in die Berge passen. Manche sagen ihnen auch eine gewisse Sturheit nach, aber das verneinen die beiden Experten vehement. Intelligent, sagt Josef. Liebenswürdig, vielleicht manchmal mit Macken, sagt Christina, die genau weiß, dass zum Beispiel die vierjährige Fee besonders neugierig ist. Jetzt wird es aber langsam Zeit, die Sonne senkt sich langsam Richtung Bergrücken und läßt einen hier auf 960 Metern Höhe die Kälte deutlich spüren. Schluß mit herumtollen, sagen Christine und Josef und dirigieren die Herde in den Stall.

Schluß mit umhausen, würde Hans Gsenger zu den Haflingern sagen, denn das ist reinster Lammertaler Dialekt und der ist ihm ein Anliegen. Fegaso, also ziemlich, sagt er zur Bestätigung und lacht dabei so schallend, dass flucks ein paar Schneehauberln auf den Tannenzweigen die Balance verlieren und in die Tiefe stürzen. Nein, ein Leiser ist der Hans nicht und das Freche steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dazu trägt er das Herz auf der Zunge und vor allem hat er Musik im Blut. Ich komme aus einer Großfamilie, bin der Jüngste von sieben Kindern und bei uns hat es immer Hausmusik gegeben, sagt Hans, der jetzt die kleine Kirche am Radochsberg betritt. Die Privatkirche wurde 1903 errichtet und steht auf einem 2.600 Jahre alten Kultplatz. Wer hier herkommt hat eine Aussicht, für die wir jetzt doch das Wort atemberaubend bemühen müssen. Über den Gosaukamm bis zum Dachstein, zur Bischofsmütze, auf den Sonntagskogel und all die anderen erhabenen Größen der Tauern und des Tennengebirges.

Mit seinen Brüdern, dem Posaunenensemble Gsenger, seiner Frau Christiane Meissnitzer und ihrer Schwester spielt Hans jeden Dezember Konzerte mit ruhigen Advent- und Volksliedern auch in der Radochsbergkirche. Den Rest des Jahres gibt er es lieber rockig, komponiert mit Christiane, der Cousine von Skistar Alexandra Meissnitzer, handgemachte Mundartmusik und zieht mit ihr und der Meissnitzer-Band durch die Lande.

Überhaupt wird im Lammertal so eifrig gesungen und gespielt, wie selten woanders. In den siebziger Jahren kam das Musicum nach Abtenau und es scheint so als hätte man hier förmlich darauf gewartet, sagt Johann Gferer, ehemaliger Lehrer und jetziger Volkskultur-Experte. Bei dieser Salzburger Institution fahren Musiklehrer durchs Land und unterrichten Interessierte vor Ort. Seither wird in Chören, der Trachten- sowie in mehreren Blasmusikkapellen in Abtenau und Umgebung mit Leidenschaft musiziert.

Ebenfalls großer Beliebtheit erfreut sich der Krippenbauverein den Peter Pindl, 56, vor zehn Jahren initiiert hat. Er hat die Abtenauer mit dem, wie er es nennt, Krippen-Virus infiziert. Die Kurse sind auf drei Jahre ausgebucht, immer wieder werden Experten wie Claudio Matei aus Bergamo eingeladen um etwa die Technik der Perspektive bei Diorama-Krippen mit vier Ebenen zu verbessern. Jeden Herbst treffen sich alle zu einem Wandertag, bei dem man Moose, Sträucher, Wurzeln, Schwämme und Hölzchen einsammelt, die man später in die kleinen Kunstwerke einarbeitet. Nach dem Motto „vielleicht kann man’s ja brauchen“ lagert in der Werkstatt von Peter Pindl ein Sammelsurium an Fundstücken zwischen orientalischen Hintergründen mit Wüstenbemalung und alpenländischen Konstruktionen mit Steinhäusern und schindelbedeckten Ställen. Ein bisschen handwerklich begabt sollte man schon sein, sagt Peter Pindl und widmet sich wieder dem Schnitzen eines Türrahmens aus einem alten Holzbalken.

Mit Holz kennt sich auch Josef Lanner aus, immerhin hat der Achtzigjährige sein Leben lang im Holz gearbeitet. Mit 68 ist er dann aufs Drechseln gekommen und wer auch immer in der Gegend heute einen Eisstock braucht, kommt zu ihm. Das mach ich nur auf Bestellung, dafür aber maßgeschneidert, sagt Josef und zeigt uns einen seiner leichteren Pinzgauer aus Birne und Kirsche. Die braucht man für zache Bahnen, sagt er, auch Frauen nehmen lieber diese. Für kräftigere Schützen sind die schweren aus Esche, Ahorn oder Eiche besser.

Acht Natureisbahnen zum Eisstockschießen gibt es im Lammertal, die alle nach dem ersten Schnee und bei Minusgraden aufgezogen werden. Eine Woche dauert es bei guten Bedingungen, bei denen immer wieder Schnee eingetreten und Wasser aufgetragen wird, bis eine Bahn 15 Zentimeter dick ist. Dann treten die Ortsteile den ganzen Winter über gegeneinander an. Wegen der Gaudi und der guten Stimmung, sagt Josef. Und für ein Schnapserl, ein Essen, manchmal gibt’s auch einen Pokal, sagt er noch und sein schelmischer Blick lässt erahnen, wofür er am liebsten spielt.

Eine gute Stimmung ganz anderer Art, hat es Christine Buchegger, 46, hoch droben am Hof des Einbergbauern am Beginn des Lammertals angetan. Die Kräuterpädagogin und Aromafachfrau beschäftigt sich mit der Wirkung von sämtlichen Wurzeln und Kräutern, die man hier in der Gegend findet. Ich habe schon mit der Oma und der Mama Heilsalben und Tinkturen gerührt, sagt sie und lächelt sanft. Doch dann kam die Zeit, wo das Tal zu eng wurde und alles interessanter war, als altes Heilwissen. Erst als der Körper Warnsignale aussandte, hab ich mich wieder daran erinnert, sagt Christine, die für fast alles ein Natur-Mittelchen parat hat. Jetzt im Dezember hat das Räuchern Hochsaison, da wird zum Beispiel in der Thomasnacht mit Wacholder, Beifuss, Salbei und Fichte das Haus gereinigt.

Ihr brauchts was Beruhigendes, sagt Christine jetzt, entfacht die passende Mischung im Räucherofen und verteilt das Aroma mit einem Büschel aus gefundenen Federn von Adler, Bussard, Eule, Schwan und Krähe in ihrem Hexenhäuschen, einen umgebauten Troadkasten. Beschwingt und eingeräuchert treten wir vor die Türe. Es schneit wieder. In dicken Flocken. Alles ist still, nur tief unten plätschert die Lammer fröhlich aus dem Tal und der Salzach entgegen.