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ACH, DIESE STILLE

Wenn menschliche Laute in den Hintergrund treten, wird die Natur laut. In den Rheinauen bei Ettenheim, wo wilde Natur- und gepflegte Kulturlandschaft so eng beieinanderliegen, kann man das besonders schön hören.

© Foto Michael Armbruster

„Ich suche mir meine Plätze zum Zeichnen immer ganz abseits. Nur so bin ich ungestört.“ Seit einer Viertelstunde kurven wir mit Ulrich Fürneisen in seinem uralten blauen Fiat über Feldwege, Wiesen, Stock und Stein. Hätten wir jemals eine Orientierung gehabt, wir hätten sie längst verloren. So, sagt der Künstler und stoppt abrupt an einem Wiesenrand, da geht’s zu Fuß weiter zu meinem Atelier.

Wie ein dichter Theatervorhang breitet sich der Auwald von Taubergießen vor uns von links nach rechts über den ganzen Horizont aus, nur der Maler weiß genau wo der Spalt zum Durchschlüpfen in eine andere Welt ist. Eine Welt, in der der Mensch lediglich Zuschauer und die Natur der Regisseur ist. Verspielt tanzen Lianen vor unseren Nasen und drücken unbemerkt den Knopf mit der Aufschrift „Fantasie“. Da schau, ist da nicht gerade eine Elfe übers verflochtene Astwerk gehuscht? Oder dort, dort plumpst jetzt ein Zwerg mit grünem Wams in den von Blättern bedeckten Tümpel. Blödsinn, sagt die Vernunft und holt uns ins Hier und Jetzt zurück, das eine war eine Libelle mit dem schönen Namen „Hufeisen-Azurjungfer“, das andere ein Grasfrosch. Während wir vorhin noch eingelullt von der plötzlichen Stille wie in einem Traumland umherwandelten, schärfen sich schön langsam wieder unsere Sinne. Ja, sagt Ulrich Fürneisen, der vor uns durchs Dickicht stapft und wir haben richtig Mühe ihn zwischen knackenden Ästen und kreischenden Vögeln zu verstehen. Ja, sagt er, die Natur ist laut.

Eine Geräuschkulisse, die den Maler aber nicht im Geringsten stört. Seit beinahe 40 Jahren steht der Joseph-Beuys-Schüler von Mai bis November irgendwo in diesem zwölf Kilometer langen Urwald am Rhein im Freien und dokumentiert mit feinen Bleistiftstrichen auf Leinwand den Wandel der Natur. Drei Monate lang kehrt er täglich an denselben Platz zurück, schaut sich ein in das Dickicht und fertigt absolut realistisch ein Protokoll der Zeit an. Fertig ist ein Bild aber nie, sagt Ulrich Fürneisen, denn die Natur verändert sich ja ständig. Er weiß aber, wann der Schlußstrich gezogen werden soll.

Es war eine Demo gegen das geplante AKW in Wyhl am Kaiserstuhl, die den Düsseldorfer 1979 das erste Mal in die Gegend verschlug. Damals, in einer Vergangenheit, die langsam in unserem kollektiven Gedächtnis verblasst und die schon bald neben Weltkriegen und diversen Revolutionen einen verstaubten Platz in der Geschichte einnehmen wird. Eine Zeit, in der man mit persönlichem Einsatz für seine Ideale kämpfte und seinen Widerstand nicht nur als Momentaufnahme im virtuellen Raum verpuffen ließ. Damals, in dieser Vergangenheit, die für die Millionen Jahre alte Aulandschaft gerade einmal ein Wimpernschlag im Zeitgefüge war, damals also fand Ulrich Fürneisen hier zu seiner künstlerischen Bestimmung.

Hier war nur ich, sagt er während er jetzt sein in einer Baumkrone verstautes mobiles Atelier auf Seilen herunterhievt, und Milliarden von Schnacken. Unbeeindruckt und unbesprüht steht er in einer dunklen, surrenden Wolke, die ihn aber als Königsmücke zu akzeptieren scheint, und nicht zusticht. Nur wir bereuen jeden Millimeter Nachlässigkeit ohne Mückenschutz auf unserer Haut.

Das mit der phantommäßigen Unsichtbarkeit in freier Natur, wo sich Ulrich Fürneisen nur mit Mäusen, die in seinem Malkasten nisten, Ameisen, die auf seinen Stiften turnen, starken Regenfällen und plötzlichen Hochwassern zu arrangieren hat, sollte sich aber als Chimäre erweisen. Obwohl der Maler nie einen Menschen sah, gestanden ihm die Einheimischen, als er nach drei Jahren erstmals zum Stammtisch gebeten wurde, dass sie immer ganz genau wussten, wo er gerade stand und zeichnete.

Seltsamer Kauz, dachten sie, aber harmlos, sagt Ulrich Fürneisen und lächelt belustigt. So wie er mittlerweile mit der Aulandschaft verwachsen ist, wenn er wie ein knorriger Stamm vor der Staffelei steht, so haben sie ihn hier längst akzeptiert. Und in Kappel-Grafenhausen, wo er ein Zimmer bewohnt, steht vor dem Rathaus ein von ihm mit Schwemmholz und Bronzeteilen gestalteter Brunnen, der der Fischerei gewidmet ist.

Seit Menschengedenken hat Fischen am Rhein Tradition, seit über 400 Jahren hat man sich in der Gegend zwischen Rheinhausen und dem Ortenaukreis zur Fischereizunft zusammengeschlossen. Seither werden innerhalb der Familien die Rechte vererbt, aber nur an männliche Nachkommen.

Sechszehn sind es noch, von der Berufsfischerei leben jedoch nur mehr fünf, sagt Heinz Gruninger, dessen Familie seit 1583 die Rechte hier in Taubergießen besitzt. Er steht in seinem Stocherkahn und manövriert uns wie ein Gondoliere durch die verschlungen Arme des Altrheins und der Elz. Und da ist sie wieder, diese Stille, in der nur die silbrig-zitternden Blätter der Weiden, Ulmen, Pappeln und Erlen zart flüstern. Doch langsam dringen bereits lautere Laute ans Ohr, begleitet vom gemächlichen Plätschern des Ruders. Da düddelüt ein Pirol, dort tihilit ein Eisvogel und da hinten legt ein Schwan elegant aber geräuschvoll eine Wasserung hin.

Manchmal setzen auch rudelweise Wildschweine hier über, sagt Heinz Gruninger. Aus dem Elsass, denn zwei Drittel des 1.697 Hektar großen Naturschutzgebietes gehören zur französischen Gemeinde Rhinau. Bei uns passt aber die Wasserpolzei ganz genau auf, sagt Heinz Gruninger und grinst von einem Ohr zum anderen, dass wir Kahnfahrer nicht irrtümlich übersetzen. Auch im Wasser gibt es Polizisten, sagt er jetzt ernst, allerdings der tierischen Art. Solange wir Flusskrebse haben, ist alles in Ordnung, die überleben nur bei bester Wasserqualität. Trotzdem geht der Bestand an Rotaugen, Schleien, Hechten, Aalen und Co kontinuierlich zurück, teils durch natürliche Feinde, teils durch Umweltschäden vergangener Tage.

Bitterling und Moderlieschen, sagt Georg Riegger, gab es am Oberrhein einst überall, heute sind sie selten. Der Präsident der Badener Landesfischer betreibt bei Ettenheim eine Teichwirtschaft mit Besatzfischen, auch um bedrohte Arten zu erhalten. Das ist mein Lebenswerk, sagt der 65-Jährige, der die Fischzucht von seinem Vater und Onkel übernommen hat. Eigentlich hat er auf Tierarzt studiert. Nur Hunde, Katzen, Meerschweinchen wären mir zu wenig gewesen, sagt er, ich brauchte die Abwechslung von geistiger und körperlicher Herausforderung.

Wer heute auf den 33 Hektar des Rieggerschen Anwesens zwischen wogenden Gräsern und den glasklaren kleinen Seen, die vom Seltenbach aus dem Schwarzwald gespeist werden, herumwandelt, denkt sich: perfekt. Auf den Lößterrassen wächst Wein, Getreide und Obst, Schafe grasen die unzugänglichen Dämme ab, im Schilf brüten Vögel und Libellen – ein Stück Idylle, geschaffen im Zusammenspiel von Natur und Mensch. Diesem mittlerweile von der EU unter Naturschutz gestelltem Paradies wird man vermutlich in hundert Jahren kaum mehr anmerken, dass da die Menschenhand mit im Spiel war. Es war nicht einfach, sagt Georg Riegger. Ich wußte zwar immer was ich wollte, wegen der vielen Vorschriften musste ich lernen mich zu arrangieren. Da fiel mir, sagt er und strahlt dabei die Weisheit der Erkenntnis aus, die Demut vor der Natur viel leichter, wenn etwa ein Kälteeinbruch die Brut vernichtete.

 

Zielstrebig, aber ohne konkreten Plan gingen Anny und Helmut Hohenstein vor über zwanzig Jahren ans Werk. Sie wollten sich nicht länger um die Reben auf ihrem Weinberg kümmern, entfernten die Stöcke, fast möchte man sagen, radikal, und legten einen Garten an. Mein Motto war: hab Pflanze, kommt Beet, sagt Anny Hohenstein und dass sie keinerlei gärtnerisches Wissen hatte. Aber Talent und einen grünen Daumen dürfen wir ihr zusprechen. Im Pas de deux mit dem handwerklichen Geschick ihres Mannes entstand eine Oase voller blühender Wunder. Ein Rosenlaubengang mit einem Geländer aus Robinien zum Beispiel, 70 verschiedene Phlox in allen Farben, 120 Funkien, Clematis, Stauden, Gräser undundund – was immer man in diesen Breiten pflanzen kann, hat hier einen Platz und in Harmonie zusammen gefunden. Bis vor kurzem hat Anny die 3.800 m2 noch mit der 10-Liter-Kanne gegossen, doch jetzt musste die 72-jährige auf 5-Liter umsteigen. Das Kreuz, sagt sie, und dass man die Pflanzen durchaus erziehen kann. Die können jetzt auch mit weniger Wasser. Trotzdem, sagt sie und macht es sich unter dem prächtigen Apfelbaum bequem, hält einem so ein Garten jung.

Das hat vor über 200 Jahren dem jungen Herzog von Enghien nichts genützt. Der Bourbonne legte in Ettenheim einen Garten für seine heimliche Braut, die Nichte des Kardinals Rohan, an. Hier trafen und vergnügten sie sich bei der Gartenarbeit, bis Napoleon den Herzog nach Paris entführen und ihn wegen Verrates hinrichten ließ. Zuvor kam bereits sein Schwiegervater der Ettenheimer Kardinal Rohan bei einer Intrige am französischen Hof in die Bredouille. Er war in die Halsbandaffaire rund um Maria Antoinette verwickelt, die u.a. Goethe und Dumas als literarische Vorlage diente. Wenn man durch die barocke Altstadt von Ettenheim wandelt, glaubt man sie förmlich zu hören, die schnellen Schritte der Häscher auf den Pflastersteinen, gefolgt von Pferdegetrappel und den quietschenden Rädern der Kutschen. Ohne große Anstrengung kann man sich auch Bernhard von Weimar vorstellen, der davor 1637, die prosperierende mittelalterliche Stadt in Schutt und Asche legte. In einer Zeit, die in unserem Gedächtnis mit einer sehr dicken Staubschicht belegt ist.

Im Mittelalter, sagt Axel Haas, wurde der Steinkauz gemieden, weil dann immer einer gestorben ist. Wir stehen in seiner Falknerei beim Naturschutzzentrum Taubergießen, schauen Steinkauz Nana ins Auge und freuen uns, dass die Aufklärung zumindest mit ein paar Aberglauben aufgeräumt hat. Die Falknerei ist die älteste Jagdart der Menschheit, sagt Axel Haas und streift sich einen Lederhandschuh über, weil es Zeit zum Training für Wüstenbussard Thor ist.

Schon als Kind war Axel Haas von Greifvögeln fasziniert, aber erst vor sieben Jahren führten ihn Schicksalschläge zu seiner Berufung. Seither bringt der 45-jährige vorwiegend Kindern mit seinen Falken, Bussarden und Käuzen anhand ihres Verhaltens und Gewohnheiten den Kreislauf der Natur näher. Dazu kümmert er sich um verletzte Füchse, Rehe und Wildschweine, die er genesen wieder aussetzt. Wir müssen den Tieren wieder mehr Rückzugsgebiete schaffen, sagt er gerade als wir fürchten, dass der ausgeflogenen Thor nicht mehr zurückkommt. Schaaatzi, ruft Axel Haas jetzt und platziert ein Stück Fleisch auf seinem Handschuh. Das wirkt, alsbald schwebt Thor heran, der sich vermutlich aus der Vogelperspektive eine Menschenshow auf den Hochschaubahnen des Europaparks nebenan gegeben hat.

Um altes Kulturgut kümmert sich auch Reinhold Kirner. Auf seinem Hof, der seit über 220 Jahren in Familienbesitz ist, steht ungefähr genauso lange eine Ölmühle. Der Baum für den Pressbalken, sagt Reinhold Kirner, wurde 1798 gefällt. 1905 stillgelegt, nimmt der gelernte Maschinenbautechniker, das gute Stück aber einmal jährlich am Pfingstmontag wieder in Betrieb. Zum Walnussöl machen, sagt Reinhold Kirner, allerdings wird der Pressbalken dann nicht so wie einst von Ochsen bewegt, sondern von starken Männern aus der Gegend. Für seine biozertifizierten Speiseöle, wie etwa Lein-, Sesam- oder Kürbiskernöl, hat er natürlich eine Mühle mit elektrischem Antrieb.

Wenn die Finger mit Nüssen beschäftigt sind, redet sich’s leichter, sagt Werner Weber und drückt uns paar Walnüsse in die Hand. Wir sitzen mit dem 65-Jährigen im Restaurant auf seinem Weinberg und unsere Blicke über die unendliche Rheinebene werden in weiter Ferne nur durch Wolken gestoppt. Werner Webers Vater kam in den 1950er Jahren vom Kaiserstuhl herauf nach Ettenheim und pflanzte neben Wein auch Walnussbäume aus. Heute besitzen die Webers mit 450 Bäumen die größte private Walnussplantage Südbadens. Ich musste einiges an Lehrgeld zahlen, sagt Werner Weber, schiebt sich seinen Hut zurecht und erzählt von dem Tag an dem er die Walnussbörse in München falsch einschätzte und die ganze Ernte verbrennen musste, weil er darauf sitzen blieb. Nie wieder hat er sich seither so vertan.

 

Obwohl er Weingut und Gastwirtschaft bereits an seine Kinder abgegeben hat, heißt es nach wie vor in der Familie: Das Walnussgeschäft macht der Opa. Das macht ihn sichtlich stolz und damit da jetzt keine Rührung aufkommt, werden schnell noch ein paar Nüsse geknackt. Es ist nicht so leicht loszulassen, sagt Werner Weber und nimmt einen Schluck Walnussgeist, der Herz und Seele stärkt. Aber die Freiheit eigene Fehler zu machen, will er auch seinen Kindern gönnen.

Manchmal hatte der Papa Recht, manchmal ich, sagt Elke Niemann in der Schnapsbrennerei „Talblick“. Und Papa Fridolin Zanger, der daneben steht, kann den stolzen Glanz in den Augen kaum verbergen. Der gelernte Küfermeister hat die Brennerei einst aufgebaut und nach alter Tradition gearbeitet. Vom Papa habe ich die Geduld gelernt, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, sagt Elke Niemann. Er hat in der Früh in den Apfel gebissen und gesagt, in zwei Stunden brennen wir. Dafür ist die Art anders, wie ich das Herzstück aus dem Brand hole, sagt sie und nimmt einen tiefen Schnupperer von der goldprämierten Wagenstädter Pflaume.

Die studierte Chemikerin war erfolgreich in ihrem Job unterwegs, als sie vor neun Jahren plötzlich die Leidenschaft fürs Schnapsbrennen packte. Sie kehrte heim, ließ sich zur Brennerin und Schnaps-Sommeliere ausbilden, was ihr mit ihrem Vorwissen leicht fiel. Zwei Jahre dauerte es bis Papa und Tochter zu einem richtigen Team wurden und der Vater ihre Übergenauigkeit augenzwinkernd zu schätzen lernte. Auch wenn seine alten Holzfässer nur mehr aus nostalgischen Gründen herumstehen dürfen, vergoren wird ja längst in modernen Edelstahltanks.

Das hier sind gebrauchte Holzfässer aus dem Burgund, sagt Sven Enderle und klopft in der Garage, die seit 2007 ein Weinkeller ist, einem großen Fass auf den Bauch. Da drinnen ruht ein Pinot Noir, der so kultig und so rar ist, dass man meinen könnte er wäre eine Chimäre. Zwei kleine Weingärten mit nicht mehr als 1,8 Hektar Fläche haben die beiden Wein-Enthusiasten Sven Enderle und Florian Moll vor neun Jahren gepachtet, ohne Mittel, sogar die alte Weinpresse haben sie jemanden gratis abgeluchst. Nur das Wissen war groß, und der Respekt vor der Natur. Im Weingarten wird nach Demeter gearbeitet, die Weine im Keller, sprich in der Garage, ohne Technik in Ruhe gelassen, bis sie in Flaschen gefüllt werden. Alles per Hand.

 

Ich bin ein Romantiker, sagt Sven Enderle, der mit seinem roten lange Bart und der drahtigen Figur irgendwie einem Rebstock ähnelt. Bis in die USA zu Weinpapst Parker hat sich der Ruf von Enderle & Moll bereits flüsternd herumgesprochen, obwohl sie bei einschlägigen Verkostungen nicht in Erscheinung treten. Wir sind so etwas wie unsichtbaren Phantome, sagt Sven Enderle und lächelt belustigt. Aber das haben ja auch schon andere hier in dieser mystischen Naturkulisse von Taubergießen geglaubt.

Rheinauen

Servus Magazin Juni 2016