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VOM KUHSTALL ANS TAUFBECKEN

Albert Greiter aus Unterostendorf im Ostallgäu ist vielseitig begabt. Im Grunde seines Herzens ist er aber Landwirt geblieben. Auch wenn ihn die Lebenssinnfrage Gott und den Menschen näherbringt.

© Foto Julia Rotter

„Da macht ma, da tuat ma und innerhalb von ana Minuten is ois hin!“ Wir stehen mit Albert Greiter auf einem Feld bei Unterostendorf im Ostallgäu, auf dem bis gestern die Welt noch in Ordnung war. Der Mais sproß und gedieh und auch nebenan versprachen die jungen Weizenähren eine gute Ernte. Doch dann verdunkelte sich der Himmel und schleuderte nicht nur Blitz, Donner und dicke Regentropfen über die Landschaft. Hagelkörner, so groß wie Tischtennisbälle, zogen einen Streifen der Verwüstung durch die Felder und zwar ausgerechnet durch jene von Albert Greiter.

Totalausfall beim Mais, sagt er, während er eine geknickte, kleine Pflanze in seinen großen Händen hält. Mit wehmütigem, zärtlichen Blick, fast so als könnte er ihr irgendwie doch noch neues Leben einhauchen. Auch fünfzig Prozent vom Weizen sind kaputt und damit wird es heuer ganz schön eng für den Bauern. Es war der zweite Hagel innerhalb von 3 Jahren und so etwas hat es in den 40 Jahren seit Albert Greiter Landwirt ist noch nicht gegeben.

Taxierend und innerlich kalkulierend schweift sein Blick über den Horizont, um Fruchtbares von Vernichtetem zu trennen. Und nur für den Bruchteil einer Sekunde läßt seine Miene dabei so etwas wie Verzweiflung erahnen. Damit muss ein Bauer umgehen können, sagt er aber jetzt mit fester Stimme und optimistisch, um sofort einen Plan zu entwerfen. Schnellwachsender Mais könnte gesät werden, dann braucht es nur noch einen heißen Sommer und alles wäre halbwegs wieder geritzt.

Wird ein harter Kampf, jawohl, und zum ersten Mal zieht er ernsthaft eine teure Hagelversicherung in Erwägung. Nach sechs Jahren ohne Hagelschaden jedoch, baust du dann den Mais umsonst an, lautet allerdings die nüchterne Rechnung, die es zu bedenken gilt. Und die kann ganz allein der Himmelvater beeinflussen, zu dem Albert Greiter zwar einen guten Draht hat, der aber auch ihn so manch Prüfung unterzieht.

„Es gibt keine heile Welt“, sagt Albert Greiter, der jetzt 55 Jahre alt ist und den Hof mittlerweile an den jüngsten seiner drei Söhne, den 27-Jährigen Anton übergeben hat. Was nicht heißt, dass der Vater nicht weiter tatkräftig mithilft. Immerhin stehen da auch noch 150 Kühe im Stall, die täglich um halbsechs Uhr früh gemolken werden müssen und abends noch einmal.

Seit 1881 gibt es den Bauernhof, erbaut vom Urgroßvater, der nach Unterostenhof geheiratet hat. Vor zwanzig Jahren stellte sich Albert Greiter selbst einmal vor die Entscheidung, ob er weiter machen wolle oder nicht. Fünf große Bauern gab es damals noch in dem kleinen Nest, heute sind sein Sohn und er die einzigen.

„Einmal Bauer, immer Bauer“, sagt Albert Greiter und muss dabei lächeln, weil gerade er so vielseitig talentiert ist, dass sein Leben auch ganz anders verlaufen hätte können. Doch irgendwie schaffte er es, alles unter einen Hut zu bringen. „Mein Lebenspuzzle“, sagt er dazu, das ihn zwar auf mehreren Wegen ausschweifen ließ, in dem er aber bis zur Hofübergabe (und wohl auch danach) mit beiden Beinen fest in der Landwirtschaft verankert blieb.

Mit Holz konnte er immer schon umgehen, sagt Albert Greiter, und dazu war er musikalisch. Als man eines Tages, als er noch jung war, in einer Kirche jemanden für Stanzarbeiten suchte, da hat er sich halt gemeldet. Eine Orgel musste repariert werden und weil ihn das gar so interessierte, erlernte er gleich den Beruf des Orgel- und Harmoniumbauers dazu. Wie viele Orgeln Albert Greiter seither restauriert hat, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Eine seiner herausragendsten Arbeiten steht gleich in der Nähe in Eldratshofen in einer renovierten Kirche aus dem Jahr 1480. Eine historische Schleifladenorgel mit sieben Registern, die er vor 25 Jahren zum Materialpreis wieder auf Vordermann brachte.

Obwohl er selbst, seit er denken kann, Klarinette spielt und ihn der Klang der Orgel zutiefst berührt, lernte er nie darauf zu spielen. Manchmal war’s schon langweilig beim Orgelbauen, sagt Albert Greiter, der sich als wendiger Geist dann nebenbei mit den christlichen Symbolen beschäftigte, die ihn in der Kirche umgaben. Katholisch aufgewachsen, brachte ihn das immer mehr zum Nachdenken über Gott.

Als eines seiner insgesamt vier Kinder gleich zweimal hintereinander lebensgefährlich erkrankte, war die Frage nach dem Sinn des Lebens für ihn unausweichlich. „Ich hätte für das Leben meines Kindes meinen ganzen Hof verkauft“, sagt Albert Greiter, wo wie wohl nahezu alle Eltern dieser Welt. Er aber ging nach der glücklichen Genesung auf die Suche nach dem Glauben, versuchte bei Meditationskursen im Kloster Neeresheim seine innere Ruhe wieder zu finden. Doch immer mehr Fragen ohne Antworten taten sich auf und als er eines Tages auf dem Klostersims ein Flugblatt für einen Theologie-Fernkurs fand, steckte er es zwar ein, ließ es aber daheim unbeachtet liegen. Erst ein halbes Jahr später fiel es ihm wieder in die Hände, da war er dann reif, um sich anzumelden.

In den zwei Jahren des Studiums sei sein Gottesbild immer weiter geworden, sagt Albert Greiter, und die Freude an Gott immer stärker. Viele seiner Fragen seien ihm aber erst später bei der Arbeit mit Menschen beantwortet worden. Schließlich sei er kein Theoretiker sondern ein Praktiker, der die Nächstenliebe auch gleich leben möchte. Seit 14 Jahren ist er deshalb Hospizhelfer und begleitet Schwerstkranke und Sterbende mitsamt ihren Familien in ihren schweren Stunden. Dabei habe er gelernt, sagt Albert Greiter, dass es am Ende des Tages nur um ein Maximum an glücklichen Stunden in unserem irdischen Leben geht.

2002 wurde er schließlich zum Ständigen Diakon geweiht, und war für die Pfarreiengemeinschaft Germaringen, zu der auch Unterostendorf gehört, ehrenamtlich zuständig. Das Amt des Ständigen Diakons gibt es in der römisch-katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965). Demnach dürfen Diakone taufen, trauen, beerdigen, Wortgottesdienste spenden usw. Sie dürfen jedoch keine Kranksalbungen spenden und Bußen abnehmen, auch die Feier der Eucharistie bleibt alleine den Priestern vorbehalten.

Und Diakone dürfen verheiratet sein, wenn sie zum Zeitpunkt ihres Entschlusses bereits mindestens 5 Jahre getraut sind. „Meine Frau Hannelore“, sagt Albert Greiter, „war während des ganzen Prozesses mit einbezogen. Ohne ihre volle Unterstützung, wäre das nicht gegangen.“ 32 Jahre sind die beiden jetzt verheiratet und Albert Greiter ist ein bißchen stolz darauf, dass sich auch noch kein Paar, das von ihm getraut wurde, wieder getrennt hat.

Im September letzten Jahres hat man ihn nun zum Hauptberuflichen Diakon ernannt. „Ein Traum hat sich erfüllt“, sagt Albert Greiter, allerdings mit einem kleinen Wermutstropfen. Er musste beruflich sein heimatliches Umfeld verlassen und betreut nun die Pfarreiengemeinschaft Pfaffenhausen, ca. eine halbe Autostunde entfernt.

Hier müssen sie ihn erst langsam kennenlernen, daheim hingegen ist er bekannt wie ein bunter Hund. Weil man sich halt kennt hier und weil er auch zum Notfallseelsorger ausgebildet wurde. Und weil er als guter Menschenkenner weiß, wann es im bäuerlichen Leben am häufigsten Krisen zu bewältigen gilt. „Zweimal wird es besonders schwierig“, sagt Albert Greiter. „Bei Frauen ist das nach der Geburt des ersten Kindes. Da ändert sich für sie alles, für die Ehemänner aber gar nichts. Für die Männer wird es dann gefährlich, wenn sie in den Ruhestand treten. Nach einem harten Arbeitsleben am Feld und im Stall ist plötzlich nichts mehr da.“ Da er sich nun einmal in den Dienst der Liebe Gottes zu den Menschen gestellt hatte, stand den bedrängten Schäfchen natürlich jederzeit seine Hoftüre offen. Das hat sich mit der neuen Aufgabe am neuen Ort geändert. Trotzdem bittet man ihn in Unterostendorf und Umgebung nach wie vor um Sakramente für die Familie und weiß, dass er das gerne annimmt.

Heute, Sonntag zum Beispiel, wird die kleine Klara-Barbara in der Kirche von Gutenberg von Albert Greiter getauft. Während sich die Gesellschaft ungezwungen in den heiligen Gemäuern versammelt und selbstgebastelte Liederheftchen mit Fotos vom Taufkind verteilt werden, huscht der Diakon mit einem Kleidersack in die Sakristei. Nein, das Stallgewand hat er natürlich nicht mehr an. Er trägt einen schwarzen Sonntagsanzug und ein goldenes Kreuz um den Hals, denn danach geht’s gleich weiter zum Kirchtagsfest in der neuen Pfarreiengemeinschaft. Jetzt aber stülpt er sich die Albe über und die Stola, um sich ganz dem Täufling zu widmen. Freude und Liebe sind seine Themen heute, die das kleine Menschenkind auf seinem Weg geleiten sollen. „Denn“, so Albert Greiter später, als er wieder im Anzug, die Kirchentüre absperrt, „das Leben ist ja, wie es ist. Der Glaube kann uns nur helfen und die Kraft geben, dass etwas Wertvolles daraus wird. Oder ganz einfach den Hagel auszuhalten.“    

Pfarrer Greiter

Servus Magazin September 2013