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Haute Cuisine ist wie Haute Couture

Lena Hoschek ist eine der angesagtesten Mode-Designerin des Landes. Wohl auch, weil sie im Gegensatz zum herrschenden Diktat der Szene auf Sinnlichkeit und weibliche Rundungen setzt. Genuss pur, ist ihr Credo. Was selbstverständlich auch fürs Essen gilt.

„Wow, Mädel, du bist eine Wucht!“ Die Männer einer honorigen Tischrunde im Wiener Nobel-Restaurant „Steirereck“ können ihre begehrlichen Blicke kaum im Zaum halten. Ebenso wenig allerdings auch die dazugehörigen Damen. Deren Begehrlichkeit gilt jedoch weniger Lena Hoschek selbst sondern viel mehr ihrem atemberaubenden Outfit. Ein verschmitztes Lächeln das nur einen zarten Hauch von Triumph erahnen läßt, ein schelmischer Augenzwinkerer für die Damen – im Nu hat sich der Ess-Tempel zum Catwalk verwandelt, den Österreichs Shootingstar der Modeszene in praller Sinnlichkeit durchschreitet. Nein, eigentlich durchwippt. Denn die Designerin trägt eine Kreation in Rot aus ihrer aktuellen Frühjahr/Sommer-Kollektion mit schmaler Taille und schwingendem, weiten Rock, unter dem fürwitzig ein schwarzer Spitzen-Petticoat hervorlugt. Dazu ein Dekolleté, das kaum ein Wegschauen erlauben würde, wäre da nicht auch noch das auffällige Tattoo des steirischen Panthers auf Hoscheks Unterarm. Ein Stilbruch, ja. Aber einer der aufgeht. Denn erstens ist Hoschek selbst ihr bestes Model und zweitens weiß sie ganz genau, wie man Kontraste mit dem nötigen Humor einsetzt.

Und vor allem: sie weiß, was sie will. Immer schon, auch wenn es ums Essen geht. „Essen ist Lebensqualität“, sagt Hoschek, während sie herzhaft ins dunkle Landbrot vom üppig bestückten Steirereck’schen Brotwagen beißt. „Und wenn man sich gerne mit schönen Dingen umgibt, will man auch gut essen. Das gehört für mich zusammen.“ Damit ist die 30-Jährige Grazerin in einem Business, in dem das Modell „Bohnenstange“ seit Jahrzehnten das Bild prägt, eine Novität.

Sie mache Mode für ganz normale Frauenfiguren mit ganz normalen Rundungen, sagt Hoschek. Gut, das haben wir schon von vielen Modepäpsten gehört, die dann doch wieder Models hart an der Grenze zur Magersucht über den Laufsteg schicken. Nicht so Hoschek. Was sie vor allem vor ihren Shows bei der Berliner Fashion-Week oder beim Foto-Shooting ihrer exzeptionellen Kataloge vor größere Probleme stellt. „Ich ordere bei den Agenturen rundere, weiblichere Models. Und sie schicken mir immer wieder welche, denen ich am liebsten Croissants nachwerfen möchte.“ Die dann auch noch erstaunt sind, wenn sie von ihr als zu dünn abgelehnt werden, weil sie anderorts kaum Aufträge bekommen, da sie als zu dick gelten. Und wir sprechen hier bitteschön von Kleidergröße 34, nicht 44.

Schönheit müsse leiden, ja, ein bisschen zumindest, sagt Hoschek. Allerdings nie auf Kosten des Genusses. Mehr so, in dem frau ihre Figur in Korsetts schnürt, um die Weiblichkeit zu betonen. Oder ihre Füße in High Heels zwängt. Schließlich wolle man mit dem, wie man sich anzieht, etwas bewirken. Die Blicke auf sich ziehen, der Männerwelt gefallen. „Ansonsten könnten wir ja alle im Jogging-Anzug herumlaufen.“ Doch Mode ist immer nur die Oberfläche, das äußerliche Präsentieren sozusagen.

Für eine tiefere Bindung brauche es dann schon mehr, und da hat das gemeinsame Zelebrieren einer Mahlzeit einen ganz großen Stellenwert in Lenas Welt. Wenn bei ihr zwischenmenschlich dicke Luft herrsche, brauche man nur mit ihr gut essen gehen, schon sei alles wieder in Ordnung. „Überhaupt“, sagt Hoschek, „sind für mich Liebe und Essen zwei untrennbare Dinge.“ Klar, eine kaputte Ehe lasse sich damit auch nicht kitten, zusammen genussvoll essen kann aber eine Bindung verstärken. Dazu muss man allerdings auf derselben Genusswelle schwimmen. Unvorstellbar ist für Hoschek, dass zum Beispiel ein Partner leidenschaftslos an einem Knäckebrot knabbert während sich der andere an einem saftigen Schweinsbraten delektiert. „Ich will immer alles probieren“, sagt sie, „und wenn einem der andere von seinem Gericht kosten lässt, ist das wie ein Liebesbeweis.“

Und weil wir gerade mit einem „Waller mit Dinkel, Pastinaken & Winterportulak“ in höhere kulinarische Sphären entschweben, werden all die wunderbaren Momente der Kindheit wach. Allein die Erinnerung an das sorgfältig gestrichene, mit Fenchel und Radieschen belegte, in feines Butterbrotpapier gewickelte Jausenbrot von Mama Hoschek, schildert die Designerin so plakativ, dass man sich vornimmt, ab sofort nur mehr mit selbstgemachten Jausenbroten in die Arbeit zu fahren.

„Nostalgie zieht sich durch mein Leben“, sagt Hoschek und meint damit sowohl ihr Handwerk als auch die Kulinarik. Unvergessen die Milchsuppe ihrer Oma, die bei Heiligenblut auf einer Hütte lebt. Oder der prachtvolle Anblick samt Gerüchen des alten Küchengartls, das die Oma dort hegt und pflegt. Oder das Zermalmen der ledrigen Schale eines steirischen Cox Orange-Apfels zwischen den Zähnen. Nie würde sie, sagt Hoschek, erstens auf die Idee kommen, einen Apfel zu schälen und zweitens zu makellosen, überzüchteten Apfelsorten greifen. Viel mehr interessieren sie die alten Obst- und Gemüsesorten, die man jetzt langsam wieder entdeckt.

Auch das Selberpflücken von Beeren, kann der erfolgreichen Designerin so ein Vergnügen bereiten, dass sie schon einmal Zeit und Raum dabei vergisst. So geschehen vergangenen Sommer bei einer überlaufenen Society-Weinverkostung am steirischen Pogusch, wo sie sich beim Luftschnappen vom Small Talk so im Wald in den Heidelbeerbüschen verlor, dass sie erst nach Stunden wieder zur Veranstaltung zurück fand. Wären es Walderdbeeren gewesen, wäre sie vermutlich erst am nächsten Tag wieder aufgetaucht. „Walderdbeeren mit Rahm – das ist wahrer Luxus für mich“, sagt Hoschek und gerät dabei so ins Schwärmen, dass sie gleich noch eins draufsetzt: „Der Mann, der mir Walderdbeeren schenkt, den heirat‘ ich, hab‘ ich immer gesagt!“ Nur um das jetzt gleich klar zu stellen: Die Designerin ist seit Herbst letzten Jahres fix vergeben, da hat sich noch keine Erdbeerzeit inzwischen aufgetan. Aber der Mann weiß jetzt bitte, wo seine Chancen liegen.

Wir sind mittlerweile bei einer „Kalbszunge mit Waldmeister, Austernpilzen, Lauch & Kampferwurzel“ angelangt, die Hoschek mit einem begeisterten „Ein richtig schöner Teller!“ quittiert. Trotz aller Bodenständigkeit, die Lena Hoschek eine solide Basis für ihr Tun und Sein bietet, hat sie schon früh gelernt, sich auch den großen Gourmet-Restaurants dieser Welt zu bewegen. Und zu genießen. Ihr Vater – „Ein Genussmensch, so wie ich!“ – bereiste als Handelsvertreter für Schuhe Italien und Frankreich und nahm die kleine Lena dort in die besten Lokale mit. So lernte sie bereits als 13-Jährige wie man einen Hummer zerlegt und überhaupt, wie man sich beim Essen ordentlich benimmt. Ein Maßstab, den sie heute auch bei Menschen anlegt, mit denen sie sich gerne umgibt. „Nichts ist schlimmer, als schlechte Tischmanieren“, gesteht sie, „und gerade in meinem Business ist das weit verbreitet.“ Was sie ebenfalls damals schätzen lernte: dass das Um und Auf qualitativ hochwertige Grundprodukte sind. „In der Haute Cousine ist das wie bei der Haute Couture: Das Material bestimmt den Wert. Beim Zuschnitt beziehungsweise bei der Zubereitung wird es noch veredelt. Klar wird dabei viel verschwendet, dafür bekommst du am Ende nur das Beste.“ Und nur wer sein Handwerk perfekt beherrscht, kann es an die Spitze schaffen. Das gilt für den Koch genauso wie für den Designer.

Mode und Kulinarik ziehen sich wie ein perfekt parallel gestickter roter Faden durch Hoscheks Leben. Ihren Teddybären und Puppen fertigte sie schon als Kind neue Klamotten aus alten Socken an. Und sie bekochte sie in der Puppenküche mit Nudeln. Vermutlich bekamen sie auch Zuckerstangen und Zuckerwatte, denen Hoschek selbst, bis heute nicht widerstehen kann.

Mit 18 landete die Steirerin in Wien und wurde prompt von der Modeklasse an der Hochschule für Angewandte Kunst mit dem Kommentar „Stilistisch bereits zu gefestigt“ abgelehnt. Es folgte ein Intermezzo an der Wirtschafts-Uni, bei dem sie allerdings mehr das Wiener Nachtleben als den Hörsaal kennen lernte. Besser ging es ihr dann auf der Modeschule Hetzendorf, weil man dort von der Schnittführung bis zur Endfertigung alles von der Pique auf lernt. Zu spät dran war sie danach für die Anmeldung am Saint Martins College of Art & Design in London. Da sie aber schon einmal da war, rief sie kurz entschlossen auf Anraten des österreichischen Designers Gregor Pirouzi bei Vivienne Westwood an – und wurde prompt genommen. Nach einer Einstiegsphase mit Knöpfe-annähen in der hintersten Reihe, schaffte sie den Aufstieg in der Hierarchie als man ausgerechnet jemand suchte, der eine Barbie-Puppe für ein Charity-Event in Westwood kleiden sollte. „Da bin ich die Oberspezialistin!“, zeigte Hoschek auf und schaffte es in Folge, dass die Meisterin persönlich auf sie aufmerksam wurde. Insgesamt acht Monate schaute sie der großen Dame der Modewelt auf die Finger, bevor sie den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Neben einem Shop in Graz und in Wien, hat Hoschek letztes Jahr auch einen in Berlin eröffnet. Und sie erregt mit ihren witzigen Kreationen, die von klassischen Schnitten inspiriert und mit kontroversiellen Details aufgepeppt sind, international Aufsehen. Vorläufiger Höhepunkt: die aktuelle März-Ausgabe der französischen Vogue widmete Hoschek eine ganze Seite.

„Ich habe mich bislang nur aufs Geschäft konzentriert, war eine Reisende zwischen Shows, Messen und meinen Shops“, sagt Hoschek. Deshalb habe sie auch nicht einmal eine eigene Wohnung, sondern logiere in Wien mit einer Freundin in einer WG. Doch schön langsam würde es Zeit, sesshaft zu werden. Wohl auch, weil sie endlich wieder selbst kochen und nicht nur dauernd essen gehen will. Dazu gehöre nun einmal eine schöne Küche, die ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet sei. Vielleicht im Fifties-Stil, so wie ihre aktuelle Kollektion. Auf jeden Fall aber mit besten Materialien. Dann würde sie einkaufen gehen, sagt Hoschek, vor allem auf Märkten. Schließlich sei das wie bei Stoffmessen, da könne man nach Herzenslust aus dem Vollen schöpfen. Und selber Brot backen würde sie auch. Oder noch besser: Brioche fürs Sonntags-Frühstück. Und es würde ganz heimelig werden, wenn sich dann der Duft des Gebäcks durch die eigene Wohnung zieht...Ohhh, man wird ja wohl noch träumen dürfen. Obwohl: bei dem Durchsetzungsvermögen dürfen wir sicher sein, dass Lena Hoschek auch diesen Traum zielstrebig alsbald in die Realität transferieren wird.

Lena Hoschek

A la Carte-Magazin 2011