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IN DER STILLE DES TALES

Das Kleinarltal ist die leise Schwester der lauten Flachau hinterm Berg. Hier im Abseits läßt es sich gut Spuren ziehen, Legenden aller Art folgen und Meistern über die Schulter schauen.

© Foto: Philipp Horak

Können Pferde lachen? Wenn ja, dann haben Larissa, 8, und Bella, 6, gerade richtig Spass. Aus ihren Nüstern dampfen schlanke Atemwolken, verzwirbeln sich über ihren Ohrenspitzeln im kalten Winterhimmel bevor die beiden Noriker ihre Köpfe wieder zueinander neigen. Es scheint als würden sie sich heitere Geschichten zuflüstern, über das Leben vielleicht und das gute Schicksal, dass ihnen hier im Kleinarltal einen Platz zugewiesen hat. Hier, wo sich die Stille wie ein kuscheliger Mantel über alles drüberlegt und selbst den Lärm der modernen Zeit auf ein erträgliches Mass reduziert. Tutumm tutumm rhythmisch traben die beiden Pferde auf leisen Hufen durchs weiße Land und hätten sie nicht einen Schlitten hinten dran, würden sie wohl übermütig durch den frischen Schnee toben.

Ich bin ein Rossmensch, sagt Josef Gehwolf, der hoch droben auf dem Bock die Zügel in der Hand hat. Schon als Kind hat er das gewußt, obwohl sein Vater, der alte Grießbauer, neben den Kühen nur ein Arbeits-Pferd zum Heueinbringen hatte. Das aber war seins, mit dem ist er stolz und hoch erhobenen Hauptes durch Wagrain zum Hufschmied gefahren. Wie ein kleiner Gutsherr, zumindest ein Herr der Tiere, der kleinen und der großen.

Als Josef Gehwolf vor 40 Jahren den Hof übernahm, begann er sofort mit Pferden zu arbeiten und stützte sich neben seinem Gespür auch auf altes Wissen. Dass man ein Ross nur mit der rechten Hand hält, wenn man es aus dem Stall führt zum Beispiel. Das ist einfach so, so lässt es sich besser derhalten, sagt Josef Gehwolf und schaut dabei drein, als würde er sich jedes Mal aufs Neue wundern, dass das funktioniert.

Mit seinen 70 Jahren ist heute er der alte Grießbauer, den Hof mit 60 Pinzgauer Rindern und 8 Rössern hat Sohn Sepp übernommen. Auch ein Rossmensch, sagt der Vater mit stolzem Unterton und dass der Sepp schon als Kind nichts anderes als Bauer werden wollte. Bei uns gibt es noch viele Bauern, sagt der alte Grießbauer und weil sie alle Selbstversorger sind und nebenher ein bisschen von den Gästen leben, kann das wohl länger noch so bleiben.

 

Wir sind mittlerweile im Talschluss am Jägersee angekommen. Endstation für den Schlitten und alles das fährt, ab hier geht es nur zu Fuß weiter. Umrahmt von den Gipfeln der Radstädter Tauern rauben einem Kälte und Natur-Idylle gleichermaßen den Atem. Dazu herrscht eine Ruhe, bei der man den Eiskristallen beim Wachsen zuhören könnte.

Auch hier lebten einst Bauern, allerdings protestantische, die 1740 von den Salzburger Erzbischöfen vor die Wahl gestellt: katholisch oder abwandern, letzteres wählten. Die Bischöfe richteten im verlassenen Gebiet ein Jagd- und Fischereirevier ein und ließen sich wöchentlich Saiblinge und Forellen aus dem drei Meter tiefen See nach Salzburg liefern. Ende 19. Jahrhundert kam das Terrain in Privatbesitz der Grafen Imhoff, die auch im Pinzgau Land besaßen. Von dort übersiedelte mein Urgroßvater als Verwalter hierher, sagt Josef Haitzmann, der Pächter des Gasthof Jägersee. Das einstige Fischereihaus wurde seinerzeit von den Imhoffs umgebaut und verströmt noch heute mit handbemalten Möbeln, alten Kachelöfen und Jagdtrophäen den Charme von alten Zeiten.

Seit 1927 in Besitz der deutschen Familie Nesselrode, hatte die mittlerweile 95-jährige Gutsherrin Constanze Nesselrode nie das Bestreben an der Ursprünglichkeit der Natur beim Jägersee etwas zu ändern. Wir machen naturnahe Waldbewirtschaftung, erhalten so den Bestand unserer Fichten, Tannen, Rotbuchen und Bergahorne, sagt Josef Haitzmann, der wie seine Vorfahren hier auch Gutsverwalter, Förster und Jäger ist. Von klein auf ging er mit seinem Vater auf die Pirsch, beobachtete Rehe, Gemsen, Stein- und Raufußhühner. Von Sonnenaufgang bis 9 am abend, sagt er. Ganz schön anstrengend war das als Kind, genauso wie die täglichen 4 Kilometer zur Schule nach Kleinarl, die im Winter bis zu drei Stunden dauern konnten. Manchmal auch weil man zwischendurch einen kleinen Umweg einlegte, um in den Spuren der Ziehschlitten ein bißchen zu rodeln.

 

Ich bin hier verwurzelt, sagt Josef Haitzmann und schaut auf die Uhr. Es dämmert schon und er muss rauf in den Wald das Rotwild füttern. Nur jetzt in der Stunde, in der der Himmel den Schnee blau bepinselt, ist er dabei ungestört, kein Wanderer mehr unterwegs. Und der 16-jährige Sohn Pepi muss nicht mit in die kalte Dämmerung, davor bewahren ihn die Erinnerungen und die Lebensweisheit des Vaters. Selbst wenn man hier am Ende des Tales gerne die Zeit vergisst, stehengeblieben ist sie deswegen noch lange nicht.

Auch für Annemarie Moser-Pröll nicht, die als Teenager in den 1970er Jahren vom Bergbauernhof in Kleinarl direkt in den internationalen Skizirkus purzelte. Ich bin ins Skifahren reingerutscht, sagt sie mit diesem scheuen Lächeln, das man von ihren Siegerfotos kennt. Als drittjüngste von acht Kindern musste sie nicht nur das Gewand der Geschwister auftragen sondern auch die alten Brettln übernehmen. Da sie aber eher eine von der verwegenen Sorte war, konnte sie bald mit den einheimischen Buben mithalten, denen kein Hang zu steil, kein Gelände zu schwierig war.

Die Dertnig-Brüder, der Stefan und der Christoph, die haben mich zu Rennsport gebracht, sagt Annemarie Moser-Pröll während sie den Allrad auf dem steilen Schneeweg zu ihrem alten Elternhaus lenkt. Mit den Dertnigs hat sie sich die Pisten zum Stanglfahren selber ausgetreten, mit 15 brauste sie erstmals über eine richtige Trainingspiste vom ÖSV, mit 17 gewann sie ihren ersten Gesamt-Weltcup.

Im Sommer bin ich zum Trainieren alle Berge hier abgelaufen, sagt Annemarie Moser-Pröll, streckt den Arm aus und dreht sich auf der hölzernen Terrasse vom alten Pröll-Haus einmal um die Achse. Und auf dem höchsten, der 2.410 Meter hohen Ennskraxn, testete sie einmal in der Woche, wie fit sie war. Noch heute geht sie zwei bis dreimal im Sommer auf den Gipfel, ihre Skitouren im Winter macht sie lieber auf der anderen, der lawinensicheren Seite Richtung Kleinarlhütte und dem Penkkopf (2.011 m). Wenn das Wetter passt, schwingt sich die 64-Jährige auch gerne über die Pisten, manchmal schaut sie nachher in ihrem ehemaligen Cafe mitten im Ort vorbei. Das hat vor zehn Jahren den Besitzer gewechselt, nur die vielen Kristallkugeln und die nach ihrem Rezept gebackene Kardinalschnitte erinnern aber noch an die Skilegende.

Mit 28 habe ich mich aus dem Rennsport zurückgezogen und bin ins Cafe eingestiegen, sagt Annemarie Moser-Pröll und dass sie dann gleich einmal Backen gelernt hat. Weil wenn schon, denn schon – und da ist es wieder dieses scheue Lächeln, so als wäre das alles nichts Besonderes, ihre Siege nicht, ihre Backkunst nicht, ihr Leben nicht. Nie und nimmer wäre ich von hier weggegangen, sagt sie, während wir der Gondel nachblicken, in der heute Skifahrer locker auf den Berg schweben, wo man einst mit der Materialseilbahn das Nötigste zum Hof hinauf karrte. Ich habe die ganze Welt gesehen, aber nie einen anderen Ort gesucht, sagt sie, winkt und hebt das Telefon ab, weil wieder einmal eine Sportredaktion um eine Wortspende bittet.

 

Einen Preis ganz anderer Art haben Saskia, 45, und Erich Bergmüller, 57, eingeheimst: sie erhielten vor sieben Jahren den Energy Globe Award für ihr Hotel mit Spa, das mit Erdwärme um zwei Drittel weniger Energie braucht. 2004 haben sie die Pension auf der Edelweiss-Alm von Saskias Eltern übernommen und Schritt für Schritt zu einem ökologischen Schmuckstück umgebaut. Mit Granit aus dem Lungau, Lärchen aus dem Tal und Glas aus Wagrain. Wir leben hier mitten in der Natur, sagt Erich und läßt seinen Blick über weiße Hänge schweifen, die sich beinahe unberührt bis hinunter nach Wagrain ziehen. Wir haben nur eine Zukunft, wenn wir sie so lassen wie sie ist, setzt er nach, dreht sich um und drückt einen piccobello Espresso aus der Maschine. Skilehrer und Bar-Besitzer war er als ganz junger, am meisten kommt ihm aber seine Zeit als Holzbau-Techniker in Südafrika zugute. Vieles an Ideen hat er von dort mitgenommen, das hemdsärmelige Zupacken ist ihm aber vermutlich angeboren.

Die Seele des Hauses ist Saskia. Wie ein guter Geist schwebt sie durch die Räume, zupft hier ein paar Blumen zurecht und verpackt dort hausgemachte Seifen, Marmeladen oder Kräutertees. Ich habe mich immer mit Tibetischer und mit Kräuter-Heilkunde beschäftigt und eine TCM-Ausbildung gemacht, sagt sie und dass das auch im Hotel umgesetzt wird. Kranke Gäste werden zuerst mit Kräutern behandelt, bei Blasenentzündungen zum Beispiel mit Goldrutentee. Erst wenn das nicht hilft, gibt es Arzneien, sagt Saskia, die zu allen Gästen persönlichen Kontakt pflegt, obwohl das Haus nicht gerade klein ist. Und zu Heiligabend singen wir gemeinsam „Stille Nacht“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Gänsehautgefühl pur, bei so vielen Nationen und einem gemeinsamen Lied.

Das bekannteste Lied der Welt wurde in über 300 Sprachen übersetzt, sagt Carola Schmidt, 34, manchmal aber mit ganz anderem Text als das Original von Joseph Mohr. Für die studierte Kunstgeschichtlerin ist es spannend wann und warum das wo passiert ist. Sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse kann man ab 3. Dezember im nigelnagelneuen „Stille Nacht“-Museum im Pflegerschlößl, einem ehemaligen Gerichtssitz, in Wagrain erfahren.

Vikar Joseph Mohr hat den Stille Nacht-Text zwar 1816 in Mariapfarr niedergeschrieben, wirkte aber die längste Zeit und bis zu seinem Tod 1848 in Wagrain. Wo er sich mit den Einheimischen, wie in allen anderen Salzburger Orten, in die man ihn zuvor geschickt hatte, nicht wirklich verstand. „…der Priester ist hier im Gebirge des Bauern Hund, bey einer so versoffenen Diebs- und Lappengemeinde“, schrieb er 1841 an die Diözese seiner Geburtstadt Salzburg. Er war ein Stadtinger, sagt Carola Schmidt und dass er aus einer anderen Welt kam. Für die Bauern waren die Kinder billige Arbeitskräfte, Pfarrer Mohr aber wollte, dass sie in die Schule gehen. Auch ein Altenheim initiierte er und setzte somit den ersten Keim für soziales Denken im wilden Bergland.

Heute leistet sich die Gemeinde Wagrain eine eigene Kulturbeauftragte, die sich mit den beiden berühmtesten Zugereisten, Joseph Mohr und Karl-Heinrich Waggerl, beschäftigt. Mich, sagt Carola Schmidt und strahlt dabei so herzerwärmend wie die Sonne die den Ort gerade in goldenes Licht taucht. Vor allem das Haus des einstigen Dorfschullehrers und Dichters Waggerl ist mit seinen über 20.000 Stücken eine Fundgrube. Der gebürtige Bad Gasteiner war ein talentierter Handwerker und ein großer Sammler. Von kunstvollen Linol- und Scherenschnitten über selbst entworfene Möbel, grafischen Schwarzweiss-Fotos bis zur Lutherbibel aus 1747 im Stallstichverfahren wandelt man hier in Waggerls Welt, wobei auch seine Nähe zu den Nazis nicht ausgespart wird. Für uns als Kinder aber war er mit seinen Geschichten und Lesungen ganz einfach die Stimme des Advents, sagt Carola Schmidt und sperrt die Haustüre hinter uns wieder zu.

Handwerklich begabt ist auch Bernadette Fritzenwallner, 27. Das Aufwendigste sind die Stickereien, sagt die Säcklermeisterin, die sich im elterlichen Bauernhaus aus 1727 eine kleine Werkstatt eingerichtet hat. Ursprünglich wollte sie ja Schneiderin werden, aber dann hat sie bei einem Lederhosenmacher reingeschnuppert und es war um sie geschehen. Tief hat sie sich in die Traditionen der Lederhosen im Alpenraum eingegraben und weiß aus dem Effeff, dass die Salzburger seitlich geschnürt wird, einen rausgezogenen Latz und spitze Leisterln hat und nur weiß oder cremefarben bestickt ist. Zwei Hirsche stecken in so einer Lederhose, für einen Mantel braucht man die Häure von fünfen.

Tracht soll Tracht bleiben, sagt Bernadette und falls jemand lederne Hot Pants will, muss er woanders hingehen. Solche Kunden machen sich aber sowieso nicht auf zu ihr nach hinten ins Tal. Die meisten haben sich vorher umgehört, schließlich muss man für die maßgeschneiderten Hosen, Jacken oder Röcke nicht nur ab 800 Euro aufwärts rechnen, man muss auch 1 Jahr darauf warten. Dafür sind die edlen Teile dann auch handgestickt verziert. Das Schwierigste ist das S-Laub, sagt Bernadette und streicht mit den Fingerspitzen über das fast fertige Muster auf einer Salzburger Ledernen. Das geht nur freihändig und kann nicht vorgezeichnet werden – daran und dass die Stickerei nur oberflächlich und nicht durchgestochen ist erkennt man übrigens die wahren Meisterstücke.

Ein Meister seines Faches ist auch Franz Aichhorn, 56. Seit über 30 Jahren kocht er in Kleinarl bodenständig aber auf so hohem Niveau, dass es so manchen nur wegen seiner Küche ins Tal zieht. Mein Vater hat auf unserem Bauernhof noch selber geschlachtet, Wurst und Leberkäs gemacht, sagt Franz und dass das ein Glück war, weil der Geschmack der Kindheit prägt einem fürs Leben. Sein zweites Glück: gleich nach seiner Koch-Lehre zog es ihn raus in die Welt, nach Hamburg zu seinem Cousin Josef Viehhauser der mit seinem puristischen Stil zu Deutschlands Sterneköche zählte. Das war wie Spitzensport, sagt Franz Aichhorn und hat dabei diesen wachen Blick von einem der immer noch brennt. Frische Fische wurden direkt von Kähnen gekauft, Fasane, Hasen und Wild brachten die Jäger vorbei und so wurde der Kleinarler mit einer Leidenschaft für Produktqualität infiziert. Zwei Jahre später machte er aus der Jugendherberge der Eltern ein Restaurant, in dem er seine Ansprüche an gutes Essen seither umsetzt.

 

Weißt, sagt Franz Aichhorn und schlägt mit dem Schneebesen rhythmisch die Karfiolsuppe auf, Spitzenküche hat nichts mit Luxus zu tun nur mit Qualität. Eine Qualität, die ihm in punkto Leben auch sein Tal beschert. Die Gefahr sich auszubrennen ist nämlich groß in der Gastronomie. Josef Aichhorn läuft aber fast jeden morgen aufs 2.168 Meter hohe Gründeck, tankt dort neue energie und kehrt mit Biss wieder in seine Küche zurück.

Hoch droben haben sich zuvor  die Gipfel der Hohen Tauern der Reihe nach vor ihm verneigt, im Winter deckt der Nebel die Welt da unten zu. Alles schläft, es herrscht Ruh’. Nur die Tiere sind vielleicht schon wach und flüstern sich heitere Geschichten zu.      

Wagrein/Kleinarl

Servus Magazin Dezember 2017